Modekonzern Mango

Mango-Erbe unter Mordverdacht

2024 stürzte Isak Andic, Gründer des Modekonzerns Mango und Milliardär, bei einer Bergwanderung in die Tiefe und starb. Jetzt hat die Polizei seinen ältesten Sohn verhaftet.

Mango-Erbe unter Mordverdacht

Die spanische Mode-Kette Mango hat weltweit Filialen. Jetzt steht der Sohn des Gründers unter Mordverdacht.

Von Martin Dahms

Es gibt keine Zeugen. „Der Vater, in einem Versuch, sich mit seinem Sohn zu versöhnen, stimmt dem Ausflug zu, den sein Sohn ihm vorschlägt, um sich zu unterhalten, die beiden allein“, schreibt die Richterin in ihrem Beschluss. Vater und Sohn allein, um sich zu versöhnen. Doch aus der Versöhnung wurde nichts. Hinterher sagte der Sohn, dass der Vater einen Moment stehengeblieben sei, um ein Foto zu machen, dabei müsse er abgestürzt sein, er, der Sohn, habe nur noch rollende Steine gehört. Das war am 14. Dezember 2024.

Der Tote war Isak Andic, der Gründer der Modekette Mango, 71 Jahre alt, türkischer Herkunft, einer der reichsten Männer Spaniens. Forbes schätzte sein Vermögen in jenem Jahr auf 4,5 Milliarden Euro. Sein Sohn, der Erstgeborene, heißt Jonathan, und ist gemeinsam mit seinen beiden jüngeren Schwestern Erbe des Vermögens. Wer guten Glaubens ist, war erschüttert von dem Unglück in den katalanischen Bergen. Für alles Geld der Welt hatte Isak Andic an diesem Tag kein Rettungsnetz aufspannen können. Wer Kriminalromane liest oder die TV-Serie „Succession“ liebt, machte ein skeptisches Gesicht und tippte auf Mord aus Habgier. Aber es war ja niemand dabei.

Indizien legen Mordverdacht nahe

Die Polizei hat anderthalb Jahre ermittelt und von ihren Ermittlungen fast nichts nach draußen dringen lassen. Deshalb kam die Nachricht in der vergangenen Woche als Sensation in die spanischen Wohnzimmer: Zu sehen war Jonathan Andic, wie er in Martorell nicht weit von Barcelona, in Handschellen vor eine Richterin tritt. Die Richterin erließ Haftbefehl gegen den 45-Jährigen, weil sie ihn verdächtigt, seinen Vater getötet zu haben. Gegen eine Kaution in Höhe von einer Million Euro kam er wieder auf freien Fuß, darf aber Spanien nicht verlassen. Er ist unschuldig, sagen seine Anwälte und seine Familie. Das kann sein. Es gibt aber einige Indizien, die einen Mordverdacht nahelegen.

Der Wanderweg durchs Montserrat-Massiv, den der Sohn zur Versöhnung vorgeschlagen hatte, ist ungefährlich, den könne man selbst nachts nehmen, sagen Leute, die den Weg kennen. Es gibt nur eine gefährliche Stelle, und da stürzte der Vater ab, 150 Meter in die Tiefe. Dass er sich gerade diesen Ort ausgesucht hatte, um ein Foto zu machen, stellte sich als unwahr heraus. Isak Andic hatte sein Telefon noch unbeschädigt in der Hosentasche stecken, und darauf waren Fotos vom Beginn der Wanderung – und danach keines mehr. Der Sohn korrigierte seine erste Aussage in einer zweiten Vernehmung. Am Absturzort fand die ermittelnde Bergpolizei auffällige Spuren, viel zu auffällige. Als hätte jemand mehrfach mit aller Kraft mit dem Schuh über den Boden gescharrt, damit es nach einer Unfallstelle aussähe. Ein unbeabsichtigter Absturz hätte solche Spuren nicht hinterlassen.

Der Sohn machte widersprüchliche Aussagen

Der Leichnam, sagen die Gerichtsmediziner, mache den Eindruck, als sei Isak Andic auf dem Rücken, wie auf einer Rutsche, den Berg hinabgeschlittert. Sie konnten sich darauf keinen Reim machen. Sie vermissten Verletzungen an den Händen, die sich jemand zufügt, der verzweifelt nach jedem Halt greift.

Der Sohn sagte in seiner Vernehmung aus, dass er den Weg vorab einmal gemacht habe, etwa zwei Wochen vor dem Unglückstag. Die Polizei fand bei der Analyse des Navigationssystems seines Autos heraus, dass er dreimal zum Ausgangspunkt des Weges gefahren war, und zwar sieben Tage, sechs Tage und vier Tage vor jenem 14. Dezember.

Die Ermittlungsrichterin fand es außerdem auffällig, dass der Sohn sein eigenes Mobiltelefon verlor, als er aus der Zeitung erfuhr, dass er nicht mehr als Zeuge, sondern als Verdächtiger geführt wurde. In seinem Ersatztelefon fanden sich alle Daten des verlorenen Gerätes, nur nicht seine Whatsapp-Gespräche.

Puzzlestücke passen gut zueinander

Soweit die auffälligen Indizien. Die Anwälte geben sich unbeeindruckt. „Wenn ein Indiz nicht zu eindeutigen Schlussfolgerungen führt, ist es kein Indiz“, sagen sie. Das klingt nicht überzeugend. Sie versprechen, zur Verteidigung ihres Mandanten noch bessere Argumente beizubringen.

Bleibt das mögliche Motiv für einen Mord. Aus Zeugenvernehmungen und der Analyse der Textnachrichten auf dem Telefon des Toten kommt die Richterin zu dem Schluss, dass Vater und Sohn zerstritten waren. „Der Hauptgrund für dieses schlechte Verhältnis ist die Geldgier von Herrn Jonathan Andic, die so weit geht, dass er von seinem Vater noch zu dessen Lebzeiten eine Erbschaft verlangt, die dieser akzeptieren muss, um weiterhin eine Beziehung zu seinem Sohn aufrechterhalten zu können“, steht in ihrem Beschluss.

Nach der Recherche spanischer Zeitungen gehen die Gründe vielleicht noch tiefer: Der Vater hielt den Sohn offenbar für nicht gut genug, um sein Nachfolger zu werden. „Er traute ihm nicht zu, Mango zu führen“, zitiert El Español „eine Person, die mit beiden zu tun hatte“. Das könnten Gerede und Gerüchte sein. Aber die Puzzlestücke passen zu gut zusammen, um sich daraus nicht ein fertiges Bild von jenem 14. Dezember 2024 zu machen. Auf Gericht und Anwälte wartet die harte Arbeit der Wahrheitsfindung.

Selfmade-Mann in Sachen Mode

Istanbul Isak Andic war 1953 als Sohn einer jüdischen Familie in Istanbul zur Welt gekommen. Als er 14 Jahre alt war, zog er mit seiner Familie nach Barcelona. 1984 eröffnete er dort das erste Modegeschäft. Sein Unternehmen entwickelte sich schnell zu einer der größten Bekleidungsketten Europas. Laut ihrer Website hat sie weltweit mehr als 16 400 Beschäftigte.

Barcelona Mit einem geschätzten Vermögen von 4,5 Milliarden Euro gehörte Andic zu den reichsten Menschen Spaniens. Posthum wurde er mit der Goldmedaille von Katalonien, der höchsten Ehrung der katalanischen Regierung, ausgezeichnet.