Rolls Royce Power Systems

Motorenbauer unter Volllast

Rolls-Royce Power Systems in Friedrichshafen legt Rekordzahlen vor. Doch das schnelle Wachstum, befeuert durch Rüstung und KI, birgt Risiken.

Motorenbauer unter Volllast

Rolls Royce Power Systems eilt von Erfolg zu Erfolg.

Von Rüdiger Bäßler

Das Wetter passte zu den Nachrichten, die der Friedrichshafener Motorenhersteller Rolls Royce Power Systems bei seiner jährlichen Bilanz-Pressekonferenz bekannt gegeben hat: strahlende Sonne, blauer Himmel, spärliche Schatten. Der Vorstandsvorsitzende Jörg Stratmann meldete Rekordzahlen fürs abgelaufene Geschäftsjahr. Der Umsatz stieg mit Stichtag 31. Dezember auf 5,72 Milliarden Euro, ein Plus von 19 Prozent gegenüber 2024. Der Betriebsgewinn kletterte auf 995 Millionen Euro (Vorjahr 662 Millionen). Bezogen auf die vergangenen drei Jahre, so Stratmann, sei das eine Verdreifachung. Und man befinde sich weiterhin „auf einem klaren Erfolgskurs“.

Das passte zu den Bilanzzahlen, die die Londoner Konzernmutter Rolls Royce zuvor vorgelegt hatte. 23 Milliarden Euro setzten die britischen Flugzeug-Turbinenhersteller , die sich noch vor zwei Jahren in einer Absatzkrise wähnten, auf Jahressicht um, erzielten einen bereinigten operativen Gewinn von rund vier Milliarden Euro. Der Börsenkurs: geklettert in lichte Höhen.

Panzermotoren für Leopard, Puma und Co.

Das deutsche Werk am Bodensee, das einst unter den Namen MTU firmierte, habe für die jüngsten Gesamterfolge einen „substanziellen Beitrag geleistet“, so Stratmann. Die Friedrichshafener, aufgestiegen zur Perle im international verwobenen Konzernreich, dürfen nun mehr Investitionsmittel zur weiteren Steigerung der Produktion einsetzen denn je.

Mit ihren Produkten profitieren die Schwaben weiter von den politischen Großwetterlagen, die auf der einen Seite der Gefühlsspanne von Furcht geprägt sind, auf der anderen von grenzenloser Hoffnung und geschäftlicher Gier. Das war schon kurz nach Ausbruch des Ukraine-Krieges spürbar geworden – in Friedrichshafen werden unter dem verschleiernden Geschäftsbereichstitel „Behördengeschäft“ Panzermotoren verschiedener Leistungsstärken gebaut, zum Beispiel für den Kampfpanzer Leopard 24A, den Puma oder den Radpanzer Boxer. Die Getriebe stammen vom Augsburger Hersteller Renk, zusammenmontiert werden sie als „Powerpacks“ zum Beispiel an Rüstungskonzerne wie Rheinmetall oder KNDS weiterverkauft. Generalunternehmerisch verantwortlich ist Rolls Royce Power Systems (RRPS).

Friedrichshafener Dieselmotoren eigenen sich als Notstromaggregat

Friedrichshafener Dieselmotoren eigenen sich allerdings auch für die Nutzung als Notstromaggregat. Und hier spielt dem Unternehmen der Aufbau großer Rechenzentren für die KI-Nutzung, gerade auch in den USA, in die Karten. Diese Rechenzentren, so Stratmann, seien inzwischen „so groß wie Dutzende Fußballfelder“ und besäßen einen kaum zu beschreibenden Stromhunger. Das Geschäft läuft. Von den kolportiert gut 5000 Dieselmotoren, die jedes Jahr das Friedrichshafener Werk verlassen, dienen weit mehr als die Hälfte zur Absicherung von Stromausfällen. Aktuell entwickelt RRPS einen Gasmotor für diesen florierenden Geschäftsbereich „Power Generation“. Hintergrund: Weil die Trump-Administration von den US-Techfirmen fordert, ihre Stromversorgung für neue Rechenzentren nicht aus den öffentlichen Netzen zu ziehen, werden alternative Generatoren benötigt.

Für die gewohnten traditionellen Verhältnisse des schwäbischen Traditionsherstellers ist das Tempo der Produktivitätssteigerung atemberaubend. Im vergangenen Jahr hat der Konzern seine weltweite Belegschaft auf rund 11 000 Köpfe gesteigert, im Werk Friedrichshafen arbeiteten zuletzt 6300 Beschäftigte. Im laufenden Jahr sollen weitere 1000 Arbeitskräfte hinzukommen, davon 500 am Stammwerk am Bodensee.

