Ötzi ist seit mehr als 5300 Jahren tot. Nun finden Forscher in seinem Magen Hinweise auf Mikroorganismen, die wohl noch leben. Wie kann das sein?
Die Mumie des Ötzi wird in einer speziell entwickelten Kühlzelle bei minus 6 Grad und 99 Prozent Luftfeuchtigkeit gelagert und regelmäßig mit Wasser besprüht, um einem möglichen Feuchtigkeitsverlust entgegenzuwirken.
Von Markus Brauer/dpa
Ötzi lebt. Besser gesagt: ein Teil seiner Mikroben. In seinem Gewebe hat ein Forscherteam Hinweise auf Leben gefunden, obwohl die Gletschermumie mehr als 5000 Jahre lang in eisiger Kälte lag.
Hefestämme mit moderner DNA seien gefunden worden. Sie müssen sich in jüngerer Zeit vermehrt haben, berichten die Forscher um Mohamed Sarhan vom Bozener Institut für Mumienforschung im Fachjournal „Microbiome“.
„Diese Hefen haben Ötzi auf seiner langen Reise durch die Jahrtausende begleitet“, sagt Institutsdirektor und Co-Autor Frank Maixner. Die Mumie sei „kein statisches Relikt, sondern ein dynamisches biologisches System“.
A new study cultivated four strains of cold-adapted yeasts that had colonized Ötzi's body shortly after his death 5,300 years ago in the Alps. https://t.co/v1LWyKjIV4 — Live Science (@LiveScience) June 3, 2026
Ötzi ruht in Bozener Kühlkammer
Ötzi ist die älteste bekannte natürliche Mumie eines Menschen. Sie wurde vor fast 32 Jahren am 19. September 1991 beim 3208 Meter hohen Tisenjoch in den Ötztaler Alpen oberhalb des Niederjochferners gefunden. Das abschmelzende Eis hatte die Überreste freigelegt. Die Fundstelle ist eine Felsmulde, die einst von Gletschereis bedeckt war.
Die Gletschermumie liegt im Südtiroler Archäologiemuseum (Museo Archeologico dell’Alto Adige) in Bozen, das auch eine Rekonstruktion des lebenden Ötzis mit heller Haut und langen Haaren enthält. Aufbewahrt wird sie in einer Kühlkammer bei sehr hoher Luftfeuchtigkeit.
Ötzi stammte von anatolischen Zuwanderern
Mittlerweile weiß man sehr viel über den Gletschermann, der vor 5300 Jahren lebte – etwa seine Blutgruppe, seine Augenfarbe und dass er tätowiert war. Die Sequenzierung des Erbguts zeigt, dass das Genom von Ötzi zu mehr als 91 Prozent von anatolischen Zuwanderern stammt.
Diese frühen Ackerbauern kamen ab vor etwa 9000 Jahren aus dem Nahen Osten und brachten die bis dahin unbekannte Landwirtschaft nach Europa. Die übrigen knapp
Die Ahnenlinie des Mannes vom Hauslabjoch, der um 3250 v. Chr. im Ötztal in den Tiroler Alpen lebte und dessen Todeszeitpunkt auf das Jahr 3258 +/- v. Chr. datiert wird, reicht demnach direkt zurück zu jenen ersten Bauern, die vor etwa 8000 bis 9000 Jahren aus dem Nahen Osten nach Europa kamen.
Wie sah die Welt von Ötzi aus?
Ötzi ist die älteste bekannte natürliche Mumie eines Menschen. Sie wurde am 19. September 1991 beim 3208 Meter hohen Tisenjoch in den Ötztaler Alpen oberhalb des Niederjochferners gefunden. Das abschmelzende Eis hatte die Überreste freigelegt. Die Fundstelle ist eine Felsmulde, die einst von Gletschereis bedeckt war.
Woher stammen Ötzis Vorfahren?
Die Sequenzierung des Erbguts zeigt, dass das Genom von Ötzi zu mehr als 91 Prozent von anatolischen Zuwanderern stammt. Diese frühen Ackerbauern kamen ab vor etwa 9000 Jahren aus dem Nahen Osten und brachten die bis dahin unbekannte Landwirtschaft nach Europa. Die übrigen knapp neun Prozent des Genoms stammen von europäischen Wildbeutern.
Das Forschungsteam schließt daraus, dass Ötzi aus einer relativ isolierten Bevölkerung in den Alpen stammt, die nur wenig Kontakt zu anderen europäischen Gruppen hatte. „Genetisch sieht er so aus, als seien seine Vorfahren direkt aus Anatolien gekommen“, sagt Ko-Autor Johannes Krause, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.
Wie sah Ötzi aus?
Ötzi hatte der Gen-Analyse zufolge recht dunkle Haut – wesentlich dunkler als der Teint heutiger Südeuropäer. Die Färbung der Mumienhaut geht laut Studie nicht auf ein Nachdunkeln über die Jahrtausende im Eis zurück.
Auch der Umstand, dass an der Mumie kaum Kopfhaar gefunden wurde, ist offenbar nicht durch diese Lagerung verursacht worden. Stattdessen neigte der ursprünglich dunkeläugige und schwarzhaarige Ötzi genetisch bedingt stark zu Haarausfall und hatte wohl eine fortgeschrittene Glatze.
