Ein Blick auf Hersteller und Charge ist zu empfehlen.
Von Michael Maier
Stell dir vor: Du verlässt dich auf den Schutz des Kondoms, und am Ende sorgt ein unsichtbares Mikroloch für schlaflose Nächte. Gleich 15 Chargen sind unter Verdacht geraten, der Rückruf reicht inzwischen bis nach Tschechien, weil die Produkte offenbar europaweit im Umlauf sind, wie es auf dem EU-Binnenmarkt auch bei gesundheitlich heiklen Produkten ohne weitere Kontrollen üblich ist.
Ein Teil des Materials wurde laut Behörden in Paris sogar ausschließlich außerhalb Frankreichs verkauft, zumindest online potenziell auch in Stuttgart. Als kritisch gelten insbesondere „Primeros“ und „You+Me“, die nur ins Ausland gingen und ausdrücklich nun auch in einer tschechischen Warnung vom 6. November aufgeführt sind. Betroffen sind meist ultradünne Linien:
Löchrige Kondome importiert
Schon im August wurden schadhafte Kondome nach Deutschland geliefert: My Lubie Ultra Fin, Charge 5rri891, verkauft über Amazon und den eigenen Onlineshop. Damals wie heute ist die Lieferkette aus Malaysia im Visier. Zwei untersuchte Chargen fielen bei Berst- und Lochprüfungen durch. Als Ursache nennt die französische Behörde die manuelle Zugabe von Ammoniakwasser zum Latexbad. Der Rückruf wurde nun auf weitere Chargen ausgeweitet.
Ob die betroffenen Kondome auch in der Landeshauptstadt zirkulieren, lässt sich derzeit nicht abschließend sagen. Grundsätzlich ist es möglich, etwa durch Direktimporte von Sex-Shops oder über den Internet-Handel. Im Gegensatz zu Frankreich, wo die Präservative über viele stationäre Kanäle vertrieben wurden, ist über eine Belieferung deutscher Apotheken bislang aber nichts bekannt.
Kondom-Rückruf in Deutschland (August)
Keine kaputten Kondome in Stuttgarter Apotheke
„Diese Marken werden bei uns nicht verkauft und sind auch im Großhandel gar nicht bestellbar“, so zumindest ein Apotheker in Stuttgart-Weilimdorf bei einer Stichprobe. Einen deutschen Rückruf des zuständigen Bundesamts für Verbraucherschutz gibt es bislang nicht, das Amt war am Wochenende nicht zu erreichen. Wer in Stuttgart Kondome der genannten Marken besitzt, sollte aber nicht auf eine offizielle Warnung warten, sondern selbst nachsehen.
Der Blick auf die Packung dauert nur Sekunden: Die Chargennummer (LOT) steht auf der Verpackungsfolie des einzelnen Kondoms. Stimmt sie mit einer der hier Nummern überein, sollte es nicht mehr benutzt werden. Auch ältere Kondomvorräte in der Nachttischschublade, im Rucksack oder im Handschuhfach gehören übrigens kontrolliert, denn Wärme und lange Lagerung setzen Latex zu.
Beratung beim Gesundheitsamt Stuttgart
Wer bereits ein betroffenes Kondom verwendet hat und unsicher ist, kann sich in Stuttgart an Hausärzte, Frauenärzte, Apotheken und Beratungsangebote wie die des Gesundheitsamts wenden. Dort lässt sich auch klären, ob ein Test auf sexuell übertragbare Infektionen sinnvoll ist. Das gilt besonders, wenn das Kondom gerissen ist oder wechselnde Kontakte im Spiel waren. Entscheidend ist, nicht aus Scham zu zögern: Je früher beraten wird, desto mehr Möglichkeiten gibt es, von der „Pille danach“ bis zur Postexpositionsprophylaxe gegen HIV, die möglichst rasch und spätestens innerhalb von 72 Stunden begonnen werden muss.
Französischer Kondom-Rückruf (Oktober/November)
Verwirrung um Chargen von Einhorn
Einhorn widerspricht in einem Punkt: Alle sieben genannten Chargen gehörten zur Linie Magic, die Angabe „Classico (5rri195)“ sei ein Fehler der französischen Liste. Sie hätten zudem die Prüfungen nach ISO 4074 bestanden und seien von den Behörden nicht selbst getestet worden. Die Produkte stünden nur vorsorglich wegen des Herstellungszeitraums (2024 und 2025) auf der Liste, ein Austausch wird bislang nur in Frankreich angeboten.
Der erneute Rückruf von über 7 Millionen Kondomen des malaysischen Herstellers Richter Rubber Technology ist jedenfalls mehr als ein Verpackungsfehler: Mikrolöcher und stark schwankende Wandstärke beeinträchtigen die Schutzwirkung massiv.
Gefahr durch kaputte Kondome
Mikrorisse können die Übertragung von HIV, Hepatitis, Chlamydien, Gonorrhö oder Syphilis ermöglichen und das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft erhöhen. Die „Pille danach“ gibt es rezeptfrei in der Apotheke, sie wirkt je nach Wirkstoff innerhalb von 12 bis 72 Stunden am besten. Ein verlässlicher Schwangerschaftstest ist nach zwei bis drei Wochen möglich.
Ein Kondom schützt nicht nur vor HIV, sondern auch vor anderen Krankheiten, die beim Sex übertragen werden – oder auch nicht.