Konsequenzen nach Missbrauchstudie

Paderborn will Erinnerung an verstorbene Kardinäle tilgen

Nach Veröffentlichung der Missbrauchstudie zieht die Stadt Paderborn harte Konsequenzen: Zwei nach Kardinälen benannte Orte sollen umbenannt werden. Zudem distanziert sich die Stadt von früheren Ehrungen der beiden katholischen Oberhirten.

Paderborn will Erinnerung an verstorbene Kardinäle tilgen

In der Grabkammer der Krypta des Doms steht ein Hinweisschild zu den Fehlern der dort beigesetzten Erzbischöfe des Erzbstums Paderborn im Umgang mit sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche.

Von Markus Brauer/KNA

„Wer hoch steigt, kann auch tief fallen. Nur runter geht es meistens schneller!“, hat ein zeitgenössischer Buchautor einmal geschrieben.

Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt ist dieses Schicksal jetzt widerfahren. Dass sie es nicht mehr am eigenen Leib erfahren müssen, liegt allein daran, dass sie schon seit 53 bzw. 24 Jahren tot sind.

Von kirchlichen Lichtgestalten zu sündhaft Verfemten

Zu Lebzeiten wurden sie öffentlich geehrt und gefürchtet, hofiert und umschmeichelt. Ein Platz und eine Straße wurden nach ihnen benannt. An Ihre Person und ihr Wirken wurde lobpreisend erinnert und ihrer Lebensleistung gehuldigt. Und plötzlich . . . ist alles anders. Die Bewunderung hat sich in Verachtung, die Bewunderung in Distanzierung, die Ehrung in Missachtung, das Lob in Abscheu verkehrt. WAS ist geschehen? Und WIE konnte es geschehen? Spurensuche in einer westfälischen Domstadt, die unter Schock steht.

Die Kehrtwende um 180 Grad von kirchlichen Lichtgestalten zu sündhaft Verfemten geschah abrupt und ohne Vorankündigung. Auslöser dieses – nach dem „Franz-Hengsbach-Erdbeben“ im Bistum Essen 2023 – beispiellosen Falls in der neueren Geschichte der katholischen Kirche in Deutschland ist eine Studie, die den sperrigen Titel trägt: „Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941–2002)“.

Vor dem Downland bitte Triggerwarnung lesen!

Die 729 (!) Seiten dicke Studie ist am 12. März in Paderborn den Medien und der Öffentlichkeit präsentiert worden. Man darf davon ausgehen, dass viele, die dabei anwesend waren oder die Studie auf der Webseite der Universität Paderborn heruntergeladen haben, entsetzt, schockiert und erschüttert sind.

Der Inhalt ist offenbar so brisant, pikant und abstoßend, dass die beiden Autorinnen, die Paderborner Kirchenhistorikerin und Projektleiterin Nicole Priesching sowie Christine Hartig, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kirchen- und Religionsgeschichte von Priesching, eine „Triggerwarnung“ für notwendig erachten:

„In der Studie und auf dieser Webseite geht es um sexualisierte Gewalt. Solche Inhalte können belastend sein und negative Gedanken und Empfindungen auslösen. Bitte entscheiden Sie selbst, ob Sie sich damit auseinandersetzen möchten.“

Warum konnten Priester so handeln, warum hat die Kirche vertuscht?

Für ihre auf fünf Jahre angelegte, überaus gründliche Untersuchung zum Missbrauch Minderjähriger im Erzbistum Paderborn haben Priesching und Hartig umfangreiches Material gesichtet sowie Interviews mit Zeitzeugen und Betroffenen geführt.

Ihren Aussagen zufolge ist es das Ziel ihrer historischen Untersuchung, „die Bedingungen zu rekonstruieren, unter denen Priester sexuelle Gewalt gegen Minderjährige ausüben konnten, und herauszufinden, welche Handlungsprämissen für das Paderborner Leitungspersonal maßgebend waren.“

Täter, Mittäter, Dunkelmänner

Die Studie behandelt einen Zeitraum von mehr als 60 Jahren – von 1941 bis 2002. Nämlich die Amtszeiten der Kardinäle Lorenz Jaeger (1892-1975, Erzbischof von 1941 bis 1973) und Johannes Joachim Degenhardt (1926-2002, Erzbischof von 1974 bis 2002).

