Nach intensiven Untersuchungen sollten die Pläne für eine Seilbahn im Stadtteil Vaihingen eigentlich zu den Akten gelegt werden. Im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik stieß das auf Kritik.
Die erste Seilbahnverbindung im Großraum Paris ist seit Ende letzten Jahres in Betrieb. Stuttgart debattiert ausführlich über das Für und Wider einer solchen Lösung.
Von Christian Milankovic
Stuttgart - Bekommt Stuttgart eine Luftseilbahn als Erweiterung des bestehenden Nahverkehrsangebots? Dieser Frage geht die Stadtverwaltung seit nunmehr fast acht Jahren detailliert nach. Zwar fehlte bei der Diskussion am Dienstag im gemeinderätlichen Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik in fast keiner Wortmeldung Kritik an dieser langen Verfahrensdauer. Gleichzeitig forderten die Stadträte aber eine zusätzliche von der Verwaltung ursprünglich nicht vorgesehene Befassung des nur beratend agierenden Bezirksbeirats Vaihingen mit dem Thema.
Grund für die gesonderte Schleife: Die Stadtverwaltung wollte am Dienstag vom Ausschuss dessen Plazet einholen, die jahrelang als Pilottrasse untersuchte Seilbahnverbindung zwischen dem Vaihinger Bahnhof und dem geplanten neuen Stadtquartier auf dem Eiermann-Campus nahe des Autobahnkreuzes mangels Wirtschaftlichkeit zu den Akten zu legen. Die Stadträte ihrerseits wollten mit ihrer Entschließung den unmittelbar betroffenen Lokalpolitikern noch eine Möglichkeit zur Stellungnahme einräumen.
Und auch am grundsätzlichen Vorschlag der Verwaltung, die Vaihinger Trasse nicht weiterzuverfolgen, regte sich Kritik. Fast 300 Seiten stark ist das Papier „Seilschwebebahnen als Teil des ÖPNV in Stuttgart“ der Stadtverwaltung. Der Umfang der Vorlage spiegelt die Länge und die Komplexität des bisherigen Verfahrens wider. Seit dem Jahr 2017 wird die Idee einer Seilbahn im städtischen Raum in Stuttgart unter die Lupe genommen. Auf eine Machbarkeitsstudie folgte eine vertiefte Untersuchung der „Pilottrasse Vaihingen“.
„Wir stehen beim Verkehrskonzept fürs Eiermann-Areal nach acht Jahren nun mit heruntergelassenen Hosen da.“ Björn Peterhoff, Grünen-Stadtrat
Christoph Ozasek von der Puls-Gruppe wollte nicht so recht an die Unwirtschaftlichkeit glauben und fordert, die Verwaltung solle nochmals Optimierungspotenziale untersuchen mit dem Ziel, das Vorhaben förderfähig zu machen. Björn Peterhoff (Grüne) bekannte, dass man beim Verkehrskonzept fürs Eiermann-Areal „nach acht Jahren nun mit heruntergelassenen Hosen“ dastehe. Gleichzeitig bescheinigte er einer Seilbahn mit Blick auf die Stuttgarter Topografie „enorme Chancen“.
Während also das Totenglöcklein für die Vaihinger Trasse wohl erst später geläutet wird, hat am entgegengesetzten Ende des Stadtgebiets das Robert Bosch Krankenhaus mit einer selbst finanzierten Machbarkeitsstudie für eine weitere Trasse, die von der Stadt bislang nur nachrangig untersucht wurde, eine neue Debatte entfacht.
Die Klinik leidet unter der unzureichenden Erreichbarkeit auf der Straße. Das Robert Bosch Krankenhaus (RBK) auf dem Burgholzhof sieht sich schon seit längerer Zeit mit Verkehrsproblemen konfrontiert. Die zentrale Zufahrt, die Auerbachstraße ausgehend vom Knotenpunkt Pragsattel, ist häufig überlastet, Busse der Linien 57 stehen wie der übrige Verkehr im Stau. Auch die Anwohner des benachbarten Stadtteils Burgholzhof haben wiederholt auf die Misere aufmerksam gemacht. Ende vorigen Jahres legte daraufhin die Klinik eine von Seilbahnexperten aus Österreich und Südtirol erarbeitete Studie vor, die die grundsätzliche Machbarkeit einer Seilbahn von der Stadtbahnhaltestelle Pragsattel zum Klinikcampus bestätigte. Auf der rund 500 Meter langen Strecke sollen 14 Kabinen unterwegs sein und den Weg zwischen dem Nahverkehrsknoten Pragsattel und dem Krankenhausgelände in 100 Sekunden bewältigen.
