Deutschlands Müll-Ader

Rhein transportiert rund 53.000 Müllteile – täglich

Im Rhein schwimmt rund 250-mal mehr Müll als bisher geschätzt, wie Messungen einer schwimmenden Müllfalle enthüllen. Demnach treiben pro Jahr bis zu 3300 Tonnen Abfälle den Fluss hinunter – Mikroplastik nicht mit eingerechnet.

Rhein transportiert rund 53.000 Müllteile – täglich

Alter Einkaufswagen im Rhein: Laut einer neuen Studie findet sich im größten deutschen Fluss deutlich mehr Müll als erwartet.

Von Markus Brauer

Im Rhein schwimmt um ein Vielfaches mehr Müll als bislang angenommen. Forscher der Universitäten Bonn und Tübingen sowie der Bundesanstalt für Gewässerkunde haben gemeinsam mit dem Kölner K.R.A.K.E. e. V. über einen Zeitraum von 16 Monaten sogenannten Makromüll in einer deutschlandweit einmaligen schwimmenden Müllfalle gesammelt und klassifiziert.

Hochrechnungen ergaben, dass rund 53.000 Teile Makromüll den Rhein in Köln täglich passieren. Einwegprodukte aus Kunststoff machen einen Großteil des Rheinmülls aus. Die Ergebnisse sind im Wissenschaftsjournal „Communications Sustainability“ veröffentlicht.

Mit kontinuierlicher Langzeitmethode gemessen

Wie viele Tonnen menschengemachter Müll sich in unseren Meeren befinden, ist nicht klar bezifferbar. Schätzungen gehen von mehreren Hundert Millionen Tonnen aus. Und jährlich kommt mehr Müll hinzu. Ein Großteil davon wird über die Flüsse in die Ozeane transportiert.

„Um die wirkliche Menge einigermaßen abschätzen zu können, werden meist visuelle Zählungen von Makromüll durchgeführt. Im Rhein geschah das bisher aber auch nur vereinzelt“, sagt Leandra Hamann vom Bonner Institut für Organismische Biologie der Universität Bonn.

„Bislang sind das überwiegend Beobachtungen vorbeischwimmender Müllteile. Man kann sich leicht vorstellen, dass bei dieser Methode weniger auffällige oder tiefer schwimmende Teile nicht erfasst werden. Jetzt nutzen wir eine genauere, kontinuierliche Langzeitmethode.“

Rund 20.000 Müllteile in 16 Monaten gesammelt

Gemeinsam mit Katharina Höreth vom Institut für Geographie der Universität Bonn, Nina Gnann vom Fachbereich für Geowissenschaften der Universität Tübingen und dem Kölner K.R.A.K.E. e.V. hat Hamann ein einmaliges Projekt gestartet: Die Wissenschaftlerinnen und Freiwillige des Vereins haben über einen Zeitraum von 16 Monaten im Rhein treibenden Müll systematisch gesammelt und klassifiziert.

Möglich wurde das durch die 2022 auf Höhe der Kölner Zoobrücke installierte „RheinKrake“ – eine schwimmende Müllfalle, die auf einer Breite von drei Metern und einer Tiefe von 80 Zentimetern sogenannten Makromüll auffängt, dessen Einzelteile größer sind als ein Zentimeter.

Viel Müll landet im Wattenmeer

„Mit der RheinKrake wollen wir die Müllmenge reduzieren, die etwa im Naturschutzgebiet Wattenmeer landet, und das Verantwortungsbewusstsein bei den zuständigen Behörden sowie dem Flächenbesitzer der Bundeswasserstraße wecken“, erklärt RheinKrake-Initiator Nico Schweigert.

„Daher haben wir von Beginn an den Kontakt zur Uni Bonn gesucht, damit wissenschaftliche Daten zur Beschaffenheit der Müllflut gesammelt werden können.“ Besonders wichtig war dabei die lange Messdauer und dass Tag und Nacht gemessen wird.

53.000 Müllteile pro Tag passieren Köln

Zwischen September 2022 und Januar 2024 wurden 20.339 Makromüllteile neun verschiedener Materialarten gesammelt und in 183 Müllarten klassifiziert. Auf das Gesamtvolumen hochgerechnet sind das im linearen Szenario etwa 53.000 Müllteile pro Tag, die Köln passieren.

Jährlich entspricht das einem Gesamtgewicht von 2169 Tonnen. Gewichtete Szenarien erreichen bei der Hochrechnung Werte von bis zu 3391,8 Tonnen Müll pro Jahr im Rhein in Köln. „Auf den gesamten Rhein hochgerechnet, liegen wir damit um das 22- bis 286-fache höher als bisherige Schätzungen aus anderen Studien“, erläutert Hamann.

Plastikteile des alltäglichen Lebens

„70 Prozent der Makromüllteile sind Kunststoffe, die allerdings nur 15 Prozent des Gewichts ausmachen. Was zeigt, dass auch andere menschengemachte Materialien wie Textilien, Glas oder Keramik die Gewässer belasten.“ Hauptquelle des Makromülls sind den Auswertungen zufolge mit über 50 Prozent Dinge, die von privaten Verbrauchern genutzt werden.

Dazu zählen etwa Holzstäbe von Feuerwerkskörpern, Glasflaschen und Plastikdeckel von Getränkeflaschen. Häufig findet das Team außerdem fragmentierte Teile, zum Beispiel aus geschäumtem und ungeschäumtem Kunststoff, bei denen sich nicht mehr mit bloßem Auge erkennen lässt, was sie vorher waren.

Studie zeigt Handlungsempfehlungen auf

Aus den gewonnenen Daten leiten die Forscher Handlungsempfehlungen ab. „Wir haben gesehen, dass Einwegprodukte einen Anteil von 40 Prozent am gesammelten Müll ausmachen, mehr als die Hälfte davon sind aus Kunststoff“, betont Höreth. „Mehrwegprodukte hingegen hatten einen Anteil von weniger als acht Prozent, der Rest konnte nicht eindeutig zugeordnet werden.“

Eine Ausweitung des Pfandsystems auf Flaschen und Verpackungen könnte zu einer nachhaltigen Verringerung der Müllmenge in Flüssen führen.

Das RheinKrake-Projekt hat auch gezeigt, dass die Müllmenge im Jahresverlauf stark variiert – von knapp 70 bis über 2700 Teilen pro Leerung. „Nach Silvester zum Beispiel schwimmen die Reste zahlreicher Feuerwerkskörper im Rhein“, berichtet Gnann. „Zudem beobachten wir, dass steigende Wasserpegel den zurückgelassenen Müll am Rheinufer in den Fluss spülen.“

Gezielte Reinigungsaktionen und Leerung von Mülleimern vor dem Pegelanstieg könnten dieses Problem deutlich eindämmen, raten die Forscher.