Seit Ende der 1980er Jahre liegt die „Komsomolez“ auf dem Meeresgrund. Nun zeigen neue Messungen an dem gesunkenen sowjetischen Atom-U-Boot alarmierende Werte. Trotzdem geben Forscher für die großen Fischbestände vorerst Entwarnung.
Das sowjetische Atom-U-Boot „Komsomolez“ liegt seit 1989 am Grund des Nordatlantik – mit zwei nuklearen Sprengköpfen an Bord.
Von Markus Brauer
Der Meeresboden ist übersät mit Relikten von Kriegen und militärischer Aufrüstung. Neben unzähligen Schiffswracks aus allen Epochen der maritimen Geschichte liegen auf dem Grund der Ozeane Millionen Tonnen Munition, Torpedos, Minen und chemische Kampfstoffe.
Gefährliche Wracks auf dem Meeresboden
Eine ökologische Zeitbombe: Weil das Meerwasser die Hüllen dieser Hinterlassenschaften korrodiert, werden sie mit zunehmendem Alter zu einer Gefahr für die Flora und Fauna in den Meere – und letztlich auch für den Menschen.
Das gilt besonders für die stählernen Wracks von atomgetrieben Unterseebooten, von denen viele ebenfalls schon seit Jahrzehnten in der Tiefe verrotten.
Warum die „Komsomolez“ sank
Eines dieser gesunkenen Atom-U-Boote ist die „Komsomolez“. Dieses in den 1970er Jahren gebaute und 1984 in Dienst gestellte sowjetische Atom-U-Boot sank im 7. April 1989 bei einer Tauchfahrt in der Norwegischen See. Das Prototyp-Boot K-278 blieb das einzige Boot dieser Klasse. An Bord waren neben dem Atomreaktor auch zwei mit nuklearen Sprengköpfen bestückte Torpedos.
Das Boot befand sich zwischen Norwegen und Spitzbergen in einer Tiefe von 150 bis 380 Metern, als im Heck – dem hinterne Teil der Stahlröhre – ein Ventil einer Hochdruckluftleitung, welche die Hauptballasttanks des Bootes verband, platzte und austretendes Öl auf einer heißen Oberfläche Feuer fing.
„Es wird vermutet, dass die Leitung zum Backbord-Ballasttank versagte, wodurch Hochdruckluft in Schott 7 eindrang und das Feuer sich explosionsartig ausbreitete“, schreiben die Autoren. Das U-Boot erreichte zwar die Oberfläche, doch das Feuer verursachte ein Leck und das Boot sank.
Reaktor wurde notabgeschaltet
Die Besatzung konnte den Reaktor zwar noch notabschalten. Die Systeme der „Komsomolez“ waren aber so beschädigt, dass nach wenigen einigen Stunden die Hülle brach und das Boot sank.
Ein Großteil der Besatzung konnte das Boot noch rechtzeitig verlassen. Der Kommandant sowie vier weitere an Bord verbliebene Besatzungsmitglieder versuchten, sich mit der Notfallkapsel zu retten. Da diese aber teilweise geflutet und mit giftigen Gasen gefüllt war, überlebte nur einer den Notausstieg.
Zwar hatte die Besatzung um Hilfe gefunkt und beim Notausstieg aus dem Boot waren schon Rettungsflugzeuge vor Ort, um Rettungsinseln abzuwerfen, doch waren nicht genug für die 50 Männer vorhanden. Nur 27 der 69 Menschen an Bord überlebten. Die meisten starben durch Unterkühlung im kalten Wasser des Atlantiks
Nukleare Material steht in direktem Kontakt mit Meerwasser
Doch was geschah mit den Atomsprengköpfen und dem Schiffreaktor? Erste Analysen in 1680 Meter Tief liegenden Wracks ließen Schlimmes erahnen. „Es wurden Schäden an der äußeren und inneren Druckhülle direkt über den Torpedoraum beobachtet“, berichten Forscher um Justin Gwynn von der norwegischen Atomsicherheitsbehörde in Tromsø. „Es wurde berichtet, dass das nukleare Material der Sprengköpfe in direktem Kontakt mit Meerwasser stand.“
Im Jahr 1994 dichtete Russland den Torpedoraum der „Komsomolez“ notdürftig ab. Ferngesteuerte Tauchroboter füllten ihn teilweise auf und platzierten Titanplatten über den Löchern in der Bordwand. Messungen zeigten damals den Austritt von radioaktivem Cäsium, Cobalt und Strontium aus den Sprengköpfen sowie aus einer Ventilatoröffnung des Reaktorraums.
Tauchgang zum Wrack 30 Jahre später
Wie der Zustand des Atom-U-Boots 30 Jahre später ist und wie viel radioaktive Substanzen immer noch austreten, hatten Gwynn und sein Team im Jahr 2019 mithilfe eines ferngesteuerten Tauchroboters genauer untersucht. Sie erstellten 3D-Sonarscans und Kameraaufnahmen des Wracks und nahmen Proben direkt am beschädigten Torpedoraum, am Metallgitter der Reaktor-Ventilationsöffnung und vom umgebenden Meeresboden.
Die Abdichtung des Torpedoraums scheint demnach noch dicht zu sein. „Wir haben keine Hinweise auf Plutonium aus den Atomsprengköpfen in der Umgebung des beschädigten vorderen U-Boot-Teils gefunden“, berichten die Forscher. Die Werte von Plutonium und anderen radioaktiven Abbauprodukten in diesen Wasserproben entsprachen dem für diese Meeresregion typischen Hintergrundwert, wie die Analysen ergaben.
