„Muss mich nicht mehr schämen, aus Ungarn zu sein“

Rafael Labanino und Boglárka Pap stammen aus Ungarn und leben in Stuttgart. Nach der Abwahl von Viktor Orbán glauben beide, dass ihr Leben auch hier einfacher wird.

Von Lisa Welzhofer

Stuttgart/Budapest - Rafael Labanino hat wenig geschlafen. Bis spät war er in den Straßen Budapests unterwegs, auf diesem „Volksfest“, wo sich die Menschen umarmten, weinten, lachten, tanzten, ungarische und europäische Flaggen schwenkten. Den Sieg Péter Magyar und die Abwahl Viktor Orbáns feierten. „Es ist vorbei!“ und „Europa!“ riefen sie, so schildert es Rafael Labanino. „Da war nur Liebe, Lächeln, keine Wut. Die Stimmung war wie nach einem WM-Sieg.“ Auseinandersetzungen mit Orbán-Anhängern habe er keine erlebt.

Der Politologe, der seit 2017 in Deutschland lebt, seit 2019 mit Familie in Stuttgart, war übers Wochenende in seiner Heimatstadt gereist, um dort zu wählen – Direktkandidat in seinem Bezirk war Magyar – und als Wissenschaftler auf dem Youtube-Kanal Partizán die Parlamentswahl zu analysieren und kommentieren. Bis zu drei Millionen Menschen sahen ihm teilweise zu. Partizán ist einer der wenigen verbliebenen, von der Regierung unabhängigen Kanäle im Land.

Obwohl Umfrageinstitute den Sieg der konservativen Oppositionspartei Tisza über die ultranationalistische Fidesz-Partei vorhergesagt hatten, konnte Rafael Labanino das Ergebnis „kaum glauben“, auch, dass der Antidemokrat Orbán die Niederlage so unumwunden einräumen würde. „Wäre das Ergebnis knapper gewesen, hätte er dem Gegner wohl Wahlbetrug vorgeworfen“, sagt der 44-Jährige. Der große Vorsprung – Tisza wird nach aktuellem Stand eine Zweidrittelmehrheit im Parlament besitzen – habe Orbán aber nichts anderes übrig gelassen, als Magyars Sieg zu akzeptieren.

Auch Boglárka Pap (45) hat die Wahl in ihrem Heimatland fiebernd verfolgt. Bereits um 5.50 Uhr stand sie am Sonntagmorgen vor dem ungarischen Generalkonsulat in der Christophstraße, um zu wählen. Abends traf sie sich mit anderen Familien, die ihre Wurzeln in Ungarn haben, zur Wahlparty im Café Luv in Bad Cannstatt. „Wir sind sehr, sehr glücklich“, beschreibt Boglárka Pap ihre Stimmung – und die des Kreises um sie herum. „Es fühlt sich toll an und ich freue mich vor allem für die junge Generation“, sagt die Theaterpädagogin, die vor 26 Jahren der Liebe wegen nach Deutschland kam und vier Kinder hat. Sie selbst müsse sich nun „nicht mehr schämen“, aus Ungarn zu stammen. Zwar sei sie nie persönlich angefeindet worden, aber: „In der allgemeinen Wahrnehmung werden die Menschen oft mit der Politik ihres Herkunftslandes identifiziert. Da heißt es dann ,die Ungarn sind so’“, sagt Boglárka Pap, die vor 20 Jahren den Verein Stuttgarter Ungarischer Kindergarten gegründet hat, wo Kinder ungarische Sprache und Kultur kennenlernen können.

Nun aber könne Ungarn zum Symbol und Vorbild werden, wie man rechtsextreme und ultranationalistische Kräfte in ihre Schranken weist, wie man Gemeinschaft und Vielfalt zu Werten macht, für die Menschen wieder einstehen wollen. „Péter Magyar hat es mit einer positiven Erzählung über Demokratie und Europa geschafft“, sagt die Kulturschaffende. Damit habe er sich vom Ängste schürenden Antidemokraten Orbán abgegrenzt. „Ich hoffe, dass sich die deutschen Parteien in Bezug auf die AfD etwas davon abschauen“, sagt Boglárka Pap.

Politikwissenschaftler Rafael Labanino ist zuversichtlich, dass Peter Magyar seine Wahlversprechen wahr macht, mit seiner Zweidrittelmehrheit die Rechtsstaatlichkeit, die Orbán geschleift hatte, wiederherstellt, und Ungarn aus der schlimmsten finanziellen Durststrecke seit 1990 führen wird. „Ungarn ist unter Orbán zu einem der ärmsten Länder Europas geworden, die Mittelschicht stieg in großen Teilen ab. Magyar wird alles dafür tun, die eingefrorenen EU-Gelder wieder zu bekommen“, sagt Labanino, der unter anderem an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen lehrt.

Auch für sein Leben in Stuttgart erhofft sich der Familienvater Verbesserungen. In den vergangenen Jahren habe sich die Orbán-Politik auch auf die Arbeit hiesiger, vom ungarischen Staat geförderter Kulturinstitute ausgewirkt – so hat Labanino das beobachtet. Er hofft nun, dass dies ein Ende hat.

Boglárka Pap glaubt, dass der Politikwechsel in Ungarn etwas mit ihr machen könnte. Die vergangenen Jahre habe sie sich nicht vorstellen können, als Künstlerin in Ungarn tätig zu sein, weil sie offen Fidesz-kritisch war. Außerdem sei es nicht denkbar gewesen, dass ihre Kinder dort eine Zeit lang zur Schule gehen. „Jetzt könnte ich mir das eher wieder vorstellen, mal für ein paar Wochen ein Projekt in Ungarn zu machen – und meine Kinder mitzunehmen“, sagt Boglárka Pap. Beide Länder, Deutschland und Ungarn, seien für sie Heimat. Das könne sie nun wieder leben.