Den Propeller des Flyke sieht man von Weitem. Damit kann der Spiegelberger Steffen Obenland unabhängig von Thermik in die Lüfte gehen. Fotos: Steffen Obenland
Spiegelberg. Wenn Steffen Obenland gerade über Spiegelberg oder den Schwäbisch-Fränkischen Wald schwebt, sieht er vom Boden aus vermutlich wie ein gewöhnlicher Gleitschirmflieger aus. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man: Es scheint sich um ein fliegendes Fahrrad zu handeln. Denn sein Untersatz ähnelt einem Liegefahrrad und am Rücksitz ist ein riesiger Propeller mit Motor angebracht. Flyke nennt sich das ungewöhnliche Flugobjekt mit drei Rädern. Seit rund 20 Jahren nutzt Steffen Obenland es, um seine Heimat von oben zu entdecken.
„Es ist mit die einfachste und billigste Art, um in die Luft zu kommen“, sagt der 60-Jährige, der vor zweieinhalb Jahren nach Spiegelberg gezogen ist. Mit einem Gewicht von rund 60 Kilogramm wird sein Flyke zum Bereich Ultraleicht gezählt, dementsprechend benötigt man einen Ultraleicht-Flugschein beziehungsweise eine Sportpilotenlizenz. Die Ausstattung beläuft sich auf rund 10000 Euro, dazu kommt der Schein mit rund 3000 Euro. Im Gegensatz zu Ultraleichtflugzeugen benötigt er aber keinen Stellplatz in einem Flugzeughangar, sein Fluggefährt lässt sich einfach auseinandernehmen und in einem Anhänger transportieren. Einen Motorschirm alleine, also ohne das dreirädrige Fahrrad als Untersatz, gebe es übrigens auch. Dabei schnallt man sich den Propeller auf den Rücken, diesen könne man dadurch sogar in einem Auto ganz gut unterbringen.
Bei einem Gleitschirmflug im Urlaub wurde ihm klar: „Ich muss fliegen“
Er selbst hat sich aber für den Motorschirm mit Untersatz entschieden. „Das ist einfach bequemer“, sagt er lachend. Denn so muss er den Propeller mit Motor nicht auf dem Rücken tragen, sondern kann ihn direkt am Trike befestigen. „Und ich muss zum Starten nicht rennen.“ Etwa 20 Jahre ist es her, dass Steffen Obenland im Urlaub mit einem Gleitschirm einen Tandemflug gemacht hat. „Da wusste ich sofort, dass ich in die Luft will. Ich muss Gleitschirm fliegen“, erinnert er sich. Gesagt, getan. Mit 40 Jahren beginnt er die Gleitschirmausbildung. Doch schnell merkt er, dass er nicht immer stundenlang in die Berge fahren möchte, um seinem neuen Hobby nachzugehen. Und in der Region gibt es nicht wirklich Hänge, von denen aus man starten kann. So kommt er auf die Idee, eine Motorschirmausbildung dranzuhängen. Mit dem motorbetriebenen Propeller ist er deutlich unabhängiger. „Wir brauchen und wollen eigentlich keine Thermik“, sagt er. Und auch keinen Hang für den Start, eine Wiese reicht vollkommen aus. Seine Startwiese befindet sich in Ilsfeld, seinem früheren Wohnort.
Von dort ist er meist im Umkreis von rund 40 Kilometern unterwegs. Zwar war sein weitester Flug mal 120 Kilometer – etwa drei Stunden Flugzeit sind mit dem Tank machbar –, doch bleibt er lieber in bekannten Gebieten. „Man kennt natürlich schon einiges, aber man kann auch immer wieder neue Sachen entdecken. Zum Beispiel sieht jede Jahreszeit wieder ganz anders aus“, berichtet Steffen Obenland. Starten könne man mit dem Flyke eigentlich in jeder Jahreszeit, im Winter allerdings braucht man eben die passende Kleidung. „Einmal habe ich schon Kufen montiert, um im Schnee starten zu können“, erzählt er.
Grundsätzlich ist es möglich, auch weitere Strecken mit dem Flyke zurückzulegen, das wiederum erfordert aber viel Planung: Wo gibt es passende Wiesen zum Landen? Wo kann man auftanken? Seine Faszination am Fliegen liegt aber nicht darin, weite Strecken zurückzulegen. „Mich fasziniert die absolute Freiheit. Durch den Motor ist man zwar nicht so geräuschlos, immerhin aber so frei wie ein Vogel“, sagt Steffen Obenland. Und gegen die Motorengeräusche gibt es ja Lärmschutzkopfhörer.
Sicherheitsbedenken hat Steffen Obenland keine
Die einzige Einschränkung dieser Freiheit sind Wind und Wetter. Nicht immer erlauben die Verhältnisse einen Start. Und teils muss man unterwegs auch neue Pläne schmieden, wenn zum Beispiel der Wind sich dreht oder zu stark wird. „Mit richtig viel Rückenwind kann ich schon mal bis zu 100 Kilometer pro Stunde erreichen“, sagt Obenland. Andererseits wird er bei Gegenwind deutlich langsamer. Dass sein Tank sich mal leert, bevor er zurück auf seiner Wiese ist, macht ihm aber trotzdem keine Angst. „Wir versuchen immer so zu fliegen, dass wir auf dem Rückweg den Rückenwind haben.“ Sollte der Motor unterwegs doch mal ausgehen, sei das auch kein allzu großes Problem. „Wir haben ja den Gleitschirm und können einfach zu Boden segeln.“ Ihm sei das bisher noch nicht passiert. Auch der Rettungsschirm, der zur Sicherheit dabei ist, kam noch nie zum Einsatz. In das ein oder andere Luftloch sei er dagegen schon geraten.
Das Fliegen mit dem Motorschirm ist zwar eine Randsportart, doch Steffen Obenland hat Gleichgesinnte gefunden, mit denen er unterwegs ist. Meist zu zweit unterhalten sie sich während des Flugs per Funk, um eine gemeinsame Route abzusprechen. Neben dem Funkgerät hat er noch einen Kompass, ein GPS-Gerät und einen Höhenmesser mit an Bord. Schließlich sollte er eine gewisse Höhe beibehalten, Steffen Obenland fliegt meist in einer Höhen von etwa 300 bis 500 Metern über dem Boden.
Das Fliegen verbindet er seit Jahren nun noch mit einem weiteren Hobby: dem Fotografieren. „Ich bin ja nur mit etwa 45 bis
50 Stundenkilometern unterwegs, da kann man ganz in Ruhe fotografieren.“ Zum Teil habe er Bekannten einfach eine Freude mit einer Luftaufnahme ihres Hauses machen wollen, mittlerweile verdient er sich nebenbei mit Auftragsarbeit noch etwas Geld dazu. Zum Beispiel hat er für Kommunen schon die Entwicklung von Neubaugebieten und Ähnliches aus der Vogelperspektive dokumentiert. Hauptberuflich ist er in der Computerbranche selbstständig.