VfB kommt nicht auf Betriebstemperatur

Gegen das kampfstarke Team von Union Berlin geben die Stuttgarter beim 1:1 die ersten Punkte im neuen Jahr ab. Dabei bringen die Gastgeber die Führung durch Chris Führich nicht über die Zeit. „Union war ein sehr ekeliger Gegner“, resümierte der Trainer Sebastian Hoeneß.

Von Heiko HInrichsen

Stuttgart - Nach Schlusspfiff zog Torhüter Alexander Nübel die Handschuhe aus – und trottete ein wenig gedankenverloren in Richtung der Kollegen. Der VfB ist gegen Union Berlin bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt einfach nicht auf die volle Betriebstemperatur gekommen – und musste sich beim 1:1 (0:0) gegen die Eisernen aus der Hauptstadt mit einem Punkt begnügen.

„Wir haben in der zweiten Halbzeit die Kontrolle übernommen, haben die Chance auf das 2:0. Dann ist der Deckel drauf. So nehmen wir eben den einen Punkt mit“, sagte der Torschütze Chris Führich, der den VfB in Führung brachte (59.), ehe der Ex-Stuttgarter Wooyeong Jeong (83.) für den Berliner Ausgleich sorgte.

Die Stuttgarter verpassten es, in ihrer Drangphase im zweiten Durchgang den Sack zuzumachen. Aber das Team von Trainer Sebastian Hoeneß rangiert als Vierter dennoch auf einem Champions-League-Platz. Allerdings haben die direkten Konkurrenten aus Hoffenheim, Leipzig und Leverkusen ein Spiel weniger. „Es war eine Partie gegen einen sehr ekeligen Gegner“, resümierte Coach Hoeneß: „Wir müssen uns vorwerfen, dass wir die Partie nach dem 1:0 nicht zumachen. So müssen wir hintenraus noch froh sein, dass wir das Spiel nicht verlieren.“

Der VfB übernahm von Beginn die Spielkontrolle, ließ es aber zunächst allzu gemächlich angehen. Eine Veränderung im Vergleich zum 3:2-Erfolg über Eintracht Frankfurt hatte Hoeneß an seiner Startelf vorgenommen. Für Ermedin Demirovic rückte Nikolas Nartey in die Anfangsformation. Chris Führich spielte bei der ersten Chance dann steil auf Josha Vagnoman (7.), der aber an Union-Keeper Frederik Rönnow scheiterte – das war es erst einmal mit der Stuttgarter Herrlichkeit in der Offensive.

In der 14. Spielminute war Luft anhalten angesagt im VfB-Lager: Jeff Chabot vertändelte den Ball leichtfertig als letzter Mann gegen Berlins Andrej Ilic – doch der schoss freistehend vor Stuttgarts Schlussmann Alexander Nübel an den rechten Außenpfosten.

Bei den Cannstattern hatte diese Szene zunächst keinen Hallo-wach-Effekt. Es ging weiter im selben Trott. Vom Mittelfeldduo Atakan Karazor und Angelo Stiller, der zuletzt so aufgedreht hatte, kam zu wenig Kreatives. Die Dreier-Sturmreihe mit Deniz Undav, Nartey und Jamie Leweling hing in der Luft – und über die Flügel ging mit Flanken auch nicht viel.

Vor der Pause traf Deniz Undav noch das Außennetz (37.); gegen ihrerseits wenig griffige Berliner, die lediglich punktuell kleinere Nadelstiche setzten, kam der VfB einfach nicht ins Rollen. Es mangelte an den Grundtugenden: bissige Zweikämpfe, schnelles Passspiel – das alles fehlte dem VfB.

Nach dem Seitenwechsel kam dann endlich ein wenig Schwung rein: Erst scheiterte Undav aus kurzer Distanz an Rönnow (49.), ehe Führich für kollektiven Jubel in der mit 59 500 Besuchern ausverkauften MHP-Arena sorgte. Der starke Innenverteidiger Ramon Hendriks gönnte sich einen Ausflug nach vorne, zog von der rechten Außenbahn nach innen – und legte quer auf Führich, der von der Strafraumkante aus wuchtig ins linke Eck zum 1:0 einschoss (59.).

Dabei zeigte sich zweierlei: Hendriks, einst als Ersatzkraft von Vitesse Arnhein an den Neckar geholt, wird beim VfB in seiner Rolle als variabel einsetzbarer Stammspieler immer wichtiger. Und Führich sitzt nach schwachem Saisonstart eindeutig auf dem aufsteigenden Ast.

Der VfB tat nun aber nicht mehr, als er musste, um das Spiel gegen die vermeintlich harmlosen Berliner zu kontrollieren. Demirovic ersetzte Nartey – und mit Finn Jeltsch kam ein weiterer Verteidiger rein. Dann die dicke Chance zum zweiten Treffer, als Stiller nach Steilpass von Undav frei drüber schoss. Das wäre die Entscheidung gewesen.

Doch es folgte der große Rückschlag: Vagnoman konnte Unions Stanley Nsoki außen nicht entscheidend stören. Der passte nach innen, wo der Ex-VfBler Jeong aus zentraler Position entschlossen das 1:1 markierte (83.). Berlin war plötzlich putzmunter: Torhüter Nübel parierte noch glänzend wiederum gegen Jeong (88.), verhinderte gar den möglichen Rückstand – und die Stuttgarter mussten nach zuvor zwei Siegen gegen Leverkusen und Frankfurt letztlich mit dem einen Punkt zufrieden sein. Das Remis ging völlig in Ordnung.

„Wir müssen unsere Chancen künftig besser nutzen“, sagte der Kapitän Atakan Karazor, für den es mit den VfB-Kollegen jetzt auf internationaler Bühne weitergeht: In der siebten von acht Partien der Ligaphase in der Europa League tritt das Team am Donnerstag (21 Uhr/RTL) beim AS Rom an.