Studie der Universität Tübingen

Späte Neandertaler in Europa gehen auf eine einzelne Gruppe zurück

Von 400.000 bis 40.000 Jahren vor unserer Zeitrechnung besiedelten die Neandertaler weite Regionen Europas. Doch vor 75.000 Jahren kam es zu einem Umbruch, der schließlich zu ihrem Untergang führte. Tübinger Forscher haben jetzt die Ursachen gefunden.

Späte Neandertaler in Europa gehen auf eine einzelne Gruppe zurück

Künstlerische Darstellung der Landschaft, in der die Neandertaler in der Eiszeit lebten.

Von Markus Brauer

Die letzten Neandertaler in Europa teilten einen weitgehend einheitlichen Genpool. Vor ihrem endgültigen Verschwinden vor rund 40.000 Jahren gab es einen umfassenden Umbruch in ihrer Bevölkerung.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie, in der neue DNA-Daten untersucht und mit archäologischen Nachweisen kombiniert wurden. In der Studie – veröffentlicht im Fachjournal „PNAS“ zeichnet ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Professor Cosimo Posth vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen die dramatische genetische Geschichte der europäischen Neandertaler nach.

The Neanderthal population shrank during a cold spell around 75,000 years ago, and the loss of genetic diversity may have contributed to their eventual extinction https://t.co/W1vI8Yhj9Z — New Scientist (@newscientist) March 23, 2026

Fast alle späten Neandertaler stammen genetisch von einer Linie ab

 Hinweise darauf, dass die weitverbreiteten früheren Neandertaler-Populationen in Europa weitgehend verschwunden waren, existierten bereits. Die neue Analyse ergab indes, dass eine lokale Gruppe die rauen Bedingungen des Eiszeitklimas vor rund 75.000 Jahren durch Rückzug in ein Refugium im heutigen Südwestfrankreich überlebt hatte.

Die Nachkommen dier Überlebenden breiteten sich nach 65.000 Jahren vor heute über Europa aus. Genetisch gesehen stammten fast alle späten Neandertaler von dieser einen Linie ab.

Posth und sein Team stellten auch fest, dass diese späten Neandertaler vor rund 45.000 Jahren einen weiteren starken Rückgang ihrer Population erlitten. Die Zahlen gingen sehr schnell zurück und erreichten ein Minimum vor rund 42.000 Jahren – kurz bevor die Neandertaler endgültig ausstarben.

Genetisch lassen sich die Neandertaler klar von modernen Menschen, dem Homo sapiens, unterscheiden, die vor rund 40.000 Jahren an die Stelle der Neandertaler traten.

Neandertaler besiedelten von 400.000 bis 40.000 Europa

„Wir haben Belege, dass die Neandertaler Europa durchgehend zwischen 400.000 bis 40.000 Jahren vor heute besiedelten. Doch im Einzelnen ist ihre Bevölkerungsgeschichte nur bruchstückhaft bekannt“, berichtet Cosimo Posth. „Wir wissen bisher vor allem wenig darüber, welche evolutionäre Entwicklung ihrem Aussterben vor rund 40.000 Jahren vorausging.“

Die Forscher interessierten daher besonders die späten Neandertaler, die im Zeitraum von etwa 60.000 bis 40.000 Jahre vor heute lebten.

Zehn seltene neue Individuen

In ihrer Studie konzentrierten sich die Forscher in unterschiedlichen Proben von Neandertalerzähnen und -knochen, die aus Höhlen und Felsdächern geborgen wurden, auf die Mitochondrien. Diese Zellorganellen – es handelt sich um die kleinen Organe in der Zelle – besitzen eigene DNA, die unabhängig von der Haupt-DNA im Zellkern vererbt wird.

„Die Mitochondrien-DNA enthält lange nicht so viele genetische Informationen wie das gesamte Erbgut eines Menschen, aber sie bleibt in der Regel länger erhalten und kann leichter gewonnen werden“, erklärt die Erstautorin der Studie Charoula Fotiadou.

Das Forscherteam sequenzierte die mitochondriale DNA von zehn neuen Neandertaler-Individuen aus sechs archäologischen Fundstätten in Belgien, Frankreich, Deutschland und Serbien. Sie wurden neben 49 weiteren Proben mitochondrialer DNA analysiert, deren Daten bereits veröffentlicht waren.

Die Analyseergebnisse wurden zusammengeführt mit Daten zum Vorkommen von Neandertalern in Europa aus der umfassenden Datenbank ROAD des Projekts ROCEEH (The Role of Culture in Early Expansions of Humans) der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums Frankfurt sowie der Universität Tübingen.

„Auf diese Weise konnten wir die beiden Beweislinien kombinieren und die demografische Geschichte der Neandertaler räumlich und zeitlich rekonstruieren“, erläutert Mitautor Jesper Borre Pedersen vom Projekt ROCEEH.

Eine gemeinsame Abstammungslinie

Die Studie ergab, dass die rauen Klimabedingungen der Eiszeit vor rund 75.000 Jahren den europäischen Neandertalern stark zusetzten und ihre genetisch vielfältigen Populationen dezimierten. Aus diesem Zeitraum seien weniger archäologische Fundstätten bekannt, die sich zudem auf das südwestliche Europa konzentrieren, berichtet Posth.

„Aus unseren Daten ließ sich geografisch rekonstruieren, dass sich die Neandertaler in das heutige Südwestfrankreich zurückgezogen hatten. Dort entstand vor rund 65.000 Jahren eine neue Population, die sich später über ganz Europa ausbreitete.“ So sei zu erklären, warum fast alle späten Neandertaler von der Iberischen Halbinsel bis zum Kaukasus, deren Gene bisher sequenziert wurden, zur gleichen Vererbungslinie mitochondrialer DNA gehörten.

Es habe also einen enormen Umbruch in der genetischen Geschichte der europäischen Neandertaler gegeben.

Geringe genetische Vielfalt und Isolation

Darüber hinaus ließen die Forscher ein Statistikprogramm berechnen, ob die genetischen Veränderungen innerhalb der mitochondrialen DNA über die Zeit mit der Annahme einer Population gleichbleibender Größe übereinstimmen. Das war nicht der Fall: Vielmehr ging die Zahl der Neandertaler der Berechnung zufolge vor 45.000 bis 42.000 Jahren schnell und stark zurück.

„Die späten Neandertaler bildeten genetisch gesehen eine sehr homogene Gruppe“, sagt Posth. „Denkbar ist, dass die geringe genetische Vielfalt – und möglicherweise auch die anschließende Isolation kleiner Gruppen – zum Verschwinden der Neandertaler beigetragen haben.“