Wer etwas über den ehemaligen Truppenübungsplatz in Münsingen wissen will, kommt an Joachim Lenk nicht vorbei: Er hat dazu die große Geschichte und unzählige Anekdoten aufgeschrieben.
Joachim Lenk vor dem Württemberg-Palais im Alten Lager in Münsingen: Früher war hier das Offizierskasino untergebracht.
Von Thomas Faltin
Joachim Lenk kann’s mit den Menschen – mit seiner neugierigen und manchmal naseweisen Art bricht der 63-jährige Autor und Journalist bei jedem Gesprächspartner schnell das Eis, und ganz unerschrocken geht er auch auf Viersterne-Generäle oder Ministerpräsidenten zu. So kommt es, dass Lenk seit 1990 rund 1000 Zeitzeugen zum Truppenübungsplatz in Münsingen und anderen Bundeswehrstandorten auf der Alb interviewt hat, Theo Waigel und Günther Oettinger sprachen ein Grußwort bei der Vorstellung seiner Bücher. „Ich habe einfach gefragt“, meint er knitz, „und war selbst überrascht, dass sie zugesagt haben.“
Das liegt natürlich auch daran, dass sich Joachim Lenk längst einen Namen gemacht hat: Wer etwas über die Geschichte des ehemaligen Truppenübungsplatzes in Münsingen wissen will, kommt an ihm nicht vorbei – er ist die Koryphäe in diesem Thema, er ist gleichermaßen detailverliebter Chronist und Sammler launiger Anekdoten. Lenk war aber auch prädestiniert dafür. Seit Jahrzehnten war und ist er als zunächst angestellter und dann freier Journalist auf der Mittleren Alb live dabei gewesen bei vielen Ereignissen. Zudem ist er Oberstleutnant der Reserve, allerdings hat er schon immer als Presseattaché und Fotograf fungiert: „Ich bin ehrlich gesagt kein Kämpfer.“ Aber Lenk hat Ahnung von militärischen Dingen, und er besitzt viele Kontakte. Gerade ist er wieder für einige Wochen auf einer Wehrübung.
Acht Bücher zur Militärgeschichte auf der Schwäbischen Alb
So gingen Türen auf, die allen anderen verschlossen blieben. Einmal habe ihn sogar der frühere Generalinspektor der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, empfangen, obwohl zwischen ihnen zehn militärische Ränge lagen: „Die Sekretärin hat vielleicht geguckt, dass so ein kleines Licht wie ich vorgelassen wurde“, freut sich Lenk heute noch über den kleinen Coup.
Mittlerweile hat Joachim Lenk acht Bücher veröffentlicht, nicht nur über den ehemaligen Truppenübungsplatz, sondern etwa auch über das Militär in Großengstingen, über amerikanische Standorte rund um Ulm oder über die Bundeswehr in Dornstadt. Er besucht viele Archive und wertet Zeitungen aus, aber im Zentrum stehen die Zeitzeugen; bei wichtigen Punkten legt er Wert darauf, eine Information durch Dritte abzusichern. So hat er ein immenses Archiv an Fotos und Postkarten gesammelt.
Und er weiß alles über Munitionsdepots, Sonderlandeplätze, Fahrschulgelände, Remontedepots, Kasernen und Panzerhaubitzen, aber zum Beispiel auch über Gasthäuser. So bekam Joachim Lenk heraus, dass die erste Oben-ohne-Bar zumindest der Mittleren Alb in Münsingen aufgemacht hat – ab 1966 begrüßten die Bedienungen Wanda und Claudia „den verwöhnten Gast“, wie es in einer Zeitungsannonce hieß.
Dreh- und Angelpunkt seines Wirkens bleibt der 6700 Hektar große Truppenübungsplatz Münsingen, der 1895 eingeweiht worden war und der just jetzt an Ostern vor 20 Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist. Er bildet bis heute den Kern des Biosphärengebietes Schwäbische Alb.
Sein Buch „Letzter Appell in Schwäbisch Sibirien“ ist deshalb das Standortwerk für den Truppenübungsplatz. Dieser ist schlicht einzigartig: Wo früher Soldaten Krieg gespielt haben, hat heute die Natur ihren Frieden. Dort gibt es keine Äcker, kaum Häuser, keine Stromleitungen und keine Mobilfunkantennen – eine Welt wie vor hundert Jahren. Auf vorgeschriebenen Wegen – abseits lauern noch Blindgänger im Boden – ist er für Wanderer und Radfahrer erlebbar.
Eine Blamage für Reichsmarschall Hermann Göring
Von einem älteren Zeitzeugen erfuhr Joachim Lenk etwa, was sich 1933 bei einem Besuch von Adolf Hitler und Reichsmarschall Hermann Göring auf dem Schießplatz ereignet hatte. Göring habe plötzlich über den Platz reiten wollen, aber als man endlich ein Pferd herbeigebracht habe, sei dieses unter dem gewaltigen Gewicht Görings zusammengebrochen. „Alle anwesenden Fotografen mussten ihre Filme abgeben, damit niemand davon erfährt“, so Joachim Lenk.
