Die Nato hat die Bedeutung Grönlands lange vor US-Präsident Donald Trump erkannt. Und lange vor ihm begonnen, sicherheitspolitisch Grönland fit für die Zukunft zu machen.
Dänische Marineinfanteristen seilen sich vor Grönland aus einem Sikorsky SH-60 Seahawk-Hubschrauber auf das Deck einer dänischen Fregatte ab: Planungen seit 2020 .
Von Franz Feyder
Der frühere Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte es schon vor sechs Jahren auf dem Schirm: „Die Arktis wird immer zugänglicher und damit umkämpfter“, sagte der Norweger im Februar 2020 mit Blick auf die Folgen des Klimawandels. Damit brachte er das Thema in die Köpfe der Strategen des Bündnisses, deutlich vor US-Präsident Donald Trump.
Die Militärs überlegen seither, wie die Nato die Arktis und Grönland sichern kann. Im September 2025 ließ Stoltenbergs Nachfolger Mark Rutte einen Befehl zur Sicherung der Arktis durch die Allianz entwerfen, der im Nordatlantikrat diskutiert wurde. Im selben Jahr einigten sich europäische Nato-Mitglieder, ihre Präsenz in und um Grönland zu verstärken, Marine, Heer und Luftwaffe dort verstärkt üben zu lassen.
In diesen Tagen erkunden Soldaten aus Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Kanada, den Niederlanden, Norwegen und Schweden, was sie von wo aus in und um Grönland tun können, wie viele Soldaten sie dafür brauchen und welche Ausrüstung.
Warum ist Seeraumüberwachung rund um Grönland wichtig?
Grönland liegt an einem der strategisch wichtigsten Knotenpunkte der nördlichen Welthalbkugel. Zwischen Nordamerika, Europa und der Arktis verlaufen mehrere Seewege, die für Handel, Energieversorgung, Forschung, Fischerei und Sicherheit entscheidend sind. Durch den Klimawandel sind diese Routen länger eisfrei, somit für militärische und zivile Seefahrt attraktiver. Damit steigen Risiken durch Unfälle, Umweltverschmutzung oder politische Spannungen. Seeraumüberwachung bedeutet hier vor allem: wissen, wer wo mit wahrscheinlich welcher Absicht unterwegs ist, um rechtzeitig reagieren zu können. Während des Kalten Krieges betrieb die Nato zwischen drei und fünf große Radaranlagen mit zahlreichen Ketten kleinerer Radare auf der Insel. Heute ist noch eine Anlage in Pituffik unter Führung der USA in Betrieb.
Gibt es eine ständige russische und chinesische Bedrohung Grönlands?
Nachweisbar ist, dass Russland starkes Interesse am Nordatlantik und der Arktis hat. Die Nato übt deshalb seit Jahren intensiv U-Boot-Abwehr im Nordatlantik, zuletzt bei der Übung Dynamic Mongoose 2025. Eine anhaltende Präsenz russischer Marineverbände in der unmittelbaren Umgebung Grönlands ist hingegen nicht nachweisbar. Öffentlich verfügbare Satellitenbilder und Trackingdienste zeigen über Wasser punktuell Schiffe sowie Langstreckenflüge von Aufklärungs- und U-Boot-Jagd-Flugzeugen. Nachrichtendienste gehen davon aus, dass Russland wie China mit Eisbrechern und Forschungsschiffe Daten im Arktisraum sammeln. Unter Wasser belauern sich russische und Nato-U-Boote gegenseitig.
Welche Seegebiete sind wichtig?
Drei Regionen sind besonders relevant: die Baffin-Bucht und die Davis-Straße im Westen Grönlands, sie verbinden die Arktis und Nordamerika. Die südöstlich gelegene Dänemark-Straße ist ein leicht zu blockierendes Nadelöhr zwischen Grönland und Island. Die Fram-Straße oder Grönland See im Nordosten ist der wichtigste Zugang zwischen Arktischem Ozean und Atlantik. Diese Gebiete sind für internationale Schifffahrt und für staatliche Sicherheitsinteressen relevant.
Ist Seeraumüberwachung nur militärisch?
