Sehnsucht nach guter alten Zeit

War früher alles besser – oder nur anders?

Mehr Mitbestimmung, bessere Bildung: Junge Menschen fordern laut Umfragen politischen Wandel. Die Lösung sehen einige im „Gestern“ - etwa in traditionellen Rollenbildern.

War früher alles besser – oder nur anders?

Die gute alte Zeit: Als die Menschen in Deutschland noch alle Tassen im Schrank hatten und die Welt noch nicht aus den Fugen geraten war.

Von Markus Brauer/KNA

 Sind Sie ein Erinnerungsoptimist? Dann sind Sie sicher auch der Meinung, dass früher alles besser war. Generationen von Kindern mussten sich das Loblied der Erwachsenen auf die Vergangenheit anhören, wenn diese mal wieder ihr Unbehagen über die „Jugend von heute“ loswerden wollten.

Der Satz „Früher war alles besser“ wird dadurch nicht richtiger, dass er inflationär gebraucht wurde und wird. Er sollte besser lauten: „Früher war nichts besser, aber vieles anders.“ Wollen Sie sich das Leben nicht vergällen, sehen Sie Früheres kritischer und freuen Sie sich über Gegenwärtiges. Leben Sie im Hier und jetzt. Das Schicksal wird es gut mit Ihnen meinen.

Und doch: Die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ (welche Zeit wer jemals gut?) ist zu jeder Zeit offenbar unausrottbar. So streben junge Menschen in Deutschland heute nach einer nachhaltigen Zukunft. Viele von ihnen blicken dazu allerdings nostalgisch in die Vergangenheit. Das zeigt die repräsentative „Next-Generation“-Studie der Allianz-Foundation.

In einigen zentralen Zukunftsthemen herrscht demnach Einigkeit: Eine deutliche Mehrheit wünscht sich ein neues Verständnis von Wohlstand. Zwei Drittel der Befragten verbinden damit nicht nur wirtschaftliches Wachstum und höhere Einkommen, sondern auch Klimaschutz, Bildungschancen und mehr politische Mitbestimmung.

Knapp ein Drittel sehnt sich nach „früher“

28 Prozent sehnen sich jedoch nach einem vermeintlich besseren „früher“, mit weniger Zuwanderung und traditionellen Geschlechterrollen. Vor allem Millennials im Alter von 30 bis 39 Jahren wünschen sich mehr Nationalstolz, wollen weniger kritisch über die deutsche Geschichte nachdenken.

Zugleich wächst der Frust: Rund 40 Prozent der jungen Menschen fühlen sich politisch übergangen. Fast 60 Prozent erleben ihre Generation als tief gespalten. Gewaltsame Tendenzen verstärken laut Studie diesen Trend sogar noch.

Viele junge Menschen befürworten radikale Mittel, um politische Ziele umzusetzen. Zehn Prozent der Befragten sprechen sich offen für Hass im Netz, illegale Protestformen oder Gewalt gegen Menschen mit politischer Verantwortung aus. Weitere elf Prozent stimmen teilweise zu.

Gewalt wird zunehmend toleriert

Deutschland steht im europäischen Vergleich damit nicht alleine da. Es liegt bei der Billigung gewaltsamer Aktionen (zehn Prozent) im europäischen Vergleich im Mittelfeld – deutlich über Italien (fünf Prozent), aber unter Frankreich (17 Prozent). In Frankreich spricht sich außerdem mehr als ein Drittel der jungen Menschen für eine Rückkehr zu alten gesellschaftlichen Strukturen aus.

97 Prozent der jungen Menschen in Deutschland engagieren sich individuell, zum Beispiel durch Wählen, bewussten Konsum oder Spenden. 43 Prozent sind auch kollektiv aktiv, in Initiativen oder bei Demonstrationen. Politisch sind sie heterogen: 13 Prozent links, 17 Prozent Mitte, 13 Prozent rechts bis regressiv.

Umfrage unter 16- bis 39-Jährigen

Die Allianz-Foundation führte die „Next-Generation“-Studie zum zweiten Mal durch. Die Stiftung befragte dazu im Jahr 2025 junge Menschen zwischen 16 und 39 Jahren in Deutschland, Frankreich, Italien, Polen und Spanien. In der Europäischen Union machen sie rund 65 Prozent der Altersgruppe aus. Von ihnen leben 23 Millionen junge Menschen in Deutschland.