Vor sechs Jahren verschwunden

Warum der Vermisstenfall Scarlett so viele Menschen bewegt

Seit mittlerweile sechs Jahren bewegt der Fall der im Südschwarzwald verschwundenen Scarlett aus Ostwestfalen die Menschen. Ein Psychologe ordnet ein.

Warum der Vermisstenfall Scarlett so viele Menschen bewegt

Noch immer fehlt von Scarlett Salice jede Spur. Im Jahr 2020 verschwand die junge Frau aus dem ostwestfälischen Bad Lippspringe beim Wandern im Südschwarzwald.

Kaum ein Vermisstenfall im Südwesten sorgt seit Jahren für so viel öffentliches Aufsehen wie das Verschwinden der jungen Wanderin Scarlett vor sechs Jahren im Südschwarzwald.

Psychologe André Ilcin vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) erklärt dieses Phänomen mit Mechanismen der medialen Verstärkung sowie mit unterschiedlichen psychologischen Motiven derjenigen, die sich privat an der Suche beteiligen.

Ausschlaggebend sei dabei weniger der Fall selbst als die Art und Weise, wie er medial immer wieder aufgegriffen und über soziale Netzwerke präsent gehalten werde. Dieser sogenannte Moderatoreffekt sorge dafür, dass eine Geschichte im kollektiven Bewusstsein bleibe. „Dadurch kommt das Kollektiv in das Gefühl, dass das ein wichtiger Fall sein muss“, sagte Ilcin. Der Einzelne verspüre daraufhin den Drang, sich ebenfalls damit zu beschäftigen, weil sich scheinbar alle anderen auch dafür interessierten.

Verschiedene Gruppen von Menschen an Suche beteiligt

Bei den Privatpersonen, die sich neben der Polizei aktiv an der Suche beteiligen, lassen sich laut dem Psychologen mehrere Gruppen unterscheiden. Einige Menschen handelten aus Mitgefühl, andere treibe ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn an - verbunden mit dem Wunsch, Kontrolle über eine unübersichtliche oder unaufgeklärte Situation sowie öffentliche Anerkennung zu erlangen.

Eine dritte Gruppe folge rein monetären Motiven: Bei einer ausgelobten Belohnung, wie sie im Fall Scarlett inzwischen bei 100.000 Euro liege, tauchten regelmäßig sogenannte Kopfgeldjäger auf.

Eine wichtige Rolle spiele zudem die regionale Verbundenheit: Menschen aus der Gegend, in der jemand verschwunden sei, empfänden ein starkes Gefühl von Heimat und Zusammengehörigkeit - vergleichbar mit dem Engagement in freiwilligen Feuerwehren oder anderen Vereinen. „Da entsteht eine Verbundenheit: Wir suchen alle mit“, so Ilcin. 

Dieses Gefühl trage maßgeblich dazu bei, dass sich ganze Gemeinschaften über Jahre an der Suche beteiligten, während vergleichbare Fälle in anderen Regionen kaum Beachtung fänden.

Die damals 26-jährige Scarlett aus dem ostwestfälischen Bad Lippspringe war im September 2020 in Todtmoos zur letzten Etappe ihrer Wandertour aufgebrochen - und kam nie an ihrem Ziel an.