Schon vor 40.000 Jahren kerbten Steinzeitmenschen geheimnisvolle Muster aus Kreuzen, Linien oder Punkten in Figuren und Werkzeuge. Jetzt legen Analysen nahe, dass dies mehr war als bloße Dekoration.
Was bedeuten diese Kreuzreihen auf der 40.000 Jahre alten Mammutfigur aus der schwäbischen Vogelherdhöhle?
Von Markus Brauer
Die Erfindung der Schrift ist einer der Meilensteine der Menschheitsgeschichte. Die standardisierten Symbole ermöglichten eine effiziente Kommunikation über weite Entfernungen hinweg, halfen bei der Auszeichnung von Waren oder dem Niederschreiben von wichtigen Begebenheiten und Erkenntnissen.
Wiege des Alphabets liegt in Mesopotamien
Frühe Formen der Schrift gab es vor rund 5000 Jahren in der Indus-Kultur und in Ägypten. Vor rund 4000 Jahren entwickelten die Minoer gleich zwei bisher nicht entzifferte Schriftsysteme, die als die ältesten Europas gelten.
Die Wiege des Alphabets aber liegt im Nahen Osten. Anders als die ägyptischen Hieroglyphen oder die Silbensymbole der mesopotamischen Keilschrift entwickelten die Menschen in der Levante – die historische geografische Bezeichnung für die Länder am östlichen Mittelmeer, also östlich von Italien gelegen – eine Schrift mit abstrakten Buchstaben, ähnlich wie wir sie noch heute nutzen.
Neue Ära der Schriftentwicklung
Auf die ersten Buchstaben „Aleph“ und „Bet“ dieser Schrift geht noch heute der Name „Alphabet“ zurück. Die Erfindung dieser damals neuartigen Kodierung für Sprache leitete eine neue Ära der Schriftentwicklung ein.
Vom Ursprung dieses ersten Alphabets zeugen 3450 Jahre alte Keramikscherben mit früh-alphabetischen Schriftzeichen und ein rund 3700 Jahre alter Elfenbeinkamm mit einem ganzen Satz, die beide in Tel Lachisch im Süden Israels gefunden wurden. Der Kamm galt bisher als das älteste Zeugnis alphabetischer Schrift.
Die Schriftzeichen von Umm-el-Marra
Doch im Jahr 2024 hatten Archäologen in Syrien noch ältere Zeugnisse alphabetischer Schrift gefunden. Es handelt sich um vier Tonzylinder mit eingeritzten Schriftzeichen aus der Bronzezeitstadt Tell Umm-el-Marra im heutigen Syrien.
Diese an einer wichtigen Handelsroute zwischen dem Mittelmeer und der nahen Stadt Aleppo und Mesopotamien gelegene Stadt war ab der frühen Bronzezeit ein wichtiges kulturelles und wirtschaftliches Zentrum dieser Region.
Bei Ausgrabungen im Zentrum von Umm-el Marra entdeckten die Spatenforscher mehrere Gräber aus der Zeit um 2400 v. Chr. mit reichen Grabbeigaben – darunter kunstvoll gefertigte Ornamente aus Gold, Silber und Lapislazuli, Keramikgefäße und eine Speerspitze.
In einem der Gräber, Grab 4, stießen sie auf vier jeweils rund vier Zentimeter lange Plättchen aus gebranntem Ton. Auf ihnen sind Schriftzeichen eingeritzt, welche die Archäologen als mögliche Frühformen der alphabetischen Schrift interpretieren.
Geheimnisvolle Muster aus Steinzeithöhlen
Doch waren diese Zeichen wirklich die ältesten kodierten Botschaften – also Vorläufer der Schrift? Schon vor zehntausenden Jahren schufen Eiszeitmenschen eindrucksvolle Höhlenmalereien und hinterließen geheimnisvolle Symbole und Muster. Dazu gehören Punktgruppen in der berühmten Höhle von Lascaux in Frankreich oder Doppelreihen roter Punkte in der Hohle Fels-Höhle der Schwäbischen Alb.