Doch es gibt ein Problem, das nötige Personal für Ingenieuraufgaben, Montage und Service auch zu finden. Und das, obwohl beim benachbarten Autozulieferer ZF AG seit Monaten ein umfangreicher Stellenabbau im Gang ist. Bei RRPS murrt man unter der Hand über die gehemmte Wechselwilligkeit innerhalb der Stadt. Bei ZF warteten viele Arbeitnehmer offenbar erst auf eine Abfindungszahlung, bevor sie eine neue Bewerbung schrieben, so eine viel geäußerte Vermutung. Auch die überregionale Stellenakquise, betrieben mit externer Hilfe, läuft offenbar schleppend.

Jahrzehnte gab sich der Motorenhersteller öffentlich schmallippig, sprach viel über Schiffsmotoren für Fähren und Jachten und, in Sorge ums eigene Image, wenig übers Rüstungsgeschäft. Nun scheint sich zu zeigen: RRPS verfügt, bundesweit betrachtet, um überhaupt keinen nennenswerten Ruf als relevanter Arbeitgeber.

Die Zeit drängt

Wohl auch deshalb haben die Friedrichshafener kürzlich ihre Pressearbeit neu besetzt, organisierten im Vorfeld der Bilanzpressekonferenz erstmals einen „Media Round Table“, unter anderem mit einer Werksführung. Überdies wird vor Ort mit Geld gelockt. Mitarbeiter, die neue Kräfte anwerben, bekommen 1500 Euro für jeden neuen Vertrag. Die Arbeitsdirektorin Thelse Godewerth hebt außerdem Bonuszahlungen und die Ausgabe von jeweils 150 Gratisaktien für Beschäftigte hervor. Die Zeit drängt. Der Auftragseingang legte 2025 um 21 Prozent auf 7,14 Milliarden Euro zu, darunter ist eine Bestellung vom vergangenen Dezember über 300 Motoren neue für Leopard-Panzer.

Die neue Eile fordert offenbar auch einen Tribut bei der Qualität, ausgelöst möglicherweise durch den vermehrten Zukauf von Antriebsteilen bei Zulieferern. Mehrere Quellen innerhalb und außerhalb des Friedrichshafener Unternehmens berichten über Reklamationen von Abnehmern in einem bisher ungekannten Ausmaß, weil Panzerantriebe im Feldeinsatz streikten. Es soll deswegen Krisengespräche gegeben haben. CEO Stratmann bestätigt das nicht. Das Wachstumstempo sei nicht zu hoch und damit auch nicht gefährlich. Fragen zu Einzelheiten oder gar Zahlen zum Panzergeschäft werden traditionell nicht genannt: Geheimsache.

Die frische Erfolgsstory soll nicht enden

Der örtliche Betriebsratsvorsitzende Thomas Bittelmeyer, bekannt als kritischer Kommentator mancher unternehmerischer Entscheidung, äußert allerdings schon die Sorge vor einer Hast, die sich noch rächen könnte. Wenn zum Beispiel der Ukraine-Krieg ende, könnten auch die Bestellungen schnell wieder abflauen, warnt er. „Dann habe ich womöglich irgendwann 1000 Leute zu viel.“ Ihm missfällt zudem das Outsourcing diverser Entwicklungs- oder Verwaltungsleistungen, zum Beispiel nach Polen oder Indien, das mit dem aktuellen Wachstum einhergehe. Stratmann bestätigt eine solche Entwicklung lediglich generell, ohne Einzelheiten zu nennen.

Wichtiger scheint dem CEO jetzt, die frische Erfolgsstory nicht enden zu lassen. Im Friedrichshafener Stadtteil Kluftern wird ein neues, drittes Montagewerk gebaut. Und ein völlig neuer, vielfach adaptierbarer Motor, der leichter, sparsamer und leistungsfähiger sein soll und die bisherige erfolgreiche Baureihe 4000 (steht für 4,77 Liter Hubraum pro Zylinder) ablösen könnte, ist in der Entwicklung. Die Legierungen der Zylinderblöcke, heißt es, sollen so ausgefeilt sein, eine solche Standfestigkeit im Betrieb erzeugen, dass kein chinesisches Unternehmen sie kopieren kann.