Es lohnt sich, für eine gerechtere Welt zu streiten. Der Macht der Superreichen ist aber kaum beizukommen.
Von Eidos Import
Es gibt also offensichtlich viele Ansichten zur Gerechtigkeit und die philosophische Grundlage, nach der Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt werden soll, hat noch nie sonderlich weit geführt. Denn es liegt im Auge der betrachtenden Gesellschaft, was als gleich und ungleich gilt. Frauen galten früher nicht als Menschen auf der Ebene von Männern, weswegen es als gerecht galt, ihnen das Wahlrecht zu verweigern. Sklaven galten als Ware und Könige, Feudalherren oder auch Politbüromitglieder standen über dem Gesetz.
Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan beklagt ganz aktuell, dass die Reichen immer reicher werden und dass extrem Reiche immer mehr politische Macht haben. Das dürfte für eine Sozialdemokratin keine neue Erkenntnis sein. Schließlich hätte die SPD schon 1918 dafür sorgen müssen, dass die Hohenzollern und andere Profiteure extremer, jahrhundertelanger Ausbeutung enteignet werden. Ihre Nachfahren hätten heute nicht so viel zu vererben und würden nicht überall Grund und Boden besetzt halten.
Was wir aber nun an Reichtumskonzentration – vor allem in den USA – erleben, ist die Folge einer Entwicklung, die mit Reförmchen nicht aufzuhalten ist. Man muss wohl zwischen kleinen und großen Ungerechtigkeiten unterscheiden. Der direkte Zugang zum Weißen Haus, von Menschen, die mehr besitzen als sehr viele Staaten im Jahr erwirtschaften, ist sicher eine große Ungerechtigkeit. Ein Rückschritt in die Ständegesellschaft, den die Ministerin ausmacht, ist es nicht. Denn es gibt möglicherweise bald nur noch zwei Stände: Die Superreichen, die bestimmen, was in der Politik läuft einerseits und alle anderen andererseits.
Wir anderen kämpfen mit den kleinen Ungerechtigkeiten, die allerdings unser Leben sehr praktisch und nachhaltig bestimmen. Der Lohn ist zu niedrig, die Miete zu hoch, die Kinder werden in der Schule gemobbt und die Pflege der Alten frisst uns auf, obwohl wir doch schuften wie die Büffel und brav unsere Steuern entrichten. Immerhin: Wir sind vor dem Gesetz gleich, wählen frei unsere Abgeordneten und können unsere Meinung äußern. Im Gesundheitswesen und bei der Bildung gibt es viele Unzulänglichkeiten, aber es geht dort im Großen und Ganzen gerecht zu.
Es ist wichtig, etwas gegen die kleinen Ungerechtigkeiten zu unternehmen. Für unseren Alltag sind sie ja gar nicht klein. Und es ist von großer Bedeutung für eine gerechte Gesellschaft einzutreten, auch wenn es sie in Vollkommenheit nie geben wird. Aber um etwas gegen die großen Ungerechtigkeiten zu erreichen, müssen wir wissen, wofür wir es tun.
Wir sind nicht Bewohner degenerierter, europäischer Auenländer, für die uns die Imperien Russland, China oder die USA halten. Wir stehen auf dem beschwerlichen Weg der Zivilisation an der Spitze des Fortschritts und sind, bei aller Unvollkommenheit, so gerecht wie keine Gesellschaft zuvor. So wie es aussieht, werden wir diesen Fortschritt nicht mehr kampflos genießen können.
Ein erster Schritt wäre immerhin, wenn wir uns seiner bewusster würden. Ein zweiter, praktisch gleichzeitiger Schritt: Wir müssen erkennen und benennen, wer unsere Feinde sind. Die wiederum zögern keine Sekunde, uns ins Visier zu nehmen.