Zugunglück in Spanien

Opferzahl nach Katastrophe könnte steigen – Regierung unter Druck

Angehörige bangen immer noch um vermisste Familienmitglieder. Die Identifizierung gestaltet sich aber ausgesprochen schwierig.

Opferzahl nach Katastrophe könnte steigen – Regierung unter Druck

Eine Frau kniet vor einem kleinen Altar am Bahnhof Santa Justa zum Gedenken an die Opfer des Zugunglücks. Bei dem Zusammenstoß zweier Züge kamen Dutzende Menschen ums Leben, zahlreiche wurden verletzt. (zu dpa: «Opferzahl nach Zugunglück weiter ungewiss – Druck wächst»)

Von Michael Maier

Auch zwei Tage nach dem Zugunglück in Spanien ist das Ausmaß der Katastrophe nicht endgültig abzusehen. Zwar ist die Suche nach Opfern an der Unglücksstelle abgeschlossen, doch die Zahl von bislang 69 Toten könnte nach Angaben der Behörden noch steigen. Der makabre Grund: Eine große Menge menschlicher Teilüberreste erschwert die Identifizierung. Zugleich wächst der politische Druck auf die Regierung: Verkehrsminister Óscar Puente (PSOE) verteidigte das spanische Bahnsystem und schloss einen Rücktritt aus.

Bei den 69 Toten handele es sich um vollständig geborgene Leichen, sagte der Regierungschef der Region Kastilien-La Mancha, Emiliano García-Page. Zwischen den Wracks gebe es keine weiteren Opfer. Die Identifizierung der Teilüberreste sei jedoch äußerst kompliziert. „Wir schließen deshalb nicht aus, dass es weitere Todesopfer geben könnte“, sagte er.

Opfer aus 27 Ländern

Unter den Toten und Verletzten sind nach Angaben von Ministerpräsident Pedro Sánchez Menschen aus 27 verschiedenen Ländern. Deutsche wurden zunächst nicht unter den Toten genannt. Die Regierung stehe mit allen betroffenen Konsulaten in Kontakt, um diese so schnell wie möglich zu informieren, sagte er auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit García-Page.

Die Gerichtsmediziner in Toledo arbeiteten daran, die Toten so schnell wie möglich zu identifizieren. Bislang wurden nach Behördenangaben 48 Autopsien vorgenommen und 13 Leichen identifiziert. Die Behörden baten Angehörige der Vermissten, DNA-Proben zur Verfügung zu stellen, um die Identifizierung zu beschleunigen.

Korruption bei der spanischen Bahn?

Die Untersuchungen zur Ermittlung der Ursache des ersten schweren Bahnunglücks in Spanien innerhalb im Januar 2026 dauern unterdessen noch an und kommen nicht gerade zügig voran. Es gibt Vorwürfe zu mutmaßlich minderwertigem Material im Gleisbett und möglicher Korruption in der Regierungspartei PSOE und bei der Infrastrukturbehörde ADIF. Dass dort eine schwunghafte Vetternwirtschaft herrscht, ist jedenfalls gesichert belegt.

Beim ersten Unfall waren im Januar bei Adamuz in Andalusien 46 Menschen ums Leben gekommen. Am Mittwoch kollidierten erneut zwei Hochgeschwindigkeitszüge: Ein Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe fuhr rund 130 Kilometer südlich von Madrid auf einen stehenden Zug des privaten Unternehmens Iryo auf.

Im Zentrum der Ermittlungen stehen beim zweiten Unglück der Ausfall des Zugsicherungssystems LZB und mögliche Fehlentscheidungen in der Bahnleitstelle. Von Medien veröffentlichte Mitschnitte des Funkverkehrs legen nahe, dass der Lokführer des Renfe-Zuges von einem Mitarbeiter der Leitstelle angewiesen wurde, den normalen Fahrbetrieb wieder aufzunehmen, obwohl das LZB-System nicht wieder funktionierte und der Iryo-Zug weiterhin auf der Strecke stand.

Kritik an Verkehrsminister Puente

Puente bezeichnete den Unfall derweil erneut als „unerklärlich“. Er wies Kritik an der Sicherheit des Bahnsystems zurück. Das LZB habe allein in diesem Jahr in Spanien 170 Störungen verzeichnet. Das liege im europäischen Normalbereich. Das gesamte Sicherheitssystem sei eigentlich auf solche Ausfälle vorbereitet.

Auch Vorwürfe eines Personalmangels und einer Überlastung der Mitarbeiter bestritt Puente. Die Zahl der Kontrolleure sei deutlich erhöht worden. Gewerkschaften beklagen dagegen eine zunehmende Arbeitsbelastung und Ermüdungserscheinungen bei den Beschäftigten – bis hin zu Nachtschicht-Wochen mit 60 Arbeitsstunden.

Schon unter Puentes Vorgänger José Luis Abalos (2018–2021), der inzwischen eine 24-jährige Haftstrafe verbüßt, stand das Verkehrsministerium indes im Zentrum von Korruptionsvorwürfen, während Ausschreibungen zur Erneuerung der Infrastruktur zum Teil verschleppt wurden. Lokführer protestierten gestern bei einem von langer Hand geplanten Streiktag gegen die Zustände, für die am Ende des Tages wohl jemand die Verantwortung übernehmen muss. Beobachter glauben, dass der ansonsten gerne polemisch twitternde Óscar Puente zum Bauernopfer werden könnte.

Zug-Crash bei Tempo 160 oder 200

Die Ermittler haben inzwischen die Fahrdatenschreiber der Züge geborgen. Die Aufzeichnungsgeräte befinden sich nun in den Händen der Polizeieinheit Guardia Civil. Die Daten sollen in den kommenden Tagen ausgewertet werden, wie die unabhängige Unfalluntersuchungsbehörde AITAT mitteilte. Nach ersten Schätzungen der Behörde ereignete sich der Zusammenstoß bei einer Geschwindigkeit zwischen 160 und 200 Kilometern pro Stunde.

Der betroffene Mitarbeiter der Leitstelle habe von seinem Recht Gebrauch gemacht, gegenüber der Guardia Civil zunächst keine Aussagen zu machen, berichtete der staatliche TV-Sender RTVE unter Berufung auf das Verkehrsministerium.

Opferzahl nach Katastrophe könnte steigen – Regierung unter Druck

Innenminister Fernando Grande-Marlaska (l-r), Ministerpräsident Pedro Sánchez und der Präsident von Kastilien-La Mancha, Emiliano García-Page, nahmen an der Sitzung des Integrierten Einsatzleitzentrums (CECOPI) in der Notrufzentrale 112 teil.

Opferzahl nach Katastrophe könnte steigen – Regierung unter Druck

Auch zwei Tage nach der Zugkatastrophe ist die Suche nach Opfern noch nicht beendet.