Es war übrigens, neben Jaeger und Weihbischof Paul Nordhues, der Essener Bischof Franz Hengsbach, der Degenhardt am 1. Mai 1974 die Bischofsweihe spendete. Eben jener Hengsbach, der im September 2023 von der Leitung seines eigenen Bistums als Missbrauchstäter gebrandmarkt wurde.

Auch wenn die Erzbischöfe in den Fokus der medialen und öffentlichen Wahrnehmung getreten sind, geht es um sehr viel mehr als nur um zwei vom Sockel gestoßene Kirchenfürsten.

210 beschuldigte Kleriker, 489 betroffene Opfer

„Die Zahlen sind als Momentaufnahmen zu werten“, erläutert Priesching. „Die Aussagen über das ‚Hellfeld‘ sexueller Gewalt im Erzbistum Paderborn zulassen. Zusätzlich ist von einem ‚Dunkelfeld‘ auszugehen, über dessen Ausmaß nur spekuliert werden kann.“

Umbenennung von Straße und Platz

Nachdem nun die Wahrheit auf den Tisch gekommen ist und weitere „schmutzige“ Details künftig das Tageslicht erblicken könnten, hat der Rat der Stadt Paderborn angekündigt, einen Schlussstrich unter das erzbischöfliche Kapitel zu ziehen. So ist die Umbenennung der Kardinal-Jaeger-Straße und des Kardinal-Degenhardt-Platzes auf den Weg gebracht.

Eine entsprechender Antrag von Bürgermeister Stefan-Oliver Strate (CDU) sei bei der Ratssitzung am Donnerstag (26. März) mit Mehrheit beschlossen worden, wie ein Stadtsprecher mitteilt. Demnach wurde die Verwaltung beauftragt, die Umbenennung vorzubereiten. Auch eine Hinweistafel auf dem Kardinal-Degenhardt-Platz soll entfernt werden. Wie die beiden Orte künftig heißen sollen, wurde noch nicht festgelegt.

Aus der Ehrenbürgerliste der Stadt gestrichen

Zugleich distanziert sich der Rat von den verstorbenen kirchlichen Oberhäuptern. Das Gremium erklärte sein Bedauern darüber, dass den beiden Geistlichen in den Jahren 1955 und 1991 das Ehrenbürgerrecht verliehen worden war. Er  beschloss, ihre Namen aus der Ehrenbürgerliste der Stadt zu streichen.

Bürgermeister Strate hatte die Ergebnisse der Studie als erschütternd bezeichnet und rasche Konsequenzen angekündigt. Eine formale Aberkennung der Ehrenbürgerwürde ist rechtlich nicht möglich, da diese mit dem Tod der Geehrten erlischt.

Vertuschungsversuche durch Kardinäle

Unter beiden Kardinälen sei versucht worden, die Missbrauchsfälle zu vertuschen und die Täter zu schützen, schreiben die Autorinnen. Die Opfer und deren Familien seien unter Druck gesetzt worden, die Anzeigen zurückzuziehen. Wenn die Priester geständig waren, die Fälle aber in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt waren, hätten sie ihre Arbeit in der Regel fortsetzen können.

Noch bis in das Jahr 2001 habe Degenhardt von Einzelfällen gesprochen. Er habe diese als Fehltritte und unglückliches Verhalten der Kleriker bezeichnet. Beide Kardinäle hätten große Milde gegenüber den Priestern gezeigt, dafür kein Verständnis für die Opfer, resümieren die beiden Kirchenhistorikerinnen.

Für das Jahr 2027 hat Priesching eine zweite Studie angekündigt. In dieser Arbeit geht es um die Zeit von Hans-Josef Becker. Der noch lebende Erzbischof war von 2002 bis 2022 im Amt.

War Degenhardt nicht nur Vertuscher, sondern auch Täter?

Als wäre es damit nicht schon genug des Unerträglichen, werden nun auch noch Missbrauchsvorwürfe gegen Degenhardt selbst laut. Die Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn schätzt die entsprechende Anschuldigung eines Betroffenen als glaubwürdig ein, wie deren Sprecher Reinhold Harnisch erklärt.

Die Vorwürfe des Betroffenen liegen der Betroffenenvertretung laut Harnisch seit Ende 2025 vor. Zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Tat soll er minderjährig gewesen sein. Für die Betroffenenvertretung gelte der 2002 verstorbene Degenhardt als Beschuldigter. Die Gruppe gehe Hinweisen nach, ob und inwieweit es weitere Opfer und Täter gegeben habe.