War in der Bonner Republik nicht alles viel überschaubarer, sicherer und lebenswerter? Nach der Ostalgie greift nun auch Westalgie um sich. Ist das bloß Träumerei oder gefährliche Gestrigkeit?
Nebelschwaden ziehen vor der Burg Drachenfels über den Rhein bei Bonn.
Von Markus Brauer/Christoph Driessen (dpa)
Sind Sie ein Erinnerungsoptimist? Dann sind Sie sicher auch der Meinung, dass früher alles besser war. Generationen von Kindern mussten sich das Loblied der Erwachsenen auf die Vergangenheit anhören, wenn diese mal wieder ihr Unbehagen über die „Jugend von heute“ loswerden wollten.
„Früher war alles besser“
Der Satz „Früher war alles besser“ wird dadurch nicht richtiger, dass er inflationär gebraucht wurde und wird. Er sollte besser lauten: „Früher war nichts besser, aber vieles anders.“ Wollen Sie sich das Leben nicht vergällen, sehen Sie Früheres kritischer und freuen Sie sich über Gegenwärtiges. Leben Sie im Hier und jetzt. Das Schicksal wird es gut mit Ihnen meinen.
Und doch: Die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ (welche Zeit war jemals gut?) ist zu jeder Zeit offenbar unausrottbar. So streben junge Menschen in Deutschland heute nach einer nachhaltigen Zukunft. Viele von ihnen blicken dazu nostalgisch in eine Vergangenheit, die sie selbst nie kennengelernt haben..
Was ist das – Nostalgie?
„Nostalgie bedeutet, dass man sich nach etwas aus der Vergangenheit sehnt, das man vermisst“, erklärt der Historiker Tobias Becker von der Freien Universität (FU) in Berlin. Nostalgie habe aber auch immer etwas Schmerzhaftes. „Wir erinnern uns an etwas Schönes zurück, aber wir wissen, dass der Moment vorbei ist und wir ihn nicht wiederholen können.“
Nostalgie als psychologische Ressource
Kriege in der Ukraine, Verwüstung in Gaza, regelmäßig wiederkehrende Nachrichten über Naturkatastrophen, dann die Klimakrise: Gerade in Zeiten von Umbrüchen und Zeitenwenden schweltgen die Menschen in Nostalgie, konstatiert der Kölner Medienpsychologe Tim Wulf. „Nostalgie kann eine psychologische Ressource sein.“ Wenn man zum Beispiel eine Prüfung bestehen müsse, dann könne man sich an Momente zurückerinnern, in denen man etwas Ähnliches bewältigt habe.
Objektiv betrachtet war in früheren Zeiten natürlich nicht alles besser. Da reicht schon ein Blick in die Geschichtsbücher. „Letztlich weiß man immer auch, wenn man nostalgisch ist, dass es nie so war, wie das, wonach man sich da gerade sehnt. Dass das natürlich eine imaginierte Vergangenheit ist“, betont der Germanist Stephan Pabst von der Universität Halle.
Zurückträumen in die gute, alte Zeit
Trotzdem habe es etwas Anheimelndes und Stabiles, sich in vergangene Zeiten zurückträumen, ergänzt Becker. „In unserer eigenen Gegenwart wissen wir ja nie, wie es ausgeht. Wir haben immer das Gefühl, wir leben in einer Krisenzeit.“ Die Vergangenheit sei dagegen abgeschlossen, der Ausgang bekannt.
Krisen, Zwischen- und Wendezeiten bedeuten immer auch Ungewissheiten und Wagnisse. Geborstenes wird weggeräumt, Neues aufersteht aus Ruinen.
„Ich würde sagen, dass wir seit 20, 30 Jahren in einer Konjunktur der Nostalgie leben“, meint Pabst. Im Vergleich zu den späten 1990er und 2000er Jahren, in denen eine ästhetische Konsumartikel-Nostalgie im Vordergrund gestanden habe, sei die Nostalgie nun in die Politik gewandert. „Etwas Vergangenes, das es nie gab und von dem niemand weiß, was das eigentlich gewesen sein soll.“
Westkult und Westalgie
Auf Instagram-Accounts wie „Westkult“ wird sie wieder lebendig, die alte Bundesrepublik. Viele Videos zeigen einfach Straßenszenen, aufgenommen aus dem fahrenden Auto. Dominierender Eindruck: Die Autos sind bunt, die Häuser grau.
