Vor 290 Millionen Jahre in Thüringen

Versteinertes Gewölle verrät Speiseplan eines Urzeit-Raubtiers

In Thüringen haben Paläontologen die ausgewürgten Nahrungsreste eines urzeitlichen Fleischfressers entdeckt. Dieses 290 Millionen Jahre alte „Gewölle“ liefert spannende Einblicke in den Speiseplan der damaligen Top-Prädatoren.

Versteinertes Gewölle  verrät Speiseplan eines Urzeit-Raubtiers

Vor 290 Millionen Jahre würgte ein urzeitliches Raubtier wie der Dimetrodon Reste seiner Beute wieder aus. Sie blieben als Fossil erhalten.

Von Markus Brauer

Die Geschichte der Säugetiere beginnt mit reptilienartigen Raubtieren: Fleischfressenden Synapsiden, die vor rund 300 Millionen Jahren auch im Gebiet des heutigen Mitteleuropa lebten. Zu den Top-Prädatoren dieser Zeit gehörten der bis zu drei Meter große Dimetrodon mit seinem ikonischen Rückensegel und zahnbewehrtem Maul, aber auch waranartige Fleischfresser. Doch wie diese urzeitlichen Räuber lebten und was sie fraßen, ist bislang kaum bekannt.

Fund von fossilisierter Regurgitation

 Ein einzigartiger Fossilfund aus Thüringen liefert erstmals direkte Einblicke in das Fressverhalten früher Landräuber. Forscher des Museums für Naturkunde Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin und des CNRS (Frankreich) haben an der berühmten Bromacker Fossil-Lagerstätte einen versteinerten Magenauswurf entdeckt und analysiert. Die Ergebnisse wurden jetzt in der Fachzeitschrift „ Scientific Reports“ veröffentlicht.

Das Fossil besteht aus einem kompakten Knäuel von Knochenresten und wurde zunächst für versteinerten Kot gehalten. Detaillierte Untersuchungen zeigten jedoch: Es handelt sich um eine fossilisierte Regurgitation – also um unverdauliche Nahrungsreste, die ein Raubtier nach dem Fressen wieder ausgewürgt hat.

Solche Funde sind extrem selten, vor allem an Land. Der Bromacker-Fund ist der älteste bekannte Nachweis einer solchen Regurgitation aus dem Paläozoikum und der erste, der eindeutig einem landlebenden Räuber zugeordnet werden kann.

Knochen dreidimensional sichtbar gemacht

Mithilfe moderner Computertomographie konnten die Forscher die enthaltenen Knochen dreidimensional sichtbar machen und einzelnen Tierarten zuordnen.

Die Analyse ergab: Das Raubtier hatte mindestens drei verschiedene Wirbeltiere unterschiedlicher Arten und Körpergrößen gefressen. Darunter befanden sich zwei kleinere, agile Landtiere sowie ein deutlich größeres, pflanzenfressendes Tier.

„Zum ersten Mal können wir direkt zeigen, welche Tiere ein früher Landräuber gefressen hat“, erklärt Arnaud Rebillard, Erstautor vom Museum für Naturkunde Berlin. „Solche direkten Belege für Nahrungsbeziehungen sind aus dieser Zeit nahezu unbekannt.“

War es ein Dimetrodon oder ein Tambacarnifex?

Als möglicher Verursacher kommen nur zwei große Räuber in Frage, die vor rund 290 Millionen Jahren im heutigen Thüringen lebten: Dimetrodon, bekannt für sein auffälliges Rückensegel, und Tambacarnifex, ein ebenfalls fleischfressender früher Verwandter der Säugetiere.

Die Entdeckung liefert nicht nur neue Erkenntnisse zum Verhalten einzelner Tiere, sondern erlaubt auch einen seltenen Blick auf die Nahrungsnetze früher terrestrischer Ökosysteme. Sie zeigt, wie komplex und vielfältig das Leben an Land bereits vor Hunderten Millionen Jahren war – lange bevor Dinosaurier die Erde beherrschten.

Der Bromacker im Uneesco Global Geopark Thüringen Inselsberg – Drei Gleichen gilt weltweit als eine der wichtigsten Fundstellen für frühe Landwirbeltiere. Die neuen Ergebnisse unterstreichen seine herausragende Bedeutung für das Verständnis der Evolution von Ökosystemen an Land.