9. n. Chr.: Römer gegen Germanen

War Kalkriese nur das letzte Kapitel der Varusschlacht?

Im Jahr 9. n. Chr. vernichteten Germanen ein gewaltiges römisches Heer. Der Name des römischen Generals gab der Schlacht ihren Namen: Varusschlacht. War Kalkriese in Westfalen wirklich der Schauplatz dieser folgenschweren Niederlage Roms war. Eine Spurensuche.

War Kalkriese nur das letzte  Kapitel der Varusschlacht?

Arminius kehrt nach der Schlacht gegen die Römer im Jahr 9 n. Chr. heim (Druck um 1900).

Von Markus Brauer

Wir schreiben das Jahr 9. n. Chr.: Irgendwo im Niemandsland, in der mehr oder weniger eroberten Provinz „Magna Germania“ im heutigen Westfalen. Eine gewaltige römische Streitmacht – die drei Legionen XVII, XVIII, XIX, drei Alen (Reitereinheiten, zusammen rund 1500 Mann) und sechs Kohorten (je 400 Legionäre), dazu 4000 bis 5000 Reit-, Zug- und Tragtiere mitsamt Zivilisten – marschiert durch die düsteren Wälder Germaniens.

Ein 20 Kilometer langer stählerner Lindwurm

Der stählerne Lindwurm zieht sich über eine Länge von 15 bis 20 Kilometern durch die Wälder. Als germanische Stammeskrieger urplötzlich aus dem Dickicht hervorbrechen und über mehrere Tage die Truppe attackieren, kommt es zur Katastrophe.

Mit dem römischen Heerführer Publius Quinctilius Varus werden die drei Legionen samt Hilfstruppen und Tross – zusammen rund 20 000 Mann, ein Achtel des Gesamtheeres im Römischen Reich – vernichtet. Varus stirbt wie seine höheren Offiziere durch sein eigenes Schwert, nachdem seine Armee komplett aufgerieben worden ist.

Die von den römischen Schrifstellern Cassius Dio (163-235 n. Chr.) und Tacitus (58-120 n. Chr.) als „Clades Vairana“ (Varus-Niederlage) bezeichnete Schlacht leitete das Ende der römischen Bestrebungen ein, die rechtsrheinischen Gebiete Germaniens (die sogenannte Fluvius Albis) zur Provinz zu machen. Die Schlacht gehört zu den wichtigsten Ereignissen der antiken Geschichte.

1987: Eine sensationelle Entdeckung in Kalkriese

Es war eine archäologische Sensation, als im Jahr 1987 bei Kalkriese erste Hinweise auf militärische Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen entdeckt wurden – 162 römische Münzen und drei Wurfgeschosse aus Blei.

Das Fundareal befindet sich 16 Kilometer nordöstlich von Osnabrück und 10 Kilometer östlich von Bramsche in der Kalkrieser-Niewedder Senke. Nach Aussage des Prähistorikers und Fachmanns für Provinzialrömische Archäologie, Wolfgang Schlüter, ist diese Senke „ein etwa 6 Kilometer langer und an der schmalsten Stelle rund 1 Kilometer breiter Engpass zwischen dem Großen Moor im Norden und dem Kalkrieser Berg, der dem Wiehengebirge vorgelagert ist, im Süden.“

Aufgrund einer Vielzahl an römischen Funden gilt Kalkriese als möglicher Ort der Varusschlacht oder einer anderen Auseinandersetzung der Römisch-Germanischen Kriege 14 bis 16 n. Chr.. Neben dem Römerlager Hedemünden, dem Fundplatz Bentumersiel, dem Marschlager von Wilkenburg und dem Harzhorn gehört das Gebiet zu den wenigen größeren römischen Fundstellen in Norddeutschland.

Was römische Historiker berichten

Die Suche nach dem sagenumwobenen Ort, an dem germanische Volksstämme unter Führung von Arminius den römischen Besatzern eine so vernichtende Niederlage zugefügt hatten, so dass diese sich wenige Jahre später aus allen Gebieten östlich des Rheins zurückzogen, schien endlich gefunden. Doch die Zweifel an der korrekten Bestimmung Kalkriese sind bis heute nicht verstummt.

Theorien rund um den Ort der Varusschlacht sind in einer großen Zahl seit Beginn des 16. Jahrhunderts entstanden, als die Werke „Germania“ (eine kurze ethnographische Schrift über die Germanen) und „Annales“ des römischen Historikers Tacitus wiederentdeckt wurden.