Dazu gibt es Ausschnitte aus dem damaligen Fernsehprogramm. Comedy mit Harald Juhnke und Eddi Arent. Oder „Tatort“-Kommissar Horst Schimanski (Götz George) als Welterklärer: „Für mich ist die ganze Welt ein großer Arsch. Die rechte Arschbacke sind die Amerikaner, die linke Arschbacke, das sind die Russen. Und wir hier in Europa, wir sind das Arschloch.“
Ein paar Videos weiter der Vorspann von „Biene Maja“, gesungen von Karel Gott: „In einem unbekannten Land, vor gar nicht allzu langer Zeit . . .“ Das könnte auch auf die alte Bundesrepublik zutreffen: Sie existierte vor gar nicht allzu langer Zeit, aber sie wirkt heute schon sehr fern.
„Westalgie“ heißt die Sehnsucht nach dem Staat, der 50 Jahre lang aus dem beschaulichen Bonn gelenkt wurde, einer Stadt duftender Rosenhecken und knirschender Kieswege. Angelehnt ist der Begriff an die bekanntere „Ostalgie“.
„Schon Mitte der 1990er gab es aber auch das Wort Westalgie“, erinnert sich der Publizist Jakob Augstein. „Aber damals schien der Westen der Sieger zu sein, dem Begriff fehlte der Gegenstand. Jetzt aber ist die Situation eine völlig andere. Und jetzt trifft das Wort so richtig.“
1970er und 80er: Als die Boomer noch jung waren
Der West-Vibe bezieht sich in erster Linie auf die 1970er und 1980er Jahre, die Zeit, in der die heutige Boomer-Generation jung war. Es war eine überschaubare, eine bipolare Welt damals. Der Bundesbürger kannte seinen Platz – tief im Westen, fest in der Nato, bei den amerikanischen Freunden.
Nie mehr war das Wohlstandsgefälle zwischen der Bundesrepublik und ihren Nachbarn so groß wie damals. Wer auf Sprachurlaub nach England ging, erlebte eine Welt voll rußgeschwärzter viktorianischer Backsteinhäuser mit WC auf dem Hof. Die Pünktlichkeit deutscher Züge war geradezu sprichwörtlich, im Ausland wurde darüber mit einer Mischung aus Respekt und Erschaudern gesprochen.
Der Erfolg war zeitweise so allumfassend, dass Bundeskanzler Helmut Schmidt 1974 nach dem WM-Sieg der Beckenbauer-Elf im vertraulichen Gespräch sagte: „Es ist überhaupt nicht gut, dass Deutschland gewonnen hat. Deutschland ist nicht so weit, dass es der mächtigste sein darf.“
Alles hatte seinen festen Platz
Die damalige Welt mit ihrem scheinbar zementierten West-Ost-Gegensatz schien beständiger, weniger schnelllebig als die heutige Zeit. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass es vieles noch nicht gab. Smartphone, Handy und Internet waren Dinge und Wörter aus der Zukunft. Kinder gingen zum Spielen nach draußen und waren nicht mehr erreichbar, auch mitten in der Großstadt.
Wenn man etwas wissen wollte, konnte man in die Stadtbücherei gehen oder Oma fragen, und wenn die es auch nicht wusste, musste man es auf sich beruhen lassen. In den Urlaub fuhr man ohne Navi, nur nach Straßenschildern und Karte, und plante dafür entsprechend mehr Zeit ein. UV-Schutzkleidung? Unbekannt. Erklärtes Ziel war es, gleich am ersten Urlaubstag einen Sonnenbrand zu bekommen.
Rudi Carrells Fließband – Symbol der Konsumgesellschaft
Über Wirtschaft wurde gefühlt weniger geredet, es gab jedenfalls keine Börsennachrichten im Fernsehen. Konsum war positiv besetzt. Ein aus heutiger Sicht geradezu rührendes Symbol der westdeutschen Konsumgesellschaft war das Fließband in Rudi Carrells TV-Show „Am laufenden Band“. Der Tagessieger durfte mitnehmen, was er sich merken konnte: Toaster, Radio-Rekorder, Föhnhaube, Fragezeichenwürfel mit Überraschungspreis.
