Der Holocaust ist seit mehr als 80 Jahren vorbei - der Antisemitismus jedoch wuchert bis heute weiter. Zum Gedenktag ziehen Überlebende und Politiker erschreckende Verbindungen in die Gegenwart.
Friedman wird eine Rede zum Holocaust-Gedenktag 2026 im Bundestag halten.
Von dpa
Warschau/Berlin - Zum 81. Jahrestag der Befreiung des früheren deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau wurde der Opfer des NS-Terrors gedacht. Ein Überlebender warnte bei der Gedenkfeier in Polen vor zunehmendem Hass in der Gesellschaft. Es gebe derzeit viele Zeichen, die ihm nur allzu bekannt seien, sagte der 96 Jahre alte Auschwitz-Überlebende Bernard Offen.
Die Gedenkstätte Auschwitz hatte in diesem Jahr bewusst auf Reden von Politikern und Diplomaten verzichtet, damit die Aufmerksamkeit vollkommen auf den Aussagen der ehemaligen Häftlinge liegt, wie ihr Leiter Piotr Cywinski vor der Feier betont hatte. An der Gedenkfeier nahm auch Polens Präsident Karol Nawrocki teil.
Das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau steht symbolhaft für den Holocaust und das Grauen des Nationalsozialismus. Rund 1,1 Millionen Menschen starben hier zwischen 1940 und 1945, die meisten von ihnen waren Juden.
"Antisemitismus war 1945 nicht vorbei"
Auch in Deutschland wurde der Opfer des NS-Terrors gedacht: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) legte gemeinsam mit EU-Innenkommissar Magnus Brunner und dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, am Nachmittag einen Kranz am Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin nieder. In mehreren Landtagen fanden zudem Gedenkfeiern statt.
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) eröffnete am Abend die Ausstellung "An eine Zukunft glauben. Jüdische Biografien in der parlamentarischen Gründergeneration nach 1945". Die Ausstellung erinnert an die Schicksale von Abgeordneten, die als Jüdinnen und Juden oder wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt wurden. "Im Bundestag saßen sie, die NS-Opfer, neben früheren NSDAP-, SA- und SS-Mitgliedern. Neben Tätern", sagte Klöckner laut ihrer Eröffnungsrede in Berlin. "Antisemitismus war 1945 nicht vorbei. Und er ist es bis heute nicht."
Israels Botschafter Ron Prosor forderte zuvor ein konsequenteres Vorgehen gegen Antisemitismus in Deutschland. "Am 27. Januar dieses Jahres muss klar sein, dass den Worten Taten folgen müssen", sagte er im Interview mit der "Jüdischen Allgemeinen". Die Gesetze seien bislang nicht klar genug. "Vieles, was wir erleben, hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun", betonte Prosor. "Die Linie zwischen Meinungsfreiheit und Aufhetzung ist längst überschritten."
Nur fast jeder Zweite findet den Holocaust-Gedenktag wichtig
Der Zeitpunkt der Ausstellungseröffnung sei bewusst gewählt, er lenke den Blick auf unsere Gegenwart, sagte Schuster in seinem Grußwort zur Ausstellungseröffnung. "Der 27. Januar markiert die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Auschwitz, das wie keine zweite Stätte zum Symbol der Schoa geworden ist. Ein Verbrechen, mit dem – das zeigen aktuelle Studien – jeder achte junge Mensch in unserem Land nichts anfangen kann."
Laut einer repräsentativen YouGov-Umfrage hat der Holocaust-Gedenktag für die heutige Gesellschaft in Deutschland für 49 Prozent der Befragten eine eher große (24 Prozent) beziehungsweise sehr große Wichtigkeit (25 Prozent). 35 Prozent nehmen die Bedeutung als eher gering (23 Prozent) oder sehr gering (12 Prozent) wahr. 16 Prozent machten keine Angabe.
Bundespräsident: Juden müssen sich in Deutschland sicher fühlen
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief dazu auf, dem Antisemitismus offensiv entgegenzutreten. "Es ist Haltung und Handeln gefragt", mahnte er in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. "Der Antisemitismus wächst, wo wir schweigen, wo wir keine Solidarität zeigen." Antisemitischen Haltungen müsse widersprochen werden – auf der Straße, aber vor allem im Privaten.
Das Judentum sei "ein Teil von uns", versicherte Steinmeier und betonte: "Deutschland ist nur ganz bei sich, wenn sich Jüdinnen und Juden in unserem Land sicher fühlen können."
Holocaust-Überlebende als Gastrednerin im Bundestag
Am Mittwoch (12.30 Uhr) erinnert der Bundestag mit einer Gedenkstunde an die Opfer des Nazi-Regimes. Zentrale Rednerin in diesem Jahr ist die Holocaust-Überlebende Tova Friedman. Die 87-Jährige, die als Kind in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt worden war, betreibt mit ihrem Enkel einen Tiktok-Kanal, um die Erinnerung an die Judenverfolgung wachzuhalten.
Der Holocaust-Gedenktag ist ein internationaler Gedenktag, der jährlich am 27. Januar begangen wird. Am 27. Januar 1945 hatten sowjetische Truppen die Überlebenden des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz im besetzten Polen befreit.
Der Holocaust-Überlebende Bernard Offen.
Auch in Deutschland wurde der Opfer des NS-Terrors gedacht.
Alexander Dobrindt (r-l, CSU), Bundesinnenminister, Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, und Magnus Brunner, Kommissar für Inneres und Migration der Europäischen Union.
Alexander Dobrindt (CSU) nahm mit Kranzniederlegung zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am Denkmal für die ermordeten Juden Europas teil.