Nein. Ein verbreitetes Missverständnis ist zudem, dass Überwachung gleichbedeutend mit ständiger militärischer Präsenz sei. In der Realität basiert moderne Seeraumüberwachung zu großen Teilen auf Daten, nicht auf Schiffen und Soldaten. Satelliten, automatische Identifikationssysteme (AIS), Wetter- sowie Eisanalysen liefern ein dauerhaftes Lagebild, ohne dass permanent große Verbände stationiert werden müssen.
Welche Rolle spielen Satelliten?
Satelliten sind das Rückgrat der Überwachung für die Arktis. Besonders wichtig sind Satelliten, die unabhängig von Wetter, Wolken oder Dunkelheit Schiffe erkennen können. Sie zeigen, wo sie sich befinden, ob ein Schiff sein Identifikationssignal abgeschaltet hat und wie sich Eisgrenzen verändern. Für Reeder und Wissenschaftler sind das ebenso wertvolle Daten wie für Militärs. Weder US- noch Satelliten anderer Staaten sind dauerhaft über Grönland stationiert. Das hat orbitmechanische Gründe: Über den Polen ist es physikalisch unmöglich, Satelliten geostationär zu platzieren. Gelöst kann das Problem dadurch werden, dass Satelliten in hoch-elliptischen Bahnen über der Arktis kreisen und damit länger über der Region. Oder durch bis zu hundert Überflügen am Tag. Zu beiden sind die USA aktuell nicht willens – oder fähig.
Warum reichen Satelliten allein nicht aus?
Satelliten sehen, dass etwas da ist, nicht unbedingt, was. Wenn ein Kontakt auffällig ist, gilt es, den Schiffstypen und sein Verhalten zu erkennen, seine Absicht vorherzusagen – vor allem, um rechtlich wie völkerrechtlich belastbare Informationen zu gewinnen. Und möglicherweise zeitnahe Schiffe mit Flugzeugen oder Drohnen zu überprüfen.
Welche Rolle spielen Drohnen und Flugzeuge?
Langstrecken-Drohnen können stunden- oder sogar tagelang über ein Gebiet kreisen. Sie sind besonders gut geeignet, um Engstellen wie die Dänemark-Straße zu überwachen. Bemannte Flugzeuge und Hubschrauber werden eingesetzt, wenn eine eindeutige Identifizierung, eine menschliche Kontaktaufnahme sinnvoll oder nötig ist. Oder wenn mehrere Akteure wie Küstenwache, Fischereiaufsicht und Militär koordiniert werden müssen. So könnte Deutschland den modernen Seeaufklärer P-8A Poseidon beisteuern.
Werden auch Schiffe eingesetzt?
Ja, aber gezielt. Eisbrechende Patrouillenschiffe übernehmen Aufgaben, die kein Satellit leisten kann: Sie leisten Hilfe bei Seenot, überwachen mögliche Umweltverschmutzungen und ihre Besatzungen kontrollieren verdächtige Schiffe.
Wird auch unter Wasser überwacht?
Eine dauerhafte flächendeckende Überwachung des Meeresbodens ist extrem aufwendig. Realistisch ist daher ein punktuelles Frühwarnprinzip: Sensoren werden in besonders wichtigen Engen wie der Dänemark-Straße mit Tiefen bis zu 850 Metern platziert, um Ungewöhnliches früh zu erkennen.
Wer profitiert von der Überwachung?
Reeder erhalten bessere Routen- und Eisprognosen. Forscher profitieren von sicherer Logistik, Fischer von klaren Zuständigkeiten und Sicherheit, der Umwelt- und Katastrophenschutz von schneller Reaktion. Zivile und militärisch konzeptionierte Seeraumüberwachung wird so zum Sicherheits- und Serviceinstrument.
Ist das alles realistisch?
Alle für die Überwachung beschriebenen Mittel existieren bereits oder werden gerade eingeführt. Es geht weniger um neue Technik als um die bessere Vernetzung vorhandener Systeme, internationale Zusammenarbeit sowie klare Zuständigkeiten. Grönland eignet sich ideal als Drehscheibe für ein arktisches Lagebild, ohne selbst flächendeckend militarisiert zu werden.
Wie lassen sich die Pläne der NATO-Strategen in einem Satz zusammenfassen?
Nicht überall präsent, aber überall informiert sein; handeln, wo es nötig ist.