Karte: Bürgerkrieg in Mali

Neue Welle der Gewalt durch Islamisten und Tuareg

Ein ermordeter Verteidigungsminister und Angriffe in mehreren Städten im Land. Der Sahelstaat Mali erlebt eine neue Welle der Gewalt und eine folgenschwere Krise. Dabei sind die Ursachen für die Unruhen alt.

Neue Welle der Gewalt durch Islamisten und Tuareg

Parade von Soldaten der Forces armées maliennes, der Streitkräfte Malis im September 2025 in der Hauptstadt Bamako.

Von KNA/Markus Brauer

Islamisten und Tuareg-Rebellen haben in Mali folgenschwere Angriffe verübt. Unter anderem ermordeten sie am Wochenende den Verteidigungsminister der Militärregierung, Sadio Camara, und eroberten eigenen Angaben zufolge die Stadt Kidal im Norden. Fragen und Antworten rund um die Lage in Mali sowie zur Rolle der Religion im Land:

Was hat sich am Wochenende in Mali ereignet?

Islamisten der „Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime“ (JNIM) – sie hat Verbindungen zu Al-Kaida – haben zusammen mit der Tuareg-Separatistengruppe „Front für die Befreiung von Azawad“ (FLA) eine Reihe von Angriffen auf die malische Armee verübt.

Bestätigt wurde der Tod von Verteidigungsminister Saido Camara. Den Angaben zufolge explodierte ein mit Sprengstoff beladenes Auto vor seiner Residenz in Kati, der wichtigsten Militärbasis im Land, die in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt Bamako liegt.

In einem in Sozialen Medien veröffentlichten Schreiben der FLA heißt es außerdem, man habe die Kontrolle der Stadt Kidal im Norden wiedererlangt. Sie gilt als das Zentrum des Widerstands der Tuareg-Rebellen. Insgesamt kam es in vier Städten zu Angriffen. Nach Einschätzung von Ulf Laessing, der das Regionalprogramm Sahel der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung leitet, war es der schlimmste Angriff seit 2012.

Wer steht sich in Mali gegenüber?

Auf der einen Seite ist das die Militärregierung von Assimi Goïta, die nach einem Putsch im August 2020 an die Macht kam und diese im Jahr darauf festigte. Im Jahr darauf schloss sie einen Vertrag mit der russischen Wagner-Gruppe ab, mittlerweile abgelöst von der Nachfolgeorganisation „Afrika-Korps“.

Die Vereinten Nationen und die ehemalige Kolonialmacht Frankreich wurden hingegen scharf von der Junta kritisiert, was 2023 zum Ende der UN-Stabilisierungsmission für den Norden Malis (Minusma) führte. Mehr Sicherheit hat das der Bevölkerung aber nicht gebracht. Auch die malische Armee verübt nach Ansicht von Human Rights Watch schwere Menschenrechtsverletzungen.

Auf der anderen Seite steht JNIM, die nun mit der FLA kooperiert. JNIM entstand 2017 nach dem Zusammenschluss von drei islamistischen Gruppen, darunter Ansar Dine. Gemeinsam mit der „Bewegung für Einheit und Heiligen Krieg in Westafrika“ (Mujao) kontrollierte die Miliz bereits 2012 für neun Monate den Norden Malis. Im Sahel sind allerdings auch weitere islamistische Bewegungen aktiv, etwa mit Verbindungen zum Islamischen Staat.

Warum haben sich die Tuareg-Rebellen den Islamisten angeschlossen?

Sie vereint der Widerstand gegen die Militärregierung in Bamako. Tuareg-Aufstände erlebte Mali allerdings bereits seit der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1960 regelmäßig. Die Bevölkerungsgruppe sah sich von der Regierung in Bamako marginalisiert, forderte mehr Autonomie bis hin zu Unabhängigkeit.

Die Rebellion im Winter 2011 war schließlich Auslöser für die aktuelle Lage. Neu war jedoch, dass Kämpfer aus Libyen mit ihren Waffen zurück in Malis Norden kehrten. Es gelang, die malische Armee zurückzudrängen und im April 2012 den Staat Azawad auszurufen. Das so entstandene Vakuum nutzen islamistische Gruppierungen aus.

Im Januar 2013 wurden diese zwar wiederum zunächst durch französisches Militär vertrieben, blieben aber in der Region und gewannen in den Folgejahren wieder an Macht.

Was bedeutet die aktuelle Gewalt für die Zivilbevölkerung?

Mali liegt auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen auf Platz 188 von 193. Im Welthungerindex der Welthungerhilfe belegt Mali Rang 96 von 123. Mit den neuen Angriffen kann sich das weiter verschlechtern.

„Der Staat ist ohnehin sehr schwach und wird jetzt noch weniger funktionieren. Staatliche Stellen werden sich noch mehr aus der Fläche zurückziehen“, erklärt Laessing. Die Gewalt kann außerdem dazu führen, dass mehr Menschen versuchen, aus Mali zu fliehen. Alleine im Nachbarland Mauretanien leben mehr als 170.000 malische Flüchtlinge.

Ist die Vorgehensweise der Islamisten religiös motiviert?

Augenzeugen berichten seit Jahren, dass JNIM in jenen Orten, die sie kontrolliert, die Scharia radikal auslegt. Musik wird verboten, das Rauchen von Zigaretten, Alkohol ohnehin. Gleichzeitig geht es um die Finanzierung. Eigene Steuersysteme entstehen. Angriffe gibt es seit Jahren auch gegen jene Regionen, in denen Gold abgebaut wird.

Wie kam der Islam nach Mali?

Bereits im 9. Jahrhundert brachte der Transsahara-Handel den Islam in die Region. Die Stadt Timbuktu wurde ab dem 12. Jahrhundert zum Knotenpunkt für Karawanen; gehandelt wurden Salz, Gold, Vieh und Getreide.

Darüber hinaus wurde die am Niger gelegene Stadt im 15. und 16. Jahrhundert zum Wissenschaftsstandort, von dem aus sich die islamische Kultur verbreitete. Lehrstätten entstanden. Laut Unesco gab es 180 Koranschulen mit 25.000 Schülern. Auch wurden Hunderttausende naturwissenschaftliche, philosophische und theologische Schriften verfasst, die später in Dutzenden privaten Bibliotheken und dem staatlichen Ahmed-Baba-Institut aufbewahrt wurden.

Welche Prägung hat der Islam in Mali?

Er galt stets als tolerant und war stark geprägt vom sunnitischen Islam der Sufi-Bruderschaften. Timbuktu trägt beispielsweise den Beinamen „Stadt der 333 Heiligen“ und hat zahlreiche Mausoleen. Diese versuchten Islamisten bereits 2012 während der monatelangen Belagerung der Stadt zu zerstören. Für sie war ein Gebet am Grab eines Heiligen Götzenverehrung.

In den vergangenen Jahren hat sich der Islam aber auch unabhängig von den islamistischen Terrorgruppen verändert. Konservative und radikale Strömungen gewinnen seit Jahrzehnten an Einfluss. Möglich wird das durch finanzielle Unterstützung aus Saudi-Arabien für soziale Projekte sowie den Bau von Moscheen. Loyalität schafft man sich aber auch durch Ausbildungsstipendien für junge Malier.