Noch älter sind Kreuze, Linien und Punkte auf 34.000 bis 45.000 Jahre alten Werkzeugen und Kunstobjekten aus den schwäbischen Höhlen. In grauer Vorzeit ritzten unsere frühen Vorfahren Zeichen in die Gerätschaften und Skulpturen. Diese Zeichenabfolgen weisen die gleiche Komplexität und Informationsdichte auf wie die früheste Proto-Keilschrift um 3000 vor Christus – zehntausende Jahre später.
Dies haben der Sprachforscher Christian Bentz von der Universität des Saarlandes und die Archäologin Ewa Dutkiewicz vom Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin herausgefunden. Das Forscherteam kam so quasi der DNA der Schrift auf die Spur. Die Eindeutigkeit der Ergebnisse, die sie in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) veröffentlichen, überraschte selbst die Forscher.
Mysterious signs engraved on objects reveal that a form of proto-writing may have been used in Europe 40,000 years ago, tens of thousands of years before the emergence of a full writing system https://t.co/jr9409dRzL — New Scientist (@newscientist) February 23, 2026
Funde aus Vogelherdhöhle und Geissenklösterle
Linien, Kerben, Punkte oder Kreuze, die sich oft wiederholen – Funde aus der Altsteinzeit, 34.000 Jahre, teils sogar 45.000 Jahre alt, tragen geheimnisvolle Zeichenfolgen. In Höhlen auf der Schwäbischen Alb wurden viele solcher Artefakte entdeckt:
Ein kleines Mammut, gefunden in der Vogelherdhöhle im Lonetal. Ein Steinzeitmensch schnitzte es aus einem Mammutstoßzahn und ritzte sorgsam Kreuz- und Punktreihen ein.
Zeichen finden sich auch auf Fundstücken aus dem Geißenklösterle, einer Höhle im Achtal: Gleichmäßige Punktreihen und Kerben zieren hier etwa den sogenannten „Adoranten“, ein Elfenbeinplättchen, auf dem ein Mischwesen aus Löwe und Mensch dargestellt ist.
Und schaut man genau hin, trägt auch der Löwenmensch aus dem Hohlenstein-Stadel im Lonetal regelmäßige Kerben am Arm, ebenfalls ein Fabelwesen, teils Tier, teils Mensch.
Steinzeithöhlen auf der Schwäbischen Alb https://t.co/BxA7s2tgj9 — Markus Brauer (@drbrauer) February 24, 2026
Schwäbische Alb – eine der weltweit bedeutendsten Fundregionen
Neueste Erkenntnisse legen jetzt nahe, dass die Menschen der Steinzeit solche Zeichen gezielt auf bestimmten Artefakten anbrachten. Die Zeichen tragen Informationen, halten ihre Gedankenwelt fest.
„Wir kommen mit unserer Forschung dem statistischen Fingerabdruck der Zeichensysteme auf die Spur. Die steinzeitlichen Zeichensequenzen sind eine frühe Alternative zur Schrift“, erklärt Christian Bentz von der Universität des Saarlandes.
„Die Schwäbische Alb ist eine der weltweit bedeutendsten Fundregionen, aber es gibt viele weitere Fundorte. Zahlreiche Werkzeuge und Skulpturen aus dem Paläolithikum, der Altsteinzeit, tragen bewusst gesetzte Zeichensequenzen“, erläutert die Archäologin Ewa Dutkiewicz.
Zehntausende Jahre vor den Anfängen der Schrift
Die beiden Forscher reisen gemeinsam quer durch Europa zu Museen und Fundstätten, immer auf der Suche nach neuen Steinzeit-Zeichen. „Wir kratzen bislang nur an der Oberfläche dessen, was es an Zeichensequenzen auf verschiedensten Artefakten zu finden gibt“, ist Ewa Dutkiewicz sicher, die wissenschaftliche Mitarbeiterin und Kuratorin im Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin ist.
„Die Artefakte stammen aus einer Zeit, kurz nachdem der Homo sapiens begann, von Afrika aus Europa zu besiedeln, wo er auf den Neandertaler traf – zehntausende Jahre vor den Anfängen der Schrift“, erzählt die Archäologin. Mit ihrem Forscherteam sind die beiden den Informations-Codes der Steinzeit auf der Spur: Sie erforschen die Zeichenfolgen in einem Projekt, das der Europäische Forschungsrat fördert.