Mehr als 700 Theorien zum Ort der Varusschlacht

Nach den Überlieferungen weiterer römischer Historiker, allen voran Cassius Dio (163-235 n. Chr.), fand die wahrscheinlich viertägige Schlacht in Norddeutschland statt.

Die Hypothesen über die Marschroute und den Ort der Schlacht orientieren sich im Wesentlichen an der Nennung von Orts- und Flussnamen sowie der Beschreibung der Topografie durch die antiken Schriftsteller, sowie an Untersuchungen des damaligen Wegenetzes, an Flurnamen und an archäologischen Funden.

Harald von Petrikovits (1911-2010), Provinzialrömischer Archäologe an der Universität Bonn, bündelte im Jahr 1966 erstmals die Vielzahl der inzwischen mehr als 700 Theorien zum Schlachtort zu vier Einheiten:

Andere Forscher vermuten den Ort der Schlacht . . .

Fand die Varusschlacht tatsächlich in Kalkriese statt?

An dem historischen Faktum, dass die Varusschlacht stattgefunden hat, herrscht kein Zweifel. Doch sind sich die Experten seit Jahrzehnten uneinig über das genaue Wo. Viele Fragen lassen sich bis heute nicht abschließend klären:

5400 Kleinobjekte aus Kalkriese analysiert

Die Archäologin Uta Schröder hat in den vergangenen Jahren für ihre Dissertation erstmals 5400 Kleinobjekte aus Kalkriese – darunter über 1000 unveröffentlichte Artefakte – systematisch analysiert. Die Ergebnisse zeichnen ein sehr viel differenziertes und zugleich überraschend deutlicheres Bild der Ereignisse im Spätsommer oder Frühherbst des Jahres 9. n. Chr..

So viel steht fest: In der späten Regierungszeit von Kaiser Augustus (63. V. Chr. bis 14 n. Chr.) und unter seinem Nachfolger Tiberius (42 v. Chr. bis 37 n. Chr.) kam es in Kalkriese zweifellos zu einer großen militärischen Auseinandersetzung mit Beteiligung römischer Truppen. Die Präsenz römischer Infanterie- und Kavallerie-Einheiten lässt sich hier sicher nachweisen.

Zahlreiche Artefakte zeigen enge Verbindungen zu römischen Militärplätzen wie Haltern, Xanten, Anreppen oder Oberaden, weisen zugleich auf römische Rekrutierungsgebiete am Niederrhein und deuten eventuell sogar auf eine vormalige Stationierung einer der beteiligten Legionen in Spanien hin.

Zweifelsfreier archäologischer Beleg fehlt 

Aufgefundene Besitzer-Inschriften nennen einzelne Soldaten. Hinweise auf die Legio I Augusta und möglicherweise auch auf die Legio VIII Augusta könnten auf bislang kaum bekannte Truppenbewegungen der frühen Kaiserzeit in dem rechtsrheinischen Gebiet verweisen. Ein zweifelsfreier Beleg, dass es sich bei den Spuren in Kalkriese tatsächlich um die Varusschlacht handelt, fehlt aus archäologischer Sicht aber weiterhin.

Auch archäologische Hinweise auf Frauen und Kinder, die laut den Schriftquellen den Tross der Varus-Legionen begleiteten, sind nicht vorhanden. Zudem zeigt sich, dass frühere Fund-Konzentrationen oft weniger historische Vorgänge als vielmehr die Intensität archäologischer Untersuchungen widerspiegeln.

Landwirtschaftliche Eingriffe, Bodenbewegungen und ungleichmäßige Prospektionen und Grabungen hätten, so Uta Schröder, die Fundverteilung im Laufe der Jahrhunderte wesentlich beeinflusst.

„Einer der bedeutendsten archäologischen Schauplätze Europas“

Aus diesen Gründen plädiert Uta Schröder für eine Neubewertung der bisherigen Untersuchungsmethoden und für stärkere geologische und landwirtschaftliche Begleitforschungen, um die komplexe Kulturlandschaft rund um Kalkriese adäquat interpretieren zu können.

„Ob Varusschlacht oder ein anderes Gefecht der frühen Kaiserzeit: Kalkriese ist und bleibt einer der bedeutendsten archäologischen Schauplätze Europas, dessen Geschichte längst nicht abschließend erzählt ist und der auch künftig überraschende Erkenntnisse bereithalten wird“, resümiert Uta Schröder.

„Wichtig ist nur, dass es die Schlacht gegeben hat“

Stephan Berke, Lehrbeauftragter für Provinzialrömische Archäologie am Archäologischen Seminar der Universität Münster, lehnt numismatische Rückschlüsse – also Münzfunde – zur Eingrenzung des Schlachtorts Kalkriese ab. Er verweist auf geografische und geostrategische Darstellungen in den Berichten von Cassius Dio und Tacitus, die ihm zufolge eher gegen als für Kalkriese sprächen.

