Ein Jahr Schwarz-Rot

So beliebt sind Merz, Pistorius und Co.

Die Bundesregierung zieht nach zwölf Monaten eine positive Bilanz. Doch in Umfragen ist Schwarz-Rot so unbeliebt wie nie. Besonders Kanzler Friedrich Merz steht unter Druck.

So beliebt sind Merz, Pistorius und Co.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU, r) und Boris Pistorius (SPD), Bundesminister der Verteidigung, unterhalten sich im Plenum des Deutschen Bundestages.

Von Katrin Jokic

Ein Jahr nach dem Amtsantritt von Bundeskanzler Friedrich Merz fällt die Bilanz der schwarz-roten Bundesregierung widersprüchlich aus. Auf dem Papier verweist die Koalition aus CDU, CSU und SPD auf Tempo und Handlungsfähigkeit: 175 Gesetze und Maßnahmen habe die Bundesregierung in den ersten zwölf Monaten beschlossen. Dazu zählen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung, Entlastungen bei Energiekosten, eine härtere Linie in der Migrationspolitik, Reformen bei Rente, Grundsicherung und Gesundheit sowie Maßnahmen für schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren.

Politisch aber steht die Regierung zum Jahrestag unter erheblichem Druck. Die wirtschaftliche Lage bleibt schwierig, viele große Reformen sind noch nicht abgeschlossen, und zwischen Union und SPD wurden immer wieder Konflikte öffentlich ausgetragen. Der Start der Koalition war bereits holprig: Merz wurde am 6. Mai 2025 erst im zweiten Wahlgang zum Kanzler gewählt – ein ungewöhnlicher Vorgang in der Geschichte der Bundesrepublik.

Nur noch 15 Prozent sind mit der Bundesregierung zufrieden

Besonders deutlich zeigt sich die schlechte Stimmung im ARD-DeutschlandTrend von Anfang April. Demnach waren nur noch 15 Prozent der Befragten mit der Arbeit der Bundesregierung zufrieden. Gut vier von fünf Befragten übten Kritik. Infratest dimap spricht vom niedrigsten Wert seit Amtsantritt der Koalition.

Auch die einzelnen Koalitionsparteien schneiden schwach ab. Die Arbeit der CDU überzeugt laut DeutschlandTrend 22 Prozent der Befragten, die der CSU 17 Prozent und die der SPD nur 13 Prozent. Selbst in den eigenen Anhängerschaften ist die Bilanz nicht durchweg positiv. Besonders die SPD steht unter Druck: Viele ihrer Anhänger blicken kritisch auf die Leistungen der eigenen Partei in der Koalition.

Die Unzufriedenheit schlägt sich auch in der Sonntagsfrage nieder. Laut ARD-DeutschlandTrend käme die Union auf 26 Prozent, die SPD nur noch auf 12 Prozent. Die AfD liegt mit 25 Prozent fast gleichauf mit der Union. Grüne und Linke erreichen 14 beziehungsweise 10 Prozent.

Pistorius bleibt der beliebteste Politiker

Auffällig ist: Der beliebteste Politiker kommt ausgerechnet aus der angeschlagenen SPD. Verteidigungsminister Boris Pistorius liegt in mehreren Rankings weiter vorn. Im ARD-DeutschlandTrend waren 49 Prozent mit seiner Arbeit zufrieden – trotz eines Rückgangs um sechs Prozentpunkte gegenüber dem Vormonat. Damit bleibt Pistorius deutlich beliebter als andere Spitzenpolitiker der Koalition.

Auch im aktuellen INSA-Politikerranking für die „Bild“ liegt Pistorius nach den vorliegenden Angaben klar auf Platz eins. Er kommt dort auf eine Durchschnittsbewertung von 5,1 auf einer Skala von 0 bis 10. Dahinter folgen Cem Özdemir, Hendrik Wüst und Markus Söder. Das zeigt: Persönliche Popularität und Regierungserfolg fallen derzeit deutlich auseinander. Pistorius profitiert offenbar davon, dass Verteidigungspolitik als eines der zentralen Handlungsfelder der Regierung wahrgenommen wird und er zugleich weniger stark mit den parteipolitischen Streitigkeiten der Koalition verbunden wird.