Nicht nur Ötzi sah anders aus als bisher angenommen wurde. Auch die alpenländische Bergwelt, durch die der Steinzeitmensch vor rund 5300 Jahren kraxelte, war weit weniger mit Eis und Gletschern bedeckt als heute. Das belegen Eisbohrkern-Analysen an der 3518 Meter hohen Weißseespitze im Tiroler Kaunertal in den Ötztaler Alpen, die Forscher ausgewertetenneun Prozent des Genoms stammen von europäischen Wildbeutern.
Wann begannen die Ostalpen zu vereisen?
Demnach vereiste die zwölf Kilometer entfernte Weißseespitze erstmals vor rund 5900 Jahren. Ötzi lebte vor rund 5300 Jahren. Das Tisenjoch, eine Senke des Schnalskamms zwischen der Fineilspitze und dem Similaun, verbindet das Schnalstal mit dem Ötztal. Der Fundort liegt rund 300 Meter tiefer als der Gipfel der Weißseespitze.
Ob Ötzi im Eis starb oder erst später davon umschlossen wurde, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit bestimmen. Das dortige Eis wurde nie datiert und ist inzwischen geschmolzen. Womöglich vereiste dieses tiefer gelegene Gebiet erst Jahrhunderte später und war damit zu Ötzis Todeszeitpunkt eisfrei.
Hefen mit gut erhaltener, also jüngerer DNA
Das Team hatte nun das Mikrobiom der Mumie – die Gesamtheit der ihn besiedelnden Mikroorganismen – untersucht und mit den Mikroorganismen aus Proben vom Gletschereis und vom Boden der Fundstelle verglichen. Dabei fanden die Forscher Erbgut-Spuren von Bakterien aus der ursprünglichen Darmflora von Ötzi.
Zudem entdeckten sie unter anderem in Hautproben und Proben des Mageninhalts speziell an Kälte angepasste Hefen, die vermutlich aus der damaligen Gletscherumgebung stammen.
Neben altem Erbgut von Hefen fanden die Forscher auch gut erhaltene, also jüngere DNA. Dies werten sie als Beleg dafür, dass die Mikroorganismen bis heute weiterbestehen.
Unversehrtheit der Mumie gefährdet
Geklärt werden solle nun, „ob die Hefen Abkömmlinge alter Hefen sind, die ihre Vermehrung über die Jahre beibehielten, oder ob sie in einem inaktiven Stadium waren, dass nach dem Auftauen der Mumie wiederbelebt wurde“, heißt es. Eine Vermehrung der Hefen könne die Unversehrtheit der Mumie gefährden.
Im Rahmen ihrer Erforschung war die Mumie zwischenzeitlich stundenweise aufgetaut worden, um Proben zu entnehmen.
Konservierung könnte bestimmte Mikroorganismen begünstigt haben
Die Konservierung der Mumie, die einerseits ausgetrocknet, andererseits durch den Gletscher feucht gehalten worden war, war nach dem Fund zur wichtigsten Herausforderung geworden.
Der Anatom Othmar Gaber aus Innsbruck entwickelte für Ötzi ein Mehrschichten-System: Er ließ ihn in ein steriles OP-Tuch einwickeln, viel Eis dazugeben, dann kam eine Plastikfolie, noch mehr Eis und eine Raumtemperatur von minus 6 Grad – wie im Gletscher.
Führte Konservierung zum Hefe-Wachstum?
Die Konservierung könnte der Studie zufolge bestimmte Mikroorganismen begünstigt haben: Drei der vier entdeckten Hefen haben dem Team zufolge die genetischen Voraussetzungen dafür, den Wirkstoff Phenol abzubauen. Dieser sei nach der Bergung eingesetzt worden, um die Oberfläche der Mumie von Pilzbefall zu befreien, und könne den Hefen als Nahrung gedient haben.
„Die Konservierungsbedingungen der Mumie sind heute sehr stabil“, betont Elisabeth Vallazza, die Direktorin des Südtiroler Archäologiemuseums. „Ein engmaschiges mikrobiologisches Monitoring stellt sicher, dass die Mumie keinen Schaden nimmt. Aber es benötigt sicher weitere Forschung und vollen konservatorischen Einsatz, um sie für viele weitere Generationen zu erhalten.“
Glücksfall für die Wissenschaft
Der Fund von Ötzi vor 35 Jahren durch deutsche Wanderer auf dem 3200 Meter hohen Tisenjoch bekam weltweite Aufmerksamkeit. Eine so gut erhaltene Mumie samt Bogen und Kupferbeil sowie vielen anderen steinzeitlichen Ausrüstungsgegenständen war ein Glücksfall für die Wissenschaft.
In den jüngsten Erkenntnissen sieht das Team aus Bozen auch einen Nutzen über den Erhalt des Ötzi hinaus. So könnten an Kälte angepasste Mikroorganismen etwa für energieeffiziente Prozesse in der Industrie nutzbar gemacht werden, etwa bei der Fermentation bei niedrigen Temperaturen.