Stuttgart

Porträt - Wie aus dem Börsenchef ein Caritasmensch wurde: Oliver Hans

Oliver Hans war Geschäftsführer der Baden-Württembergischen Wertpapierbörse. Dann wechselte er zur Kirche. Seit drei Jahren ist er Vorstandsvorsitzender der Caritas Stiftung Stuttgart.

Porträt - Wie aus dem Börsenchef ein Caritasmensch wurde: Oliver Hans

Oliver Hans, Vorstandsvorsitzender der Caritas Stiftung Stuttgart, in seinem Büro in Stuttgart (Archivfoto).

Von red/KNA

Seine Leidenschaft für Aktien begann früh und endete in einem Fiasko: Als Jugendlicher hat Oliver Hans sein Kommuniongeld am Aktienmarkt verzockt. "Mit 14 Jahren habe ich angefangen, aktiv Aktien zu kaufen - dafür musste ich meine Eltern schon beknien", erinnert sich Hans im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Stuttgart. "Bald waren 2.000 Mark weg. Das war schon dramatisch." Er fragte sich: Was habe ich falsch gemacht? Und las Börsenliteratur, bald auch auf Englisch.

Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg und Stationen in der Unternehmensberatung kam er zur Börse. Irgendwann war er ganz oben, sehr lange. Rund 20 Jahre lang war Oliver Hans (60) Geschäftsführer der Baden-Württembergischen Wertpapierbörse. Und verantwortete damit einen zentralen Teil der Gruppe Börse Stuttgart, die an ihrem deutschen Handelsplatz zuletzt im März 2026 rund 20 Milliarden Euro umsetzte.

Fast 100 Millionen Euro Stiftungsvermögen

Doch vor drei Jahren, am 1. Mai 2023, wechselte Hans mit 57 Jahren von der Börse zur katholischen Kirche. Und wurde Geschäftsführender Vorstand der Caritas Stiftung Stuttgart. Sie verwaltet zwar keine Milliardenbeträge, aber immerhin ein Vermögen von nahezu 100 Millionen Euro. Etwa zwei Drittel davon stecken in Immobilien, ein Drittel in Wertpapieren. Die Immobilien hat die Stiftung selbst gebaut, gekauft oder als Schenkung zu Lebzeiten beziehungsweise per Testament erhalten oder zur treuhänderischen Verwaltung übernommen.

Stifter, Erblasser oder Gönner könnten "soziale Zukunft in Stuttgart gestalten", so der Vorstandsvorsitzende Hans. Es sind Projekte für Senioren, für Menschen mit Behinderungen, wohnungslose oder suchtkranke Menschen, für Geflüchtete und Zugewanderte, für Kinder, Jugendliche und Familien. Die 1999 gegründete Stiftung finanziert auch sozialen Wohnraum - so sind durch Zustiftungen und Neubau inzwischen mehr als 68 Immobilien mit mehr als 350 Wohneinheiten entstanden.

Unmenschliche 21-Stunden-Tage

In den Jahren 2018 und 2019 hatte Hans als Börsenchef dagegen ein ganz anderes Portfolio und jede Menge Zusatzarbeit: Die Einführung des - damals noch unregulierten - Handels mit Kryptowährung wie Bitcoin stand an. Und die Prüfer von der Finanzaufsicht BaFin sahen besonders genau hin. 2020 erschütterte dann das Coronavirus die Welt, was auch den Börsenhandel umkrempelte. Und bei Oliver Hans wurden "aus 14-Stunden-Tagen öfter mal 21-Stunden-Tage". Der bekennende Workaholic sagt im Rückblick: "Das war schon eine Grenzerfahrung."

Zwar hielt er sich mit gesunder Ernährung und Sport fit. Und auch heute trägt er beim Interview ein hellblaues Jackett und weiße Sneaker. Doch damals geriet er "an einen Belastungspunkt, der mich innerlich fast zerbersten ließ".

Schlüsselerlebnis unter Palmen

2021 folgte dann ein Schlüsselerlebnis: Als er mit seiner Familie Urlaub in der Dominikanischen Republik machte, hatte er wegen der Zeitverschiebung nachts um 02.00 Uhr seine beruflichen Videokonferenzen. "Das war der Preis, der zu zahlen war", sagt er lapidar.

Doch eine Schalte war besonders belastend. Er ging danach nicht ins Bett, sondern lief raus an den Strand, die Sonne ging gerade auf, er legte sich unter eine Palme, und schaute nach oben. "Ich dachte mir: Was passiert, wenn Dir so eine Kokosnuss auf den Kopf fällt?" Die erschreckende Antwort gab er sich selbst: "Na, dann hast du's wenigstens rum!" In diesem Moment habe er für sich das erste Mal den Gedanken zugelassen, dass er beruflich auch etwas Anderes machen könnte.

"Leichtgläubigkeit bewahrt"

Oliver Hans war schon als Kind katholisch. In Karlsruhe geboren und im nahegelegenen Karlsdorf aufgewachsen, nahm ihn seine Mutter mit in die Kirche. Mehrmals hatte er in seinem Leben "Gebetserhörungen, die ich mir bis heute nicht erklären kann", etwa bei Prüfungen im Abitur oder Studium. Sein Credo: "Ich lerne viel, aber Du, Gott, musst mir dann auch helfen!" So hält es Hans bis heute: "Diese Leichtgläubigkeit habe ich mir bewahrt." Er sei heute angstfrei.

Sein Glaube half ihm auch beim Wechsel von der Börse - wo er viele überraschte Gesichter zurückließ - zur Kirche. Die war ihm zeitlebens vertraut. Er war Oberministrant, Lektor, Pfarrgemeinderatsvorsitzender und Wortgottesdienstleiter in Sankt Jakobus in Karlsdorf - und ist dort bis heute aktiv.

"Hans im Glück"

Seine Arbeit für die Caritas Stiftung Stuttgart sei mit die glücklichste Phase seines Lebens, sagt Oliver Hans. Gelassenheit sucht er nicht nur beim Bibellesen, sondern auch bei Stoikern wie Seneca oder Marc Aurel. Oder er schaut auf ein Gemälde des US-Malers Edward Hopper in seinem Büro. Hoppers Bilder spiegeln die Leere und Einsamkeit des modernen Menschen, zeugen aber auch von einer tiefen inneren Ruhe.