Beim Gedanken an psychiatrische Kliniken dürfte den meisten unheimlich zumute werden. Zu Recht? Fakt ist: Viele Vorstellungen sind falsch. Wie die stationäre Behandlung heute aussieht und wer dort Hilfe findet.
Wo bitte geht’s in die Psychaitrie? (Fotomontage).
Von Markus Brauer/dpa
R.M. Renfield ist Graf Draculas wahnsinniger, fanatisch ergebener Diener und Vertrauter. Er hilft ihm bei seinem Plan, Mina Harker in einen Vampir zu verwandeln - im Gegenzug für einen ständigen Nachschub an Insekten und das Versprechen der Unsterblichkeit. Zeitweise lebt Renfield in einer Irrenanstalt , wo er von Dr. John Seward behandelt wird.
Von der Irrenanstalt zur Psychiatrie-Klinik
Renfield ist eine fiktive Figur aus Bram Stokers im Jahr 1897 erschienenem Schauerroman „Dracula“. Um die Jahrhundertwende war das, was heute eine medizinische Klinik für Psychiatrie ist, eine Heilanstalt. Ein Ort für die gemeinschaftliche, meist dauerhaftere Unterbringung von „Irren“, wie man damals an psychischen Krankheiten leidende Menschen nannte.
Mit Einsetzen der wissenschaftlichen Psychiatrie wurden althergebrachte, negativ konnotierte Begriffe wie Irren-, Narren- oder Tollhaus ersetzt durch den zu jener Zeit neutraleren Begriff der Heil- und Pflegeanstalt. Mit dem Fachkrankenhaus des 20. Jahrhunderts reihte sich die Psychiatrie endgültig in die Medizin ein. Zuvor blieb der Begriff Klinik nur Universitäts-Psychiatrien vorbehalten.
Stigmatisierung psychisch Kranker
Der Wandel in der Namensgebung widerspiegelt sowohl Veränderungen der Anschauungen als auch die Bemühungen vor allem von Seiten der Psychiater durch Sprachregelungen einen wichtigen Beitrag zu leisten, um der Stigmatisierung psychisch Kranker entgegenzuwirken.
Ist dieser Wandel gelungen? Wie ist heute der therapeutische Standard in deutschen Psychiatrien? Sind die „Seelen-Burgen“ immer noch ein Ort der Angst? Oder ein Ort der Hoffnung, der Gesundung, der Heilung gar?
Wer sich in einem Krankenhaus behandeln lassen muss, macht daraus in den meisten Fällen kein Geheimnis. Anders kann das bei einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik aussehen. Um diese Krankenhäuser ranken sich immer noch Mythen, Vorurteile und Schauermärchen, Patienten werden oft stigmatisiert.
Zwangsjacke ade – heute gibt es Fixierungen
„Viele Menschen haben mittelalterliche Vorstellungen von Psychiatrie“, sagt der Psychiater und Buchautor Manfred Lütz. Es gebe dort aber weder Zwangsjacken, noch würden dort "alle" Patienten mit Medikamenten ruhig gestellt. Zudem seien die meisten Patienten freiwillig in der Klinik.
Das stimmt. Die klassische Zwangsjacke wird heute nur in der BDSM- und Bondage-Szene verwendet. In psychiatrischen Kliniken setzt man – im Notfall – auf Fixierungen.
Diese mechanische Zwangsmaßnahme mithilfe von Gurten und Riemen zur Fesselung darf allerdings nur als letztes Mittel bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung angewendet werden. Aufgrund des hohen Freiheitsentzugs ist laut einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1998 bei Fixierungen, die länger als eine halbe Stunde dauern, grundsätzlich eine vorherige richterliche Genehmigung erforderlich.
Richtig ist auch: Eine Ruhigstellung mit Medikamenten ist bei bestimmten Patienten, die etwa an einer Psychose oder Schizophrenie leiden, mitunter aus denselben Gründen geboten.
Der garstig breite Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Auch Professor Florian Metzger, ärztlicher Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie im hessischen Haina, räumt mit den Mythen auf und beschreibt psychiatrische Kliniken als „niedrigschwelliges Angebot für Menschen in Not, ein Schutzraum, um sich öffnen und auch ungewöhnliche Gedanken äußern zu können“.
Menschen in Not, die etwa auto- oder fremdaggressiv sind, brauchen de facto einen Schutzraum, um sich selbst und andere vor dieser Aggression zu schützen. Und: Beiderseitige Offenheit ist eine Grundvoraussetzung für die therapeutische Arbeit.
