Das Marienhospital in Stuttgart ist insolvent. Was bedeutet das für die medizinische Versorgung in der Metropolregion? Die Klinikchefs der großen Häuser der Landeshauptstadt melden sich zu Wort.
Trotz der Insolvenz soll es im Marienhospital erst einmal so weitergehen wie bisher. Doch die Zukunft des Hauses ist ungewiss.
Von Regine Warth
Stuttgart - Gerade eine Woche ist es her, als in Stuttgart die Krankenhäuser zu einem offenen Protest aufgerufen haben – so wie viele Kliniken im Südwesten: Mit Absperrbändern hatten Häuser wie das Klinikum Stuttgart, das Karl-Olga-Hospital sowie das Diakonie-Klinikum Stuttgart die Haupteingänge symbolisch verschlossen, um gegen die Einschnitte zu protestieren, die ihnen seitens der geplanten Sparpläne der Bundesregierung drohen. „Kein Geld. Keine Versorgung. Wir sind für Sie da. Solange wir noch können“ – so lautete das Motto der Protestaktion, zu der die Krankenhausgesellschaft Baden-Württemberg aufgerufen hatte.
Nun ist klar: Das Marienhospital in Stuttgart, einer der medizinischen Zentralversorger der Landeshauptstadt mit rund 760 Betten, 2000 Mitarbeitenden und etwa 30.000 Behandlungsfällen pro Jahr, kann nicht mehr: Am Mittwoch wurde bekannt, dass die Vinzenz von Paul Kliniken gGmbH, zu der das Marienhospital Stuttgart gehört, Insolvenz angemeldet hat. Der Betrieb laufe zwar weiter, heißt es seitens der Geschäftsführung. Dennoch ist die Zukunft des Hauses ungewiss.
Klinikchef befürchtet weitere Insolvenzen im Land
Die Chefs der drei großen Kliniken in Stuttgart – dem Klinikum Stuttgart, dem Robert-Bosch Krankenhaus-Stuttgart und dem Diakonie-Klinikum – bedauern zwar diese Entwicklung. Überrascht sind sie allerdings nicht: „Dass, was wir jetzt im Marienhospital sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt der RBK-Geschäftsführer Mark Dominik Alscher. „Die Politik hat es versäumt, auf Bundesebene einen echten Strukturwandel zu planen.“ Angesichts der weiteren geplanten Sparmaßnahmen der Bundesregierung würden am Ende nur noch die Häuser überleben, die sich die Einschnitte leisten können. Alscher befürchtet daher einen sogenannten kalten Strukturwandel: „Wir werden noch viele weitere Insolvenzen in den kommenden Jahren sehen, die ungerichtet sind“, sagt er gegenüber unserer Zeitung.
Dass der Betrieb im Marienhospital erst einmal weitergehen soll, sei eine richtige Entscheidung, so der RBK-Klinikchef – vor allem mit Blick auf die akute Notfallversorgung: „Die Notaufnahmen in Stuttgart sind schon jetzt täglich an vielen Stunden am Limit.“ Wenn nun die Notaufnahme des Marienhospitals über Nacht geschlossen werden müsse, würde das zu einer Erschöpfung der Strukturen führen. „Das wäre schwierig zu kompensieren.“
Aber eine Insolvenz wird auch bedeuten, dass es zu einer gewissen Umverteilung der Fachbereiche kommen würde. „Hier gilt es meiner Meinung nach, sich auf die Spezialgebiete des Marienhospitals zu besinnen“, so Mark Dominik Alscher. Gerade die plastische Chirurgie, die HNO-Abteilung und die Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie mit ihrem Schwerpunkt als Versorger für Schwerbrandverletzte sollten erhalten bleiben.
Es wäre, so Alscher, die Aufgabe der Stadt sich gemeinsam mit den Kliniken zu überlegen, welche Fachabteilung in welchem Haus sinnvoll sei, um für die Zukunft besser gerüstet zu sein – und dennoch den Bürgerinnen und Bürgern Stuttgarts das maximale Angebot anbieten zu können.
„Die bewährten Kooperationen, die es zwischen dem Marienhospital und dem Klinikum Stuttgart gibt, werden wir weiter unterstützen, solange das erforderlich ist.“ Jan Steffen Jürgensen, Vorstand des Klinikums Stuttgart
Die Insolvenz des Marienhospitals betrifft auch das Klinikum Stuttgart: Denn seit eineinhalb Jahren gehen das städtische Klinikum und das Marienhospital bei der Zelltherapie gemeinsame Wege. Patienten des Marienhospitals, die eine Stammzelltransplantation hauptsächlich gegen Blutkrebs benötigen, werden am gemeinsamen Zentrum für Zelltherapie, das räumlich dem Klinikum angegliedert ist, stationär versorgt – dabei werden sie von ihren Ärzten aus dem Marienhospital begleitet. Die Zusammenarbeit der beiden Häuser hatte zuletzt für Unmut am Diakonie-Klinikum Stuttgart und am Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart geführt: So weist gerade die Landeshauptstadt eine hohe Dichte an Stammzelltherapie-Zentren auf. Denn auch das RBK und das Diak führen seit Jahren diese spezielle Form der Stammzelltransplantationen durch. RBK-Chef Alscher bezeichnete daher schon damals die Kooperation als „medizinisch und strukturell überflüssig“.
Dennoch will das Klinikum an der Verbindung festhalten: „Wir sind in engem Austausch mit dem Marienhospital“, sagt der Vorstand des Klinikums Stuttgart, Jan Steffen Jürgensen. „Die bewährten Kooperationen, die es zwischen dem Marienhospital und dem Klinikum Stuttgart gibt, werden wir weiter unterstützen, solange das erforderlich ist.“
Oberbürgermeister Nopper hofft auf eine „zukunftsfähige Klinik“
Auch die Stadt Stuttgart möchte am Bestehen des Marienhospitals festhalten: „Die Insolvenz des Marienhospitals ist ein sehr schmerzhafter und harter Schlag für die gesamte Mitarbeiterschaft, für die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul und für unsere Stadt als Ganzes“, sagt Oberbürgermeister Frank Nopper. „Die Landeshauptstadt wird im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten dem Marienhospital unterstützend zur Seite stehen.“
Auch OB Nopper befürchtet, dass sich die schwierige Lage, in der sich die Krankenhäuser derzeit befinden, auch in Stuttgart erst einmal nicht ändern wird: „Die Insolvenz des Marienhospitals ist ein mahnendes Vorzeichen, vor welch riesigen Herausforderungen und Schwierigkeiten unsere Krankenhäuser derzeit und noch stärker zukünftig stehen.“
Dem pflichtet Krankenhausbürgermeister Thomas Fuhrmann bei: Das große, gute und traditionsreiche Stuttgarter Krankenhaus stehe unter massivem Druck der unzureichenden Krankenhausfinanzierung und des in Beratung befindlichen GKV-Beitragsstabilisierungsgesetzes. „Ich bin froh, dass die Patientenversorgung im Marienhospital gewährleistet ist und zuversichtlich, dass die Insolvenz in Eigenverwaltung eine gute Basis für den Sanierungsprozess ist“, sagt Fuhrmann.