Meeresforscher machen vor der griechischen Küste in 5109 Meter Tiefe eine alarmierende Entdeckung.
Müll, wie hier an einem griechischen Strand, findet sich auch zuhauf auf dem tiefsten Meeresgrund.
Von Gerd Höhler
Forscher haben mit einem Spezial-U-Boot die tiefste Stelle des Mittelmeeres besucht. Was Sie dort fanden, war eine böse Überraschung. Nirgendwo ist das Mittelmeer tiefer als im Hellenischen Graben vor der Westküste der griechischen Halbinsel Peloponnes. 60 Kilometer vor der kleinen Hafenstadt Pylos bildet der Meeresboden eine schroff abfallende Schlucht. 5109 Meter liegt der tiefste Punkt unter dem Meeresspiegel, Fachleuten bekannt als Calypsotief.
Blau schimmernde Pepsi-Cola-Dose
In diese Region, die in ewiger Dunkelheit liegt, stießen Forscher mit dem U-Boot „DSV Limiting Factor“ vor. Das Tauchboot hat eine Hülle aus Titan, die dem Druck von über 500 Bar standhalten kann, dem 500-fache Luftdruck auf der Erdoberfläche. Es bietet zwei Personen Platz und hat drei Bullaugen aus 20 Zentimeter starkem Acrylglas.
Was die Besatzung im Calypsotief im Licht der zehn kleinen Bordscheinwerfer sah, überraschte sie. Es waren nicht etwa exotische Meerestiere, sondern Spuren menschlicher Zivilisation: Plastiktüten, Flaschen, Becher, Trinkhalme, Papierabfälle und Aluminiumbehälter, darunter eine blau schimmernde Pepsi-Cola-Dose. In der Fachzeitschrift „Marine Pollution Bulletin“ veröffentlichten die Forscher kürzlich die Ergebnisse dieser ersten jemals durchgeführten Studie des Müllaufkommens am tiefsten Punkt des Mittelmeeres. Das Fazit: „Die Abfallmenge im Calypsotief ist mit 26 715 Gegenständen pro Quadratkilometern eine der höchsten, die jemals in einer Tiefseeumgebung gemessen wurde.“
Die Forscherinnen und Forscher kamen zu dem Schluss, dass „die Tiefsee oft eine letzte Senke für Verschmutzungen ist“. Dominierend sind dort vor allem Plastikgegenstände, „da diese leicht sind und gut von Meeresströmungen transportiert werden können“. Der größte Teil des Mülls gelangt als auf der Meeresoberfläche treibender Abfall ins Calypsotief. Plastik macht 90 Prozent des auf dem Meeresboden gefundenen Mülls aus. „Leichte Abfälle wie Kunststoffe stammen von der Küste, wo sie ins Meer gelangt sind“, erklärt der spanische Ozeanologe Professor Miquel Canals, einer der Autoren.
Plastikmüll wird von den Küsten durch Wind und Strömungen ins offene Meer getragen. Sobald sich Algen und andere Organismen am Plastik festsetzen, wird es schwerer und sinkt. „Kunststoffe treiben knapp über dem Meeresboden, bis sie teilweise oder vollständig verschüttet werden oder in Fragmente zerfallen“, so Miquel Canals. Als Mikroplastik können diese Fragmente dann über Meerestiere wieder auf den Teller und in den Organismus des Menschen gelangen.
Besatzungen entsorgen ganze Säcke
Nicht nur am Strand weggeworfene Verpackungen landen im Calypsotief. Die Forscher fanden auch Hinweise darauf, dass Schiffsbesatzungen ganze Säcke voller Müll ins Meer werfen. Diese Art der Entsorgung birgt ein besonderes Risiko, denn damit gelangen auch Chemikalien ins Meer.
Die Forscher erwarten, dass der Müll im Calypsotief weiter anwachsen wird. Denn es ist ein geschlossenes Becken mit steilen Wänden. Diese Trichterform verhindert, dass Müll, der hineingeraten ist, durch Strömungen wieder hinausgetragen wird. Die Müllansammlung im Calypsotief ist symptomatisch für die Entwicklung des Mittelmeers – ein geschlossenes Meer, umgeben von besiedelten Küsten mit intensiven Freizeitaktivitäten und Tourismus, Schiffsverkehr und Fischerei. „Was das Mittelmeer betrifft, kann man leider sagen, dass kein einziger Zentimeter davon sauber ist“, sagt Miquel Canals.