In der Theorie ist das allerdings leichter gesagt als in der Praxis getan. Der stationäre psychiatrische Alltag hat nichts mit den Hochglanzbroschüren der Kliniken zu tun, die Patienten suggerieren, der Aufenthalt wäre so etwas wie eine erholsame Kurmaßnahme für die Seele.
Wann eine Klinikbehandlung nötig ist
Die Mehrheit psychischer Beschwerden wird in Deutschland ambulant behandelt. Bei schweren psychischen Erkrankungen reiche jedoch eine Behandlung in einer psychotherapeutischen Praxis nicht immer aus, wie die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) zu Recht erklärt. Unter Umständen schlägt der behandelnde Psychotherapeut dann eine Behandlung in einem psychosomatischen oder psychiatrischen Krankenhaus vor.
Im Prinzip werden in einer Psychiatrie alle psychischen Krankheiten behandelt: von Angstzuständen, Depressionen, Essstörungen bis hin zu Suchterkrankungen.
Der Alltag ist grauer als die Klinikbroschüren
All diese Krankheitsbilder sind mitunter auf einer einzigen Station eines Psychiatrischen Krankenhauses zu finden: Der Suchtkranke liegt mit dem Suizidgefährdeten und dem Paranoiker in einem Zimmer. Gegenüber teilen sich ein Dementer, ein Alkoholiker und ein junger Mann mit Burnout einen Raum.
Privatheit, individuelle Betreuung und wöchentlich mehrere Gesprächsangebote mit Therapeuten sind wünschenwert, aber illusorisch. Außer man hat das Glück und kuriert sein Leiden in einer teuren Privatklinik aus.
Wann Zwang nötig ist
Im Normalfall benötigen Patienten für die Aufnahme in einem psychiatrischen Krankenhaus eine Einweisung durch einen Arzt. In akuten Notfällen können sich Betroffene aber auch direkt an ein Krankenhaus wenden, wie die BPtK mitteilt.
Der seltenere Fall ist die Zwangseinweisung, etwa bei Suizidgedanken, Wahnvorstellungen oder Fremdgefährdung. In solchen Fällen muss ein Richter in der Regel innerhalb von 24 Stunden entscheiden, ob jemand zwangsweise in der Psychiatrie bleibt und falls ja, wie lange. In solchen Fällen ist auch eine Zwangsmedikation möglich.
Was einen in der Psychiatrie erwartet
„In einer Psychiatrie ist es heute wie in einem normalen Krankenhaus, es gibt Ein- und Zwei-Bett-Zimmer“, erklärt Psychiater Manfred Lütz. Die Unterschiede: Die Patienten liegen deutlich weniger im Bett, tragen ihre Alltagskleidung und können in der Regel jederzeit etwa spazieren gehen. Zudem finden sich in modernen Psychiatrien tendenziell stärker therapeutisch orientierte Raumkonzepte, die Wohnlichkeit und Wohlbefinden fördern sollen.
Alle stationären Einrichtungen arbeiten mit Behandlungskonzepten, die sich aus verschiedenen Bausteinen zusammensetzen. Dazu gehören etwa Psychotherapie, Ergotherapie, Kunsttherapie, Physiotherapie, Sport- und Bewegungstherapie sowie die Gabe von Medikamenten.
Wird ein Patient stationär aufgenommen, steht – wie in jedem Krankenhaus – zunächst die Anamnese an. Welche Vorgeschichte hat der Patient? Was ist sein aktuelles Problem? Zudem gibt es eine körperliche Untersuchung. „Psychische Erkrankungen können auch körperliche Gründe haben“, erläutert Lütz.
Wie eine Therapie aussehen kann
Nach der Anamnese wird ein individueller Therapieplan erstellt. Der Tagesplan eines Patienten in der Psychiatrie hängt von dem Stand seiner Erkrankung ab. „Ein Mensch direkt in einem akuten Alkoholentzug hat etwa weniger Therapie als ein Depressiver, der schon länger in Behandlung ist“, betont Metzger. Je fortgeschrittener die Behandlung, desto voller wird meist der Terminkalender.
Manche Patienten erhalten Medikamente, wie etwa Antidepressiva oder Neuroleptika. Allerdings reagiert die Psyche nicht wie auf Knopfdruck. So wirkt nicht jedes Antidepressivum bei jedem Patienten. Dies muss über einen Zeitraum von mehreren Wochen ausprobiert werden - Nebenwirkungen inklusive.
Viele Bausteine, ein Ziel
Möglich ist etwa bei schwer depressiven Menschen auch die Elektrokonvulsionstherapie. „Sie ist das wirksamste Verfahren gegen Depressionen“, erläutert Florian Metzger. Bei Menschen in einer schweren Phase ihrer Erkrankung, in der weder Psychotherapie noch Medikamente ausreichend wirkten, könne sie sehr hilfreich sein.
