Sind wir zu faul und zu krank? Oder gibt es zu viele „Bullshit Jobs“? Was diese vier Unternehmerinnen und Unternehmer und „Downshifter“ aus Stuttgart und Esslingen davon halten.
Vier Meinungen, drei Generationen, zwei Städte: Helmut Erb, Smilla Schülke, Christine Sing und Adrian Thoma (von links oben im Uhrzeigersinn).
Von Daniel Gräfe
Der Bosch-Chef sagt es, der Schraubenkönig Würth und der Bundeskanzler erst recht: Wir arbeiten zu wenig. Zu wenig Fleiß, zu viel Freizeit und Teilzeit. Doch stimmt das tatsächlich? Was sagen die Unternehmerinnen und Unternehmer der Region Stuttgart dazu? Und was sagen die, ganz bewusst Teilzeit arbeiten?
In den vergangenen Tagen haben wir meinungsstarke Menschen aus Stuttgart und Esslingen zu Wort kommen lassen. Sie erzählen ihre ganz persönlichen Gründe, welchen Stellenwert Arbeit für sie hat und was sie auch für andere fordern – oder auch nicht. Dazu bieten wir den Teilzeit-Faktencheck.
Helmut Erb (58), Unternehmer aus Esslingen: „Die Jüngeren ruhen sich auf dem Wohlstand aus“
„Mit dem Begriff Work-Life-Balance konnte ich noch nie etwas anfangen“, sagt der Esslinger Unternehmer Helmut Erb (58). Stattdessen: ein eigenes Unternehmen, 65-Stunden-Woche – und manchmal zu wenig Zeit für den Sohn. Schon mit 18 Jahren sei er von zuhause ausgezogen, um selbstständig zu sein. Aber die Leute von heute?
Was er vom Arbeitsethos jüngerer Generationen hält und ob er die eigenen vielen Arbeitsstunden doch etwas bereut, lesen Sie hier: „Die Jüngeren ruhen sich auf dem Wohlstand aus.“
Smilla Schülke (27), Unternehmerin aus Stuttgart: „Meine Generation arbeitet viel, leisten können wir uns das Haus dennoch nicht“
Auch die Stuttgarterin Smilla Schülke (27) ist Unternehmerin und stammt aus der Generation, die Helmut Erb kritisiert. Doch auch Schülke arbeitet länger als ihre Bekannten, die in den großen Konzernen der Region Stuttgart angestellt sind – allerdings verdient sie deutlich weniger. Was gilt nun für die sogenannte „Generation Z“?
Schülke sagt: „Ich möchte nicht nur für meine Miete arbeiten, meine Arbeit muss Sinn machen – da ticke ich wohl wie viele in meiner Generation.“ Warum sie dennoch länger im Laden steht, als sie eigentlich will, lesen Sie hier: „Meine Mutter hat mich gewarnt, mich selbstständig zu machen.“
Christine Sing (39), „Downshifterin“ aus Esslingen: „Das wollte ich mir nicht länger antun“
Christine Sing (39) hatte eigentlich alles: einen gut bezahlten Job in der Automobilindustrie, ein sicheres Angestellten-Leben. Hätte sie sich nicht an den Hierarchien und Begründungen („Der Chef will das nun mal so“) gerieben. Sing ging und machte sich selbstständig. Jetzt lebt sie die eine Hälfte des Jahres in einer Esslinger WG, die andere geht sie mit ihren Klientinnen surfen.
Sing steht damit für die sogenannten „Downshifter“ – hoch qualifizierte, arbeitswillige Menschen, die sich, von den Arbeitsbedingungen ernüchtert, auf das eigene Wohlbefinden fokussieren. Warum das für die Teilzeit-Debatte eine Rolle spielt, lesen Sie hier: „Leiste nicht viel weniger als in Vollzeit“.
Adrian Thoma (39), Stuttgarter Start-up-Investor: „Mit einer 40-Stunden-Woche entsteht kein neuer Weltmarktführer“
Für Adrian Thoma (39) war die Arbeit immer auch ein Wagnis: Der Stuttgarter konzentrierte sich vor der Familiengründung ganz auf seine Start-ups – in der Hoffnung, dass sie zu Erfolgsgeschichten würden. Mehr als 40 Stunden arbeitet er dennoch – und hält es für neue Ideen auch unerlässlich. Oder für die Start-ups, die er als Geschäftsführer von NXGTN vernetzt und fördert: „Im besten Fall ist ein neues SAP dabei.“
Warum er denkt, dass wir in Deuschland „länger und effizienter arbeiten müssen“ – und gleichzeitig eine wertschätzende Arbeitskultur fordert, lesen Sie hier: „Mit einer 40-Stunden-Woche ensteht kein neuer Weltmarktführer“.
Faktencheck zur Teilzeit-Debatte: Was steckt tatsächlich hinter der Teilzeit-Arbeit?
„Lifestyle-Teilzeit“ – mit diesem Begriff und dem Vorschlag, das Recht auf Teilzeit einzuschränken, löste der CDU-Wirtschaftsflügel eine hitzige Debatte aus. Doch wer würde die Auswirkungen am stärksten spüren, würde der Vorschlag zum Gesetz? Und warum arbeiten immer mehr Menschen in Teilzeit?
Der Faktencheck zeigt die Zahlen und den Hintergrund zur Debatte. Sie lesen ihn hier: „Wählt jeder Fünfte im Land ,Lifestyle-Freizeit’?“