Überhaupt, die große Samstagabend-Show: „Es war damals selbstverständlich, dass man ‚Wetten, dass . . .?‘ mit Frank Elstner guckte“, schreibt Florian Illies in seinem Bestseller „Generation Golf“ über die 1980er Jahre, „Das langweiligste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts“. „Niemals wieder hatte man in späteren Jahren solch ein sicheres Gefühl, zu einem bestimmten Zeitpunkt genau das Richtige zu tun.“
Bonner Republik: das verlorengegangene Auenland
Im Rückblick sei die alte Bundesrepublik „das verlorene Auenland, eine Insel des kleinen Wohlstands und der Stabilität“, analysiert der Psychologe Stephan Grünwald, Leiter des Kölner Rheingold-Instituts und Autor des Buchs „Wir Krisenakrobaten“. Das Auenland ist in dem Fantasy-Zyklus „Der Herr der Ringe“ die friedliche und wohlhabende Heimat der Hobbits.
„Dazu gehörte immer auch die Abgrenzung zum Osten nach dem Motto: Wir sind das bessere Deutschland“, erklärt Grünewald. Im Westen war man auf der richtigen Seite der Geschichte beziehungsweise der Landkarte.
Das westdeutsche System überdauerte – kommt jetzt sein Ende
Die Historikerin Katja Hoyer (40), bekannt geworden mit dem Buch „Diesseits der Mauer“, sieht es ähnlich. Sie betrachtet die Westalgiker aus einer gewissen Distanz, da sie selbst Ostdeutsche ist und seit vielen Jahren in England lebt.
Ein Unsicherheitsgefühl gebe es heute auch in anderen Ländern, berichtet sie, doch für die Westdeutschen sei es besonders schmerzhaft. „Ganz im Gegensatz zur Erfahrung der Ostdeutschen hat das westdeutsche System ja überdauert. Die Bundesrepublik expandierte 1990 einfach nach Osten, und alles sollte so weitergehen wie bisher. Das hat eine ganze Zeit lang ganz gut funktioniert. Man konnte weiter daran glauben, dass 1949 in Westdeutschland ein System geschaffen worden war, das in alle Ewigkeit Bestand haben würde.“
Heute haben die Krisen Zombie-Qualität
Doch genau dieser Glaube ist nun gründlich erschüttert. „Es gibt die Krise des transatlantischen Verhältnisses, und gleichzeitig brechen Industriearbeitsplätze massenhaft weg“, konstatiert Hoyer. „Das ganze deutsche Wirtschaftssystem steht auf dem Prüfstand. Und niemand weiß so richtig, wie man das umbauen kann. Das trifft die Gesellschaft bis ins Mark.“
Augstein drückt es so aus: „Die Westdeutschen müssen derzeit zusehen, wie die Welt, die sie kannten, zerbricht und zerbröselt.“
Auch der Soziologe Detlef Pollack hält die Westalgie für eine Reaktion auf die derzeitige Krisenstimmung. Pollack sieht eine „nostalgische Verklärung der Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs der alten Bundesrepublik, als sich das Leben ständig verbesserte und beachtlicher Optimismus herrschte“.
Zwar habe es auch damals Sorgen und Krisen gegeben, doch anders als heute habe man die Zuversicht gehabt, die Probleme lösen zu können. Grünewald stimmt zu: „Heute haben die Krisen Zombie-Qualität: Es sind ewige Wiedergänger. Man kriegt sie nicht mehr aus der Welt.“
„Verzweifeltes Festhalten an einer Welt, die es nicht mehr gibt“
Augstein kann den nostalgischen Blick zurück persönlich gut nachempfinden. „An Hamburg in den 1980ern zum Beispiel erinnere ich mich als Welt, in der alles in Ordnung war. Aber die Westalgie heute ist mehr als das: ein verzweifeltes Festhalten an einer Welt, die es nicht mehr gibt. Und das ist etwas anderes als individuelle Nostalgie. Es ist eine gefährliche Gestrigkeit“, kritisiert er.
Aus Sicht des Psychologen Grünewald ist der entscheidende Punkt, dass dem heutigen Deutschland eine überzeugende Zukunftserzählung fehle. „Der Blick in die Zukunft ist nur noch mit diffusen Verlustängsten verbunden, und das Vakuum, das dadurch entsteht, führt zu einer Glorifizierung und Überhöhung der Vergangenheit.“
Aufgabe der Politik wäre es, eine positive Perspektive vorzugeben. „Wir brauchen wieder ein Ziel, eine Richtung: Da wollen wir hin. Und das geht nur, wenn möglichst alle mitziehen. Damit hätte man wieder eine Orientierung nach vorn.“