Die Behandlung erfolgt unter kurzer Narkose. Über am Kopf befestigten Elektroden wird ein kurzer elektrischer Impuls abgegeben. Dieser löst einen kontrollierten epileptischen Anfall aus, der zwischen 30 und 60 Sekunden dauert.
„In der Bevölkerung herrscht das Vorurteil, dass diese Therapie etwas ganz Schlimmes wäre. Doch es ist ein wirksames Verfahren, das man Patienten nicht vorenthalten sollte“, meint Metzger. Zudem seien die Nebenwirkungen gering und stammten hauptsächlich von der Narkose. Studien zufolge gebe es keine bleibenden Schäden.
Nicht jeder bleibt gleich lang
Insgesamt ist die Aufenthaltsdauer von Patienten in psychiatrischen Kliniken in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken. Die durchschnittliche Dauer liegt bei 20 bis 30 Tagen. Schwer erkrankte Menschen oder solche, die noch nicht alleine leben können, bleiben länger – mitunter Wochen oder Monate.
Der steinige Weg zurück in den Alltag
Wie geht es nach der Psychiatrie weiter? Manchmal war der Grund für den Aufenthalt eine kurze Krise. Solche Menschen gehen wieder zurück in ihren Alltag. Andere müssen nach dem Krankenhausaufenthalt lernen, wieder im Alltag zurechtzukommen.
Laut BPtK ist es ratsam, weiterbehandelt zu werden. Das Krankenhaus müsse Patienten dabei unterstützen, die Therapie möglichst nahtlos fortsetzen zu können. Etwa, ambulant bei einem Psychiater oder einem Psychotherapeuten. Auch teilstationäre Behandlungen sind möglich.
All das zu bewältigen ist nicht einfach. Das Leben mit einer psychischen Erkrankung ist ein Schicksal, das man sich nicht aussucht. Vielleicht würde mancher Psychiater seine eigene Klinik anders sehen, wenn er dort selbst Patient wäre und in der Haut eines "normalen" Kranken stecken würde.
Pieter Cornelis Kuiper: Der Psychiater, der Patient in der Psychiatrie war
Einer, der diese Erfahrung am eigenen Leib gemacht hatte, war Pieter Cornelis Kuiper. Der 1919 geborene und 2002 in Amsterdam verstorbene Kuiper war ein deutsch-niederländischer Psychiater, Psychoanalytiker und Autor. Von 1961 bis 1985 war er Professor für Psychiatrie an der Universität Amsterdam. Kuiper war in seinem Fachgebiet eine international anerkannte Koryphäe.
Nachdem dieser berühmte Arzt monatelang in der Valerius-Klinik in Amsterdam wegen einer schweren depressiven Phase behandelt wurde, konnte er schließlich nur durch MAO-Hemmer (Monoaminoxidase-Hemmer: eine Klasse von Antidepressiva, die den Abbau der Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und Dopamin blockieren, wodurch deren Konzentration im Gehirn steigt und depressive Symptome gelindert werden können) geheilt werden. Medikamente, vor denen er zuvor als Arzt stets gewarnt hatte.
„Seelenfinsternis. Die Depression eines Psychiaters“
Über sein berufliches Schaffen hinaus wurde Kuiper vor allem bekannt durch sein autobiografisches Buch mit dem deutschen Titel „Seelenfinsternis. Die Depression eines Psychiaters“. In ihm macht er seine eigene seelische Erkrankung im Jahr 1983 öffentlich und gewährt damit Fachleuten wie Laien Zugang zum Erleben einer sehr schweren Depression.
Sein Buch schrieb Kuiper auf Anraten des behandelnden Arztes und aufgrund seines persönlichen Verantwortungsgefühls, das er nach eigener Aussage nach seiner Genesung entwickelt hatte. Ein solches Buch habe es zuvor noch nie gegeben, schrieb der Medizinjournalist Hans Haller am 1. März 1991 im Nachrichtenmagazin „Spiegel“.
„Freimütige Schilderung der eigenen Seelennot und des Scheiterns“
Kuiper habe „dem Leser die ungeschminkten Wahrheiten über seine Herkunft, seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeiten“ mitgeteilt. Eine derart „freimütige Schilderung der eigenen Seelennot und des Scheiterns“, wie sie Kuiper gelungen sei, wäre „aus der Feder eines deutschen Ordinarius nur schwer vorstellbar“.
Weil „so viele Krankheiten und Irrtümer auf Hochmut und narzisstischem Selbstgefühl basieren“, rät Kuiper am Ende, sich lieber seinen Mitmenschen zuzuwenden als sich selbst.