Mitte der Achtziger hob der Italiener ein Gegenmodell zu amerikanischem Fast Food aus der Taufe. Inzwischen arbeitet das Netzwerk rund um die Welt. Auch in Deutschland war der «Genussrebell» beliebt.
Der italienische Food-Aktivist und "Slow Food"-Gründer Carlo Petrini ist im Alter von 76 Jahren gestorben. (Archivbild)
Von Von Christoph Sator, dpa
Mailand - Es begann mit einem Protest gegen eine McDonald's-Filiale in Rom, daraus wurde ein weltweites Netzwerk für gute Ernährung: Der Gründer der weltweiten Genussbewegung Slow Food, Carlo Petrini, ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Der Italiener starb am Donnerstagabend nach langer Krankheit in seiner Heimatstadt Bra, einer 30.000-Einwohner-Gemeinde in der norditalienischen Region Piemont, wie die Organisation mitteilte.
Petrini hatte erheblichen Anteil daran, dass heutzutage in vielen Ländern auf eine bessere Ernährung geachtet wird. Vielfach wurde er als "Genuss-Rebell" bezeichnet. Slow Food (Langsam Essen) hatte er Mitte der 1980er Jahre mit dem Ziel gegründet, ein "Recht auf Genuss" sowie auf gute, saubere und faire Lebensmittel für alle zu fördern.
Gegenmodell zu McDonald's & Co.
Inzwischen ist die Bewegung in mehr als 160 Ländern vertreten, auch in Deutschland. Sie versteht sich ausdrücklich als Gegenmodell zum sogenannten Fast Food (Schnelles Essen) aus den USA. Die Bewegung lebt von lokalen Gruppen, die Kochkurse, Verkostungen und Besuche bei Herstellern organisieren.
Petrini – oder "Carlin", wie ihn die meisten nannten – wurde 1949 in Bra geboren. Als Linker verstand er sich als Teil der 1968er-Bewegung. Nach einem abgebrochenen Soziologie-Studium arbeitete er als Gastronom, Journalist und Schriftsteller. Im Juli 1986 hob er in seiner Heimat die Initiative Agricola aus der Taufe, aus der dann Slow Food Italia wurde.
Ein Essen an der Spanischen Treppe
Anlass war, dass der US-Konzern McDonald's eine Filiale an der Piazza Navona eröffnen wollte, einem der bekanntesten Plätze der italienischen Hauptstadt. Zusammen mit Freunden aus dem Piemont - die Gruppe nannte sich nach dem dortigen gleichnamigen Wein "Freunde des Barolo" - organisierte Petrini ein großes Essen an der Spanischen Treppe in Rom. Daraus wurde dann Slow Food.
Als Grundlagen seiner Ernährungsphilosophie nannte er drei Begriffe: "Buono, pulito e giusto." ("Gut, sauber und fair".) Das Logo von Slow Food ist eine Weinbergschnecke als Symbol der Langsamkeit. Im Dezember 1989 unterzeichneten dann in Paris Delegationen aus 20 verschiedenen Ländern ein Manifest, mit dem Slow Food international wurde. Als erster nationaler Verein gründete sich 1992 Slow Food Deutschland mit heute mehr als 13.000 Mitgliedern.
Bis 2022 war Petrini Präsident der internationalen Organisation. Aus Gesundheitsgründen zog er sich dann zurück. In der Mitteilung zu seinem Tod hieß es: "Seine Energie, sein außergewöhnliches Einfühlungsvermögen, sein Tatendrang und sein Lebensbeispiel werden die Kraft sein, die uns alle leiten wird."
Viele Auszeichnungen
Petrini gehörte auch zu den Gründern der Universität der Gastronomischen Wissenschaften im italienischen Städtchen Pollenzo, die einen interdisziplinären Ansatz für das Studium der Ernährung verfolgt. Heute studieren dort mehrere Hundert Studenten aus aller Welt. Auf ihn geht auch das internationale Netzwerk Laudato si zurück, das Menschen verschiedener Glaubensrichtungen vereint. Benannt ist es nach einer Enzyklika des im vergangenen Jahr verstorbenen Papstes Franziskus. Petrini selbst bezeichnete sich als nicht gläubig.
2004 wurde er vom US-Magazin "Time" zu einem der "Helden Europas" ernannt. 2008 nahm ihn die britische Tageszeitung "The Guardian" als einzigen Italiener in eine Liste von 50 Menschen auf, die die Welt retten könnten. Mehrfach trat Petrini bei großen internationalen Treffen wie Veranstaltungen der Vereinten Nationen oder Klimagipfeln auf.
Dabei warb er immer wieder für eine Ernährung mit regionalen Produkten. So erklärte er: "Es ist verantwortungslos, Tomaten aus Süditalien zu kaufen, die von Afrikanern für drei Euro die Stunde geerntet werden. Oder eine Biobirne aus Argentinien, die über Kontinente eingeflogen wird." Man dürfe nie vergessen, wie wichtig auch in modernen Zeiten eine gute Ernährung sei. "Wir essen keine Computer. Wir essen Auberginen und Tomaten."
"Wer Utopie sät, wird Realität ernten"
Zu seinen Leitsprüchen gehörte auch der Satz: "Wer Utopie sät, wird Realität ernten." Petrini war bereits seit längerer Zeit krank. In einem seiner letzten Interviews sagte er der italienischen Zeitung "Corriere della Sera": "Ob ich daran denke, dass ich einmal nicht mehr da sein werde? Ja, aber ich hoffe, dass ich die Grundlagen dafür gelegt habe, dass die Arbeit weitergeht."