Mindestens 39 Tote bei mysteriösem Bahnunfall nahe Córdoba. Experten stehen vor einem Rätsel: Wie konnte ein neuer Zug auf frisch renovierter Strecke entgleisen?
Retttungsarbeiten nach der Bahnkatastrophe in Andalusien.
Von Michael Maier
Verheerende Bilanz nach dem Zugunglück nahe der spanischen Gemeinde Adamuz bei Córdoba: Mindestens 39 Menschen sind ums Leben gekommen und etwa 150 weitere wurden zum Teil schwer verletzt.
Der Unfall ereignete sich am Sonntagabend gegen 19.45 Uhr, als ein Hochgeschwindigkeitszug der italienischen Gesellschaft Iryo auf der Strecke Málaga-Madrid entgleiste und dabei die Trasse blockierte. Ein entgegenkommender Alvia-Schnellzug der staatlichen Eisenbahn Renfe mit Ziel Huelva prallte anschließend in die entgleisten Waggons.
Sabotage bei Zugunglück in Spanien?
Was diesen Unfall besonders mysteriös macht, sind die Umstände: „Das ist schon ein extrem seltsamer Unfall“, sagte der spanische Verkehrsminister Óscar Puente und befeuerte damit indirekt Spekulationen. „Gerade Strecke, ein ziemlich neuer Zug, ein erst jüngst mit einer Investition von 700 Millionen Euro renovierter Streckenteil.“
Besonders auffällig: Nicht die Lokomotive oder die vorderen Waggons des Iryo-Zuges entgleisten, sondern der letzte Wagen mit der Nummer 8, der dann die Wagen 7 und 6 mit sich zog. Diese Tatsache deutet darauf hin, dass es sich wahrscheinlich nicht um einen Fahrfehler des Lokführers handelte, da in solchen Fällen typischerweise die Zugspitze zuerst entgleist.
Vor Zugunglück Probleme mit Weiche
Der Unfall ereignete sich an einem Weichenbereich am Eingang zur technischen Station von Adamuz. Experten bezeichnen diese Stelle als „Diskontinuität“ im Schienenverlauf, die aus drei möglichen Gründen zu einem Unfall führen könnte: eine gebrochene Schiene, Probleme beim Durchfahren der Weiche oder ein Defekt am Rad des letzten Waggons.
Besonders brisant ist, dass die Bahnarchive zuletzt mehrere Störungen in genau diesem Streckenabschnitt dokumentiert haben. Am 23. Dezember meldete die Infrastrukturbehörde Adif eine Störung an einer der Weichen zwischen Adamuz und Córdoba. Im Oktober wurden mindestens zwei weitere Infrastrukturprobleme im Bereich der betroffenen Station registriert, und in den Monaten September, Juni und Mai 2025 traten Probleme mit der Signalanlage auf.
Missmanagement bei der spanischen Bahn?
Probleme mit der Eisenbahninfrastruktur und ständige Verspätungen stehen schon seit Jahren im Fokus der Kritik, die sich gegen Premier Pedro Sánchez (PSOE) und seinen Parteifreund Oscar Puente richtet. Es erinnert ein wenig an die Deutsche Bahn: Immer wieder fehlen Züge, es versagt die Signal oder Stromtechnik oder Baustellen werden nicht pünktlich fertig.
Korruptionsfälle bei der Auftragsvergabe, Ärger mit der Teilprivatisierung von Dienstleistungen oder Weichenstörungen sind grundsätzlich nichts Neues, während seit April 2025 immer noch nach den Verantwortlichen für einen landesweiten Stromausfall gesucht wird. Die konservative Opposition verortet die Probleme in den Reihen der linken Regierung oder von staatsnahen Unternehmen wie dem Stromnetzbetreiber Redeia oder dem Bahninfrastrukturunternehmen Adif, bei dem es Vetternwirtschaft geben soll.
Auch wurden Pedro Sánchez & Co. in der Vergangenheit schon „Fake News“ und Verschwörungstheorien vorgeworfen, während gleichzeitig kritische Medien mit „Faktenchecks“ und verschärftem Anspruch auf Gegendarstellungen an die Kandare genommen werden sollen.
Die Untersuchung dieses Unfalls obliegt nun der spanischen Kommission für die Untersuchung von Eisenbahnunfällen (CIAF), deren Abschlussbericht jedoch erst in mehreren Monaten, möglicherweise sogar erst 2027 erwartet wird. Bis dahin könnte sich die korruptionsgeplagte Minderheitsregierung Sánchez nach Ansicht von Beobachtern womöglich bereits aus dem Amt verabschiedet haben.
Schwere Zugunglücke und Terror in Spanien
Spanien hat in der Vergangenheit bereits mehrere schwere Zugunglücke erlebt. 2013 raste ein Hochgeschwindigkeitszug vom Typ Alvia mit überhöhter Geschwindigkeit in eine Kurve, wobei 80 Menschen ihr Leben verloren. 2006 entgleiste eine U-Bahn in Valencia, auch hier war überhöhte Geschwindigkeit die Ursache, 43 Menschen starben. 2003 kam es zu einem Frontalzusammenstoß zwischen einem Personen- und einem Güterzug mit 19 Toten.
Erinnerungen an den 11. März 2004
Auch Terroranschläge haben Bahnen in Spanien schon getroffen. Am 11. März 2004 starben bei einer Serie von Bombenexplosionen in Madrider Zügen 193 Menschen. Islamisten wurden als Täter gefasst. Offensichtliche Lügen der damaligen konservativen Regierung von José María Aznar (PP), der die Tat baskischen Separatisten in die Schuhe schieben wollte, beeinflussten wenige Tage später den Wahlausgang zu Gunsten der sozialdemokratischen PSOE. Inzwischen scheinen die Signale eher umgekehrt zu stehen.
Die baskische Terrororganisation ETA verübte früher zwar ebenfalls zahlreiche Anschläge und Sabotageakte auf Gleisanlagen, ist aber seit Jahren nicht mehr aktiv.
Im aktuellen Fall deutet indes wenig auf Terror oder Sabotage hin. Es liegt kein Bekennerschreiben vor, und ein technisches Versagen erscheint weitaus wahrscheinlicher. Die zentrale Frage bleibt: Wie konnte ein nahezu nagelneuer Zug auf frisch renovierter Strecke entgleisen?