Humanes Papillomavirus

Schon Gletschermann Ötzi trug das HPV-Virus in sich

Der berühmte Gletschermann Ötzi war mit einem krebserregenden Virus infiziert – dem humanen Papillomavirus HPV16. Forscher haben das Erbgut dieses pathogenen Virenstamms jetzt in den Geweben der Eismumie nachgewiesen.

Schon Gletschermann Ötzi trug das HPV-Virus in sich

Schon der Gletschermann Ötzi war mit dem krebserregenden HPV16-Virus infiziert – und das vor 5.300 Jahren.

Von Markus Brauer

Humane Papillomaviren (HPV) sind heute nahezu weltweit verbreitet. 50 bis 80 Prozent aller Menschen stecken sich im Laufe ihres Lebens mit diesem sexuell übertragbaren Erreger an, meist ohne es zu merken. In 90 Prozent der Fälle bleibt die Infektion symptomlos.

Allerdings gibt es Stämme dieses Virus, darunter HPV16, die besonders aggressiv sind und Krebs auslösen können. Bei Frauen kann dies zu Gebärmutterhalskrebs führen, aber auch Rachenkrebs, Analkarzinome und manche Fälle von Prostatakrebs können durch HPV16 verursacht werden.

Wenig über Ursprung von Papillomaviren bekannt

„Trotz ihrer weiten Verbreitung und klinischen Bedeutung, ist über den Ursprung dieser Papillomaviren bisher aber nur wenig bekannt“, erklären Juliana Yazigi von der Föderalen Universität Sao Paulo und ihre Kollegen im Fachjournal „bioRxiv Preprint“.

Gängiger Theorie nach infizierten sich unsere Vorfahren bei der Paarung mit Neandertalern mit HPV16 und brachten diesen krebserregenden Virenstamm dadurch in die Populationen unserer Spezies. Allerdings beruht diese Annahme nur auf molekularen Datierungen des Virengenoms, direkte Belege aus menschlichen Fossilien fehlten.

Schon Ötzi war mit HPV16 infiziert

Das hat sich jetzt geändert: Auf der Suche nach dem Ursprung von HPV16 haben Yazigi und ihr Team das Genom von zwei berühmten Menschenfossilien untersucht:

Das erste ist die rund 5300 Jahre alte Eismumie Ötzi aus den Tiroler Alpen.

Das zweite Relikt ist der vor rund 45.000 Jahren gestorbene Mann von Ust‘-Ishim in westlichen Sibirien, einer der ältesten Vertreter unserer Spezies in Europa. Anhand eines fast vollständig erhaltenen Oberschenkelknochen dieses Homo sapiens wurde dessen Genom sequenziert und weitgehend rekonstruiert.

Im Erbgut beider Männer suchten die Forscher nach DNA-Sequenzen von Papillomaviren. Die DNA-Analysen enthüllen, dass in den Geweben beider Urzeit-Männer genetische Spuren von HPV präsent waren.

„Die rekonstruierten Sequenzen gehörten zu HPV16, der weltweit am stärksten verbreiteten Virusvariante und der mit dem höchsten krebserregenden Potenzial“, berichten die Forscher. Sowohl Ötzi als auch der Mann von Ust‘-Ishim trugen demnach zu Lebzeiten diese krebserregenden Erreger in sich.

Was sind Humane Papillomviren?

HPV werden sexuell übertragen und können unter anderem Gebärmutterhalskrebs sowie Krebs im Mund-Rachen-Raum, an weiblichen und männlichen Geschlechtsorganen und im After verursachen. Etwa acht von zehn sexuell aktiven Menschen infizieren sich mindestens einmal im Leben mit HPV.

In den meisten Fällen bildet sich die Infektion unbemerkt von selbst wieder zurück. Bei einem von zehn Fällen bleibt sie jedoch bestehen, Monate oder Jahre später kann sich – teils über Vorstufen – daraus Krebs entwickeln.

Wie viele HPV-Virenarten gibt es?

Es gibt mehr als 200 verschiedene HPV-Typen. Sie besiedeln vor allem Haut und Schleimhäute. Viele Virustypen führen lediglich zu gutartigen Hautwarzen im Anal- und Genitalbereich. Sogenannte Hochrisikotypen können allerdings zu Krebsvorstufen führen. Dazu gehören die besonders gefährlichen wie HPV16 und HPV18, welche die meisten Fälle von Gebärmutterhalskrebs verursachen.

Infektion schon vor 45.000 Jahren

Der Nachweis von HPV16 schon bei einem vor 45.000 Jahren lebenden Menschen ist der bisher früheste Nachweis dieser Papillomaviren beim Homo sapiens. „HPV16 war demnach schon bei den ersten Vertretern des Homo sapiens der europäischen Altsteinzeit präsent“, schreiben die Wissenschaftler. „Unserer Studie bestätigt damit die weit zurückreichende Assoziation von HPV16 mit menschlichen Populationen.“

Der Nachweis des Virenstamms HPV16-A1 bei Ötzi liefert demnach den ersten direkten Beleg dafür, dass die A1-Sublinie bereits während der Kupferzeit in Mitteleuropa etabliert war. Diese Virusvariante ist noch heute die bei uns in Europa häufigste HPV16-Form. Der vor 45.000 Jahren infizierte Mann von Ust‘-Ishim trug hingegen die bis heute in Asien häufigere A4-Sublinie von HPV16 in sich.

Von Neandertalern infiziert?

Den Forschern zufolge legen die Analysen nahe, dass das krebserregende Papillomavirus HPV16 schon früher bei unseren Vorfahren grassierte als gedacht. Das könnte bedeuten, dass dieses Virus schon mit unseren Vorfahren aus Afrika nach Europa kam.

Möglicherweise waren sie schon infiziert, bevor sie den Neandertalern begegneten. „Unsere Funde stützen ein Szenario, in denen die Assoziation des Menschen mit HPV16 vor den ersten Kontakt mit Neandertalern zurückreicht.“.

Ob sie damit Recht haben, müssen allerdings erst weitere Analysen zeigen. Denn auch der Mann von Ust‘-Ishim trug schon Spuren von Neandertaler-DNA in seinem Erbgut. Seine Vorfahren hatten sich demnach mit Neandertalern gekreuzt und könnten sich dabei mit dem Papillomavirus angesteckt haben.

Berühmteste Eismumie der Welt

Ötzi ist die älteste bekannte natürliche Mumie eines Menschen. Sie wurde vor fast 32 Jahren am 19. September 1991 beim 3208 Meter hohen Tisenjoch in den Ötztaler Alpen oberhalb des Niederjochferners gefunden. Das abschmelzende Eis hatte die Überreste freigelegt. Die Fundstelle ist eine Felsmulde, die einst von Gletschereis bedeckt war.

Die Ahnenlinie des Mannes vom Hauslabjoch, der um 3250 v. Chr. im Ötztal in den Tiroler Alpen lebte und dessen Todeszeitpunkt auf das Jahr 3258 +/- v. Chr. datiert wird, reicht demnach direkt zurück zu jenen ersten Bauern, die vor etwa 8000 bis 9000 Jahren aus dem Nahen Osten nach Europa kamen.