Statistische DNA der Zeichensequenzen
Mehr als 3000 geometrische Zeichen auf rund 260 Objekten hat das Team mit Computermethoden analysiert. Dabei ging es nicht darum, die konkrete Bedeutung der Zeichen zu entschlüsseln. Diese liegt weiter im Dunkeln.
„Theorien hierüber gibt es reichlich. Aber über die grundlegenden, messbaren Eigenschaften der Zeichen war bislang sehr wenig bekannt“, konstatiert Bentz. Er erforscht, was man handfest über die Zeichen aussagen kann: messbare Merkmale und Häufigkeitsmuster, um Ähnlichkeiten und Unterschiede zu späteren Zeichensystemen festzustellen. Der Sprachforscher ist auf der Suche nach der statistischen DNA der Zeichensequenzen.
Symbole mit hoher Informationsdichte
Mit diesen Auswertungen könnte man zunächst belegen, dass die Zeichensequenzen nichts mit unserer heutigen Schrift gemein haben, die gesprochene Sprachen abbildet und eine hohe Informationsdichte aufweist.
Auf den archäologischen Funden hingegen fänden sich Zeichen, die sich sehr oft wiederholten – Kreuz, Kreuz, Kreuz, Linie, Linie, Linie. „Gesprochene Sprachen weisen diese repetitiven Strukturen nicht auf“, erläutert Christian Bentz.
„Aber unsere Ergebnisse zeigen ebenso, dass die Jäger und Sammler der Altsteinzeit ein Zeichensystem mit statistisch vergleichbarer Informationsdichte wie die frühesten Proto-Keilschrifttafeln aus dem alten Mesopotamien – ganze 40 Jahrtausende später – entwickelt haben.
Proto-Keilschrift aus Anfängen der Kultur
Zeichensequenzen der Proto-Keilschrift seien ebenso repetitiv, die einzelnen Zeichen wiederholten sich also vergleichbar häufig. „Die Zeichensequenzen sind von ihrer Komplexität her vergleichbar“, stellt der Sprachwissenschaftler fest. „Die Informationsdichte ist dabei auf Figurinen höher als auf Werkzeugen“, ergänzt die Archäologin Ewa Dutkiewicz, die eine Zeitlang auch den Archäopark Vogelherd auf der Schwäbischen Alb kuratierte.
„Wir hätten vermutet, dass auch die frühe Proto-Keilschrift sehr viel näher an heutige Schriftsysteme heranreicht. Schon allein aufgrund der relativen zeitlichen Nähe. Je mehr wir uns allerdings damit beschäftigt haben, umso deutlicher wurde, wie strukturell ähnlich die frühe Proto-Keilschrift den viel älteren paläolithischen Zeichensequenzen ist“, resümiert Ewa Dutkiewicz.
Das bedeutet auch: Zwischen der Altsteinzeit bis hin zur ersten Proto-Keilschrift hat sich offenbar wenig geändert. „Danach, vor rund 5.000 Jahren, kam relativ plötzlich ein neues System auf, das gesprochene Sprache wiedergibt – da finden wir natürlich völlig veränderte statistische Eigenschaften“, erklärt Christian Bentz.
Computeranalysen für Zeichen aus der Altsteinzeit
Wie ist das Forscherteam konkret vorgegangen: Zuerst digitalisierte es für seine Forschung die Zeichenfolgen paläolithischer Funde in einer Datenbank und ermittelt die statistischen Eigenschaften der steinzeitlichen Zeichenbestände.
Mit computergestützten Methoden verglich Bentz dann das Potenzial, Informationen durch Zeichen auszudrücken, mit dem früher Keilschrift-Sequenzen und auch mit moderner Schrift. Hierzu nutzten die Forscher Methoden der quantitativen Linguistik: Sie zogen statistische Modelle und Klassifikations-Algorithmen des maschinellen Lernens heran.
„Wir konnten zeigen, dass infolge der hohen Wiederholungsraten der paläolithischen Zeichen und der leichten Vorhersagbarkeit des nachfolgenden Zeichens die sogenannte Entropie – ein Maß für die Informationsdichte – mit der viel späteren Proto-Keilschrift vergleichbar ist“, erläutert Bentz.