Kein zweites Stuttgart 21
Das Krankenhaus warnte außerdem davor, das Vorhaben zu überfrachten und damit auf unbestimmte Zeit zu verzögern. Mark Dominik Alscher, der Chef des Robert-Bosch-Krankenhauses, sagt, man habe mit der Machbarkeitsstudie auf eine schnelle Umsetzung gehofft: „Unsere Bitte war immer, die Sache möglichst einfach zu halten und daraus kein zweites Stuttgart 21 zu machen. In einem ersten Schritt sollte die Verbindung zwischen Pragsattel und Krankenhaus errichtet werden. Wenn man das Vorhaben überfrachtet, verschiebt man die Realisierung weit in die Zukunft.“
Dieses Engagement des Krankenhauses hob Stadtrat Michael Schrade (Freie Wähler) hervor. „Das RBK hat sich ins Zeug gelegt, das sollten wir ernst nehmen“. Die Studie habe gezeigt, dass zwischen Pragsattel und RBK eine schnelle Lösung möglich sei. Lucia Schanbacher (SPD/Volt) nannte eine Seilbahn „nicht nur eine Vision. In Heilbronn hat man beschlossen, eine zu bauen“.
Großes Interesse, knappe Mittel
Im Rathaus ist man „auf Grundlage des gewonnenen Fachwissens der Meinung, dass die Frage, ob ein Seilbahnsystem in Stuttgart eine Ergänzung für den ÖPNV darstellen kann oder nicht, noch nicht geklärt ist“. Die vorgeschlagene Potenzialanalyse könnte Aufschluss bringen. Ob sich dafür Geld in den weitestgehend leeren Kassen der Stadt findet, muss abgewartet werden.
Eine weitere Potenzialanalyse für mögliche Strecken in der Stadt käme für Schanbacher jedoch einem „Rückschritt“ gleich. Sie verwies auf einen Antrag von Grünen, CDU, SPD/Volt und Freien Wählern, dass sich die Verwaltung eingehender mit einer Trasse vom Burgholzhof bis zum Ostendplatz befassen solle. Leonard Rzymann (CDU) plädierte für eine Bündelung der Ressourcen und die Fokussierung auf die beantragte Trasse.
Stephan Oehler, der Leiter der städtischen Verkehrsplanung, bekundete das große Interesse der Verwaltung, die Idee einer Seilbahn weiterzuverfolgen, verwies aber auch auf die knappen Mittel der Stadt. Parallel dazu entstehe derzeit an der Stuttgarter Hochschule für Technik eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema. Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) sagte, dass es nun im Kern um die Stecke vom Pragsattel zum Robert-Bosch-Krankenhaus gehen müsse. Er warnte davor, mit weiteren Streckenausbauten – etwa bis zur geplanten S-Bahnhaltestelle Rosenstein (vormals Mittnachtstraße) – die Planungen zu überfrachten. „Keep it simple“ (dt. halte es einfach) gab er den Stadträten auf den Weg.
Seilbahnen finden längst auch abseits ihrer ursprünglichen Anwendung im alpinen Raum Eingang in die Verkehrsplanungen großer Städte und Ballungsräume. Vorreiter waren dabei Metropolen in Südamerika. Aber auch in Heilbronn und Herne werden derzeit Seilbahnplanungen vorangetrieben. Im Großraum Paris, der zugegebenermaßen nur schwerlich mit Stuttgarter verglichen werden kann, ist seit Dezember vergangenen Jahres eine Seilbahn in Betrieb, die eine Metrolinie ins Umland verlängert.