Streng geheim war lange auch, dass auf der Alb jahrzehntelang nukleare Sprengköpfe der US-Armee gelagert haben. Von 1961 bis 1966 wurden diese Atomraketen auf dem Truppenübungsplatz in Münsingen aufbewahrt, von 1969 bis 1991 gab es ein Depot im Lager Golf nahe Großengstingen. In seinem dritten Buch hat Joachim Lenk erstmals darüber geschrieben, obwohl damals noch alle Dokumente verschlossen waren. Ärger hat er keinen bekommen: „Ich habe nur Zeitzeugen wiedergegeben und keine vertraulichen Akten benutzt“, so Lenk.
Seine Bücher verkaufen sich ziemlich gut, wenn man bedenkt, dass das Thema nur eine regionale Bedeutung hat – mehr zu den Büchern finden Sie unter www.bundeswehrstandort.de. Aber der Truppenübungsplatz war immerhin der größte in Süddeutschland und jährlich seien bis zu 20.000 Soldaten zum Üben gekommen, so Lenk – und wer war nicht alles schon dort: Schlagersänger Bernd Clüver, der Starkoch Vincent Klink, General Erwin Rommel, Bundespräsident Horst Köhler, Winfried Kretschmann und sogar Cem Özdemir, allerdings nur als Demonstrant gegen die Atomwaffen im nahen Großengstingen.
Überaus froh ist Lenk, dass der Truppenübungsplatz nach der Aufgabe nicht zerstückelt oder gar bebaut worden ist, sondern zur Keimzelle des Biosphärengebietes werden durfte: „Das ist ein großer Erfolg.“ Wer dieses einzigartige Gebiet selbst erkunden will, für den bietet Lenk im Sommerhalbjahr E-Bike-Touren an. Dabei darf auch in sonst fest verschlossene Orte hineingespickelt werden, etwa in ehemalige Munitionsdepots. Ausdauer sollte man besitzen: Die bis zu 50 Kilometer langen Touren dauern bis zu sieben Stunden, und es gibt unterwegs bis zu 25 Stopps.
Wer lieber zu Fuß unterwegs ist, aber ungern auf einen der Aussichtstürme steigt, dem verrät Joachim Lenk gerne seinen Geheimtipp: Vom Hügel auf dem Gänsewag kann man über den Truppenübungsplatz und über die wunderbare historische Landschaft schauen. „Dort hört man die Stille“, zitiert Lenk gerne den früheren Landrat von Reutlingen, Thomas Reumann. Etwa auf dieser zwölf Kilometer langen Tour kann man den Gänsewag und das verlassene Dorf Gruorn erkunden.
Dabei bekommen die Mitradelnden viele Anekdoten erzählt, so wie diese: Früher gab es sogenannte Außenfeuerstellen – von bestimmten Punkten außerhalb des Platzes durften die Soldaten in das Gelände hineinschießen. Einmal, das war 1972, dachten sich französische Soldaten aber, dann könne man doch sicherlich auch umgekehrt von innen nach außen schießen. Die Rakete sei zum Glück im Garten des damaligen Bürgermeisters von Magolsheim gelandet, meint Lenk: „Der wusste zumindest sofort, wo er anrufen musste, um den Beschuss abzustellen.“
Das Remontedepot Breithülen am Rande des Truppenübungsplatzes Münsingen auf einer Postkarte von 1904: Dort wurden Pferde gezüchtet, die für das Militär in Württemberg benötigt wurden.
Im Alten Lager bei Münsingen waren die Soldaten und Offiziere untergebracht, die auf dem Truppenübungsplatz Dienst taten (Postkarte von 1907). Das gesamte Lager steht heute unter Denkmalschutz – der frühere Unternehmer Franz Tress hat es übernommen und baut es derzeit zu einer Attraktion mit Hochzeitslocations und Manufakturen aus.
Auf dieser Postkarte von 1910 ist der Beschuss mit Artillerie auf dem Truppenübungsplatz abgebildet.
Wegen der harten Winter wird die Gegend um Münsingen manchmal auch Schwäbisch Sibirien genannt – auf dem Foto meint man das spüren zu können. Auf dem Umschlag von Joachim Lenks Buch über den Truppenübungsplatz ist dieses Bild zu sehen, und der Titel lautet entsprechend: Letzter Appel in Schwäbisch Sibirien.
Bundeswehrsoldaten beobachten im Februar 1999 auf dem Truppenübungsplatz Münsingen einen Bundeswehrhubschrauber beim Start. Der letzte Bundeswehrsoldat verlässt Münsingen im Dezember 2005.
Nur auf ausgewiesenen Wegen darf der Truppenübungsplatz heute begangen werden, denn abseits schlummern im Boden noch unzählige Blindgänger.
Die ehemalig militärischen Türme Hursch und Waldgreut auf dem Truppenübungsplatz hat der Schwäbische Albverein übernommen – von dort hat man wunderbare Ausblicke über die einzigartige Landschaft. Wer sich auf die leicht schaukelnden Türme nicht traut, hat im Hügel Gänsewag eine gemütliche Alternative.
Die Baracken im Alten Lager sind denkmalgeschützt – links das Gebäude mit Türmchen ist die ehemalig Königliche Post.
In einige Baracken des Alten Lagers sind Manufakturen eingezogen, in denen Nudeln hergestellt oder Kleidung oder Kaffee verkauft werden. Auch Übernachtungsmöglichkeiten, Gaststätten und Locations für Hochzeiten und andere Events gibt es dort.