Merz bleibt im unteren Bereich

Für Bundeskanzler Friedrich Merz ist die Lage deutlich schwieriger. Im ARD-DeutschlandTrend waren nur 21 Prozent mit seiner Arbeit zufrieden – acht Prozentpunkte weniger als im Monat zuvor.

Auch im INSA-Politikerranking bleibt Merz schwach. Nach den vorliegenden Zahlen verbessert er sich zwar leicht von Platz 20 auf Platz 19, kommt aber nur auf 2,9 Punkte. Damit liegt der Kanzler weiter im unteren Bereich der abgefragten Politiker. In der Vorwoche war Merz nach Medienberichten erstmals auf den letzten Platz des Rankings gefallen.

Merz war mit dem Anspruch gestartet, nach dem Ende der Ampel-Regierung einen Politikwechsel einzuleiten und mehr Klarheit in zentrale Fragen zu bringen. Nach einem Jahr überlagern jedoch Streit, schlechte Wirtschaftsdaten und Zweifel an der Reformfähigkeit der Koalition seine Bilanz.

Schwache Werte auch für Klingbeil, Bas und Reiche

Nicht nur der Kanzler verliert an Rückhalt. Auch führende SPD-Politiker haben deutlich eingebüßt. Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil kommt im ARD-DeutschlandTrend nur noch auf 18 Prozent Zufriedenheit, ein Minus von 15 Punkten. Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas liegt bei 15 Prozent, zehn Punkte niedriger als im Vormonat. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU überzeugt nur 12 Prozent der Befragten.

Diese Werte sind politisch brisant, weil gerade die Themen Wirtschaft, Steuern, Soziales und Gesundheit in den kommenden Monaten entscheidend werden dürften. Die Regierung hat zwar mehrere Reformprozesse angestoßen. Viele Maßnahmen sind aber noch nicht abgeschlossen oder müssen erst zeigen, ob sie im Alltag spürbare Verbesserungen bringen.

Viele Beschlüsse, wenig Vertrauen

Die zentrale Schwäche der Bundesregierung liegt weniger darin, dass sie nichts beschlossen hätte. Das Problem ist vielmehr, dass viele Bürger den Nutzen der Politik offenbar nicht spüren oder der Koalition nicht zutrauen, die großen Aufgaben zu lösen. Laut ARD-DeutschlandTrend hat nur ein Fünftel Vertrauen, dass die Regierung die sozialen Sicherungssysteme zukunftssicher macht. Beim Voranbringen der Wirtschaft liegt der Vertrauenswert bei gut einem Viertel.

Hinzu kommt ein Grundkonflikt innerhalb der Koalition. Die Union will stärker auf wirtschaftliche Entlastung, Migration und eine Begrenzung staatlicher Ausgaben setzen. Die SPD pocht auf soziale Absicherung, höhere Investitionen und Entlastungen kleiner und mittlerer Einkommen. Dieser Interessenausgleich ist für jede Koalition normal. Problematisch wird er, wenn Kompromisse nicht als gemeinsame Lösungen erscheinen, sondern als Dauerkonflikt.

Nach einem Jahr Schwarz-Rot steht die Bundesregierung vor einem politischen Paradox. Sie kann auf zahlreiche Beschlüsse verweisen und hat in mehreren Bereichen Weichen gestellt. Gleichzeitig ist die öffentliche Zustimmung dramatisch niedrig.

Am besten steht noch Boris Pistorius da. Kanzler Friedrich Merz dagegen bleibt in den Beliebtheitswerten schwach. Wenn der Regierungschef selbst kaum Vertrauen gewinnt und die SPD zugleich auf Rekordtiefs fällt, reicht eine reine Leistungsbilanz nicht aus. Schwarz-Rot muss in den kommenden Monaten nicht nur Reformen beschließen, sondern sichtbarer erklären, welchen konkreten Nutzen sie bringen. Sonst droht das zweite Regierungsjahr noch schwieriger zu werden als das erste.