Olympia im Winter steht auf dem Spiel

Auch vor Mailand Cortina 2026 wird Kritik laut – doch die existenziellen Fragen stellt der Klimawandel.

Von Eidos Import

Kirsty Coventry (42) stammt aus Simbabwe, weshalb nicht überrascht, dass sie keine Wintersportlerin geworden ist, sondern Schwimmerin. Sie nahm an fünf Olympischen Spielen teil, gewann zweimal Gold über 200 Meter Rücken (2004 und 2008). Nach ihrer Karriere tauchte sie nicht ab, sondern zog weiter stilgerecht ihre Bahnen. In der Politik, in der sie in ihrem Heimatland – Korruptionsvorwürfen zum Trotz – Ministerin für Jugend, Sport und Kunst wurde. Aber auch im Sport. Seit 23. Juni 2025 ist Coventry die ersten Frau an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Folglich muss sie sich nun auch mit den Disziplinen auf Eis und Schnee beschäftigen. Und mit den Problemen des Wintersports.

Wie immer, wenn eine Großveranstaltung im Zeichen der Ringe kurz vor der Eröffnung steht, wird Kritik laut. Das ist auch diesmal so. Die Winterspiele kehren nach zwei Jahrzehnten in die Alpen zurück (letztmals Turin 2006), das IOC und die Organisatoren von Mailand Cortina 2026 versprachen im Vorfeld Nachhaltigkeit, Umweltverträglichkeit und sorgsames Wirtschaften. Gebaut wurde trotzdem. Ein neuer Eiskanal in Cortina für 124,8 Millionen Euro, ein Snowpark in Livigno für 35,8 Millionen Euro, auch die Modernisierung der Anlagen in Antholz (Biathlon) oder Tesero (Langlauf) kostete zweistellige Millionen-Summen. Darüber schimpfen die Umweltschützer, und auch andere äußern ihren Unmut. Dass die Wettkampforte im Norden Italiens weit verstreut und sogar alpine Skifahrerinnen (Cortina) und Skifahrer (Bormio) getrennt sind, ärgert Wolfgang Maier gewaltig. „Das sind lauter kleine Einzelweltmeisterschaften“, sagt der Alpinchef des Deutschen Ski-Verbandes, „so bricht man dem olympischen Gedanken das Genick.“

Das kann man so sehen, es ist aber viel zu kurz gedacht. Denn nach den Gigantismus-Spielen in Sotschi (2014), die knapp 45 Milliarden Euro verschlungen haben sollen, in Pyeongchang (2018), wo etliche Bauruinen zurückblieben, und in Peking (2022), als es zudem noch um Corona und Menschenrechte ging, sorgen die kritischen Themen von 2026 beim IOC für keinerlei Verdruss. Zumal wirkliches Ungemach erst in der Zukunft droht.

Vor 70 Jahren fanden in Cortina erstmals Winterspiele statt. Seitdem ist dort die Temperatur im Februar im Mittel um 3,6 (!) Grad gestiegen, zudem gibt es pro Jahr 41 Frosttage weniger. Stimmen die Prognosen, dann werden 2050 weltweit nur noch elf Regionen in der Lage sein, ohne massive künstliche Beschneiung große Sportereignisse auszutragen. Sind Olympische Winterspiele schon bald Schnee von gestern?

Kirsty Coventry hat angekündigt, demnächst ihr Programm „Fit for the Future“ zu präsentieren, mit dem sie die olympische Welt neu justieren will. Dabei liegt die Lösung für die Zukunft der Winterspiele auf der Hand: Es braucht drei bis vier Regionen – in Europa, Nordamerika und eventuell Japan – mit klimatisch passenden Bedingungen, einer funktionierenden Infrastruktur, logistischen Möglichkeiten, um den Olympia-Tross zu beherbergen, und der Bereitschaft der Bevölkerung, alle zwölf oder 16 Jahren Gastgeber des Winter-Spektakels zu sein. Die Anlagen müssten dann immer nur ertüchtigt werden, das rollierende System würde Nachhaltigkeit garantieren.

Thomas Bach, von 2013 bis 2025 nicht nur der Herr der Ringe, sondern auch Förderer von Kirsty Coventry, hat gegen Ende seiner Amtszeit eine derartiges Szenario immer mal wieder ins Spiel gebracht. Ob seine Nachfolgerin in ähnlichen Bahnen denkt, ist offen. Und nur eines ist klar: Das Thema Wintersport wird die frühere Schwimmerin in Zukunft intensiv beschäftigen. Vielleicht sogar mehr, als es ihr lieb ist.