„Es ist für die Wissenschaft von eher untergeordnetem Interesse, wo 9. n. Chr. die Varusschlacht stattgefunden hat. Wichtig ist nur, dass es sie gegeben hat“, konstatiert Berke. Er glaubt, dass die eindeutige Zuschreibung Kalkrieses als Ort der Varusschlacht wissenschaftlich nicht haltbar sei.

Kalkriese sei zwar das bisher einzige gefundene römische Schlachtfeld aus dieser Zeit, deshalb sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass hier ein größeres Gefecht stattgefunden hat. „Aber die Münzfunde werden zur Bestätigung der Hypothese auf das Jahr genau und zwar eben auf das Jahr 9.n. Chr. datiert“, erklärt Berke. Das sei vom wissenschaftlichen Standpunkt aus nicht möglich.

„Wir haben bei allen Münzfunden eine zeitliche Unschärfe, die man nicht wegdiskutieren kann.“ Gerade in der Zeit von 2 bis 14 n. Chr., also im fraglichen Zeitraum, seien kaum Münzen geprägt worden, die sich genauer einordnen lassen.

Von wo aus maschierte die Varus-Armee los?

Berke zufolge kommt eine weitere Ungereimtheit hinzu: Laut Cassius Dio schlug Varus im Frühjahr Jahr 9. n. Chr. an der Weser zwischen Höxter und Minden sein Sommerlager auf. Der genaue Standort ist bis heute nicht gefunden worden. Von dort aus marschierte die Armee los.

Tacitus wiederum beschreibt den Weg des Germanicus, der 15. n. Chr. mit einigen wenigen Überlebenden der Varusschlacht das Schlachtfeld aufsuchte. Der römische General landete demnach an der Emsmündung, marschierte mit seinen Truppen südlich bis zu den äußersten Grenzen des Stammes der Brukterer. „Dort wo Ems und Lippe parallel laufen“, wie es bei Tacitus heißt.

Es handelt sich um ein Gebiet zwischen Münster, Detmold und Paderborn gelegen – rund 100 Kilometer südlich von Kalkriese. Von dort aus sei es bis zum Schlachtfeld nicht weit gewesen, erläutert Berke. Warum habe Germanicus einen Umweg so weit nach Süden machen sollen, wenn er doch genau wusste, wo das Schlachtfeld zu finden sei?

Gab es ein römisches Marschlager in Kalkriese?

Die Funde in Kalkriese könnten zudem auf ein römisches Marschlager hindeuten. Es würde, wenn man die übliche Form römischer Lager voraussetzt, rund sechs Hektar bedecken und Platz für 2000 bis 3000 Soldaten bieten. Damit wäre es deutlich zu klein für die Heere des Germanicus (16 n. Chr.: Schlacht am Angrivarierwall) und des Caecina (15 n. Chr.: Schlacht bei den Pontes longi).

Es würde jedoch gut zu einer späten Phase der mehrtägigen Varusschlacht passen, in welcher der größte Teil der drei Legionen des Varus bereits aufgerieben war. Deshalb könnte es sich beim Fundort Kalkriese tatsächlich um ein Kapitel, vielleicht sogar das finale dieser berühmten Schlacht handeln.

Letzter Zufluchtsort der Römer

Salvatore Ortisi, Provinzialrömischer Archäologe und Experte für die Varusschlacht an der Universität München, bestätigt diese Theorie. „In den Grabungsschnitten haben die Forscher eine provisorische römische Befestigungsanlage bestehend aus einer Wallanlage und vorgelagertem Graben lokalisiert.“

Gemeinsam mit Archäologen der Universität Osnabrück hatte Ortisi m Jahr 2017 Reste eines Lagers entdeckt, das so gar nicht den üblichen römischen Standards entspricht. „Defensiv angelegt und ausgestattet mit einem nach außen gerichtetem Graben nutzten die Römer anscheinend die Topografie des Geländes, um sich zu verschanzen.“

Aufgrund der Größe gehen die Archäologen davon aus, dass hier höchstens 2000 bis 3000 Legionäre Schutz gesucht hatten. Die Funde zeigten außerdem, dass an dieser Stelle auch Kämpfe stattfanden. „Das spricht womöglich dafür, dass wir es hier mit einem der letzten Gefechte zwischen den Römern und Germanen im Verlauf der Varusschlacht zu tun haben“, ist Ortisi überzeugt.