Korrodierter U-Boot-Reaktor leckt
Doch das war es auch schon mit den guten Nachrichten. Denn der Atomreaktor des U-Boots gibt radioaktives Material an das Meerwasser ab. In Wasserproben von der Ventilationsöffnung des Reaktorraums fand das Team sowohl erhöhte Plutoniumwerte als auch erhöhte Werte der radioaktiven Abbauprodukte Cäsium-137 und Strontium-90.
„Die höchste kombinierte Radioaktivität von Plutonium-239 und Plutonium-240 wurde direkt über dem Metallgitter gemessen. Sie lag mit 54.500 Milli-Becquerel pro Kubikmeter um zwei Größenordnungen höher als in jeder anderen Partikelprobe“, schreiben die Wissenschaftler. Die Konzentrationen von radioaktivem Cäsium und Strontium lagen rund 400.000- und 800.000-fach höher als die typischen Werte für die Norwegische See.
Welche Folgen hat das für das Meer?
„Unsere Studie zeigt damit, dass der Atomreaktor der ‚Komsomolez‘ noch immer radioaktive Substanzen freisetzt“, erläutern die Forscher. „Wahrscheinlich halten diese Freisetzungen schon seit 30 Jahren an und werden auch in Zukunft weitergehen.
Und dennoch: Proben des umgebenden Sediments erweisen sich als weitgehend unauffällig. „Es gibt wenig Belege für eine Anreicherung von radioaktiven Substanzen in der nahen Umgebung des Atom-U-Boots.“ Die freigesetzten Radionuklide werden offenbar sehr schnell durch das umgebende Meerwasser verdünnt.
„Komsomolez“ nur eines unter vielen Wracks
Die ‚Komsomolez‘ biete eine einmalige Gelegenheit, die Risiken und Konsequenzen von gesunkenen oder versenkten Atomreaktoren besser zu verstehen, resümieren die Forscher.
„Angesichts der globalen Zunahme militärischer Aktivitäten und geopolitischer Spannungen, kann uns die ‚Komsomolez‘ wichtige Erkenntnisse dazu liefern, welche Auswirkungen zukünftige Unglücke von atomar betriebenen Seefahrzeugen und nuklearen Waffen auf See haben könnten.“ (mit dpa-Agenturmaterial)
Wie tief können U-Boote tauchen?
U-Boote Unterseeboote – kurz U-Boote – sind Spezialschiffe, die für Fahrten unter Wasser konstruiert sind. Wegen ihres Aufbaus können sie im Wasser schwimmen, unter Wasser schweben, sinken oder steigen. Erreicht werden diese Eigenschaften durch Tauchzellen oder Tauchtanks, in denen sich als Ballast Wasser befindet. Wie tief ein U-Boot tauchen kann, hängt von seiner Konstruktion und seinem Einsatzzweck ab.
Tauchtiefe In der folgenden Übersicht stellen wir einige U-Boote und ihre unterschiedlichen Tauchtiefen vor:
12 bis 20 Meter Bei herkömmlichen U-Booten aus dem Zweiten Weltkrieg betrug die Sehrohrtiefe – in der Regel gemessen als Strecke vom Kiel des Boots bis zur Wasseroberfläche – zwischen 12 und 20 Metern. Sie ist abhängig von der Höhe des U-Bootes, die zwischen 7 und 10 Metern betrug.
130 Meter
200 Meter Die meisten modernen U-Boote sind für das Eintauchen in eine Tiefe von 200 Metern ausgelegt.
250 bis 400 Meter Die U-Boote der Klasse 212 A/U 31-Klasse gehören zu den modernsten U-Boote der Bundesmarine. Sie erreichen eine Tauchtiefe von 250 bis maximal 400 Metern.
300 bis 450 Meter
800 Meter Rettungs-U-Boote können Tiefen von über 800 Metern standhalten. Die Besatzung der Tiefseefahrzeuge hält sich in einem kugelförmigen Druckkörper auf.
900 Meter Spezielle sowjetische Atom-U-Boote hatten Titan-Druckrümpfe und konnten bis zu einer Tiefe von bis zu 900 Metern tauchen.
1027 Meter
1370 Meter 1370 Meter Tiefe erreichten die Tiefsee-Pioniere Otis Barton und William Beebe im Jahr 1948 mit ihrer Bathysphäre – einer an einem Kabel hängenden stählernen Kugel. Bereits 1934 hatten sie mit der Kugel einen Tauchrekord von 923 Metern Tiefe aufgestellt.
4500 Meter So tief kommt das amerikanische Forschungstauchboot „Alvin“. Mit ihm entdeckten Wissenschaftler 1977 in mehr als 2000 Metern Tiefe vor den Galapagos-Inseln die sogenannten Schwarzen Raucher – kaminartige Hydrothermalquellen am Ozeanboden.
6000 Meter In diese Tiefe kann der Tauchroboter „Victor 6000“ vorstoßen und dort mehrere Tage lang arbeiten. Er hilft bei der Erforschung des Meeresbodens der Arktis.
6500 Meter Eines der bekanntesten Tauchboote ist das Tiefsee-U-Boot „Alvin“ der US-Marine, das bis zu 6500 Meter tauchen kann. Mit ihm wurde 1986 auch der Tauchgang zum Wrack der „Titanic“ in mehr als 3800 Metern unternommen.
7000 Meter Das chinesische Tiefsee-U-Boot „Jiaolong“ kann Tiefen von mehr als 7000 Meter erreichen.
10.898 Meter Am 26. März 2012 erreichte der US-Regisseur James