Von geritzten Linien zu KI-Codierungen
Die Fähigkeit des Menschen, Informationen über Zeichen und Symbole zu kodieren, habe sich über viele Jahrtausende entwickelt. Die Schrift sei nur eine spezifische Ausformung aus einer langen Reihe an Zeichensystemen,. „Diese Entwicklung geht auch weiter: Kodierungen liegen auch Computersystemen zugrunde.“
Große Sprachmodelle, die heute als Paradebeispiel für KI gesehen werden, basieren auf der Vorhersagbarkeit von Sprachsequenzen, also darauf, dass sie die Wahrscheinlichkeit des nächsten Wortteils bestimmen.
Auf den Spuren der Informations-Codes der Steinzeit
Was konkret die Steinzeitmenschen durch ihre Zeichen festhalten wollten, wird dadurch nicht enthüllt. „Aber die neuen Erkenntnisse könnten dabei helfen, mögliche Interpretationen einzugrenzen“, stellt Ewa Dutkiewicz fest.
Auch wenn dem damaligen Menschen Jahrtausende an Information und Wissenstransfer fehlte: Anatomisch war der Steinzeitmensch auf ähnlichem Entwicklungsstand wie der heutige Mensch.
Sie waren vermutlich ähnlich kognitiv leistungsfähig wie wir. Informationen und Wissen festzuhalten und weiterzugeben, war für die Menschen der Altsteinzeit enorm wichtig, um zu überleben oder etwa, um eine Gruppe zu koordinieren.
„Sie waren geschickte Handwerker. Man merkt, dass sie die Gegenstände mit sich getragen haben. Viele davon liegen sehr gut in der Hand, sind gerade so groß, dass sie in die Handfläche passen. Auch das ist bei den Proto-Keilschrifttafeln ähnlich“, betont Ewa Dutkiewicz.
Noch können auch die Forscher nur darüber spekulieren, wozu die Zeichenfolgen dienten. „Aber die Ergebnisse können helfen, potenzielle Interpretationen einzugrenzen“, sagt Dutkiewicz. „Es gibt noch viele Zeichenfolgen auf Artefakten zu finden. Wir haben erst an der Oberfläche gekratzt.“
Wo der Mensch die Kultur entdeckte
Schwäbische Alb Vor rund 40 000 Jahren hat der moderne Mensch vermutlich erstmals figürliche Kunstwerke und Musikinstrumente geschaffen. Zu den wichtigsten Fundstätten gehören sechs Eiszeit-Höhlen am Rande der Schwäbischen Alb, die seit Sommer 2017 Weltkulturerbe sind.
Geissenklösterle Im Geissenklösterle unweit von Blaubeuren (Alb-Donau-Kreis) wurde ein Bär, ein Wisent und das Halbrelief einer menschlichen Figur aus Mammutelfenbein gefunden sowie Flöten aus Elfenbein und Vogelknochen – die ältesten Musikinstrumente der Erde.
Sirgensteinhöhle In der Sirgensteinhöhle bei Blaubeuren fandenSpatenforscher Kratzwerkzeuge, Steinklingen, Knochengeräte wie Geschossspitzen sowie eine doppelt gelochte Perle.
Hohle Fels Der Hohle Fels bei Schelkingen (Alb-Donau-Kreis) ist Fundort der berühmten Venus vom Hohle Fels, der weltweit ältesten Frauenfigur. Weitere Funde sind ein Wasservogel und ein Pferdekopf aus Mammutelfenbein sowie Flöten aus Knochen des Gänsegeiers.
Bocksteinhöhle Die Bocksteinhöhle liegt bei Rammingen (Alb-Donau-Kreis) und barg Schmuckgegenstände wie durchlochte Tierzähne sowie das Bocksteinmesser, ein Steinwerkzeug.
Hohlenstein Im Hohlenstein bei Asselfingen (Alb-Donau-Kreis) wurde der weltberühmte Löwenmensch entdeckt. Die 31-Zentimeter-Statuette aus einem Mammutstoßzahn stellt ein Mischwesen aus Mensch und Höhlenlöwe dar.
Vogelherdhöhle Die Vogelherdhöhle liegt bei Niederstotzingen (Kreis Heidenheim). Dort fand man Tierfiguren, darunter ein Wildpferd und ein besonders fein gearbeitetes kleines Mammut.