Gemälde für 26 000 Euro

Von Kretschmann verschmäht – Was wurde aus der „Blauen Poesie“?

Ein unbedachter Kommentar des Ministerpräsidenten löste einen Kunststreit aus, der den Schöpfer zutiefst verletzte. Die Geschichte hinter Winfried Kretschmanns erstem Machtwort.

Von Kretschmann verschmäht – Was wurde aus der „Blauen Poesie“?

Beim ersten Besuch hängt die „Blaue Poesie“ noch gut sichtbar über dem Schreibtisch. Dann musste sie weg.

Von Eberhard Wein

Es ist das erste Machtwort gewesen, das Winfried Kretschmann in seiner 15-jährigen Amtszeit gesprochen hat. „Das bleibt hier nicht hängen,“ sagte der Grüne Ministerpräsident, als er kurz nach seiner Ernennung zum Landesvater zusammen mit der versammelten Landespresse erstmals durch die Villa Reitzenstein schritt. Die CDU hatte nach 58-jähriger Herrschaft die Staatskanzlei annähernd steril aufgeräumt. Nur über dem Schreibtisch war quasi als kleiner Gruß aus der vergangenen Zeit ein Gemälde hängen geblieben.

Dass das Werk „Blaue Poesie“ – vom Land einst beim gebürtigen Schwenninger Hans Peter Reuter für 26 000 Euro angekauft – dem grünen Ministerpräsidenten weniger gut gefiel als seinen beiden unmittelbaren schwarzen Amtsvorgängern Günther Oettinger und Stefan Mappus, wäre keine Erwähnung wert, wenn Kretschmann seine Kritik nicht so undiplomatisch und zudem öffentlich ausposaunt hätte. So erreichte die Episode auch den Künstler selbst, der tief verletzt reagierte. „Auf seelischer Basis hat mich Kretschmann voll mit dem Wasserwerfer abgeknallt“, beklagte sich Reuter in Anspielung auf den Schwarzen Donnerstag und fügte hinzu: „Das Bild ist doch nicht kontaminiert, nur weil Mappus davor gesessen hat.“

Während über Kretschmanns Schreibtisch seither eine Leihgabe des von ihm hochgeschätzten Stuttgarter Künstlers Michael Mordo in Grün und Rot hängt, wurde Reuters „Blaue Poesie“ zum Wanderpokal. Das aus 10 000 Wellpappe-Quadraten gefertigte Werk, das von Weitem ein wenig wie ein marinblauer Badvorleger wirkt, habe bis Juni 2021 an verschiedenen Stellen im Staatsministerium gehangen, teilt ein Sprecher auf Nachfrage mit.

Dann habe es die damals neu ernannte Kultusministerin Theresa Schopper mit in ihr künftiges Dienstzimmer genommen. Als Reuter vor zwei Jahren starb, war er also längst rehabilitiert: Schon kraft Amtes muss man einer Kultusministerin ja mehr Kunstsinn unterstellen als dem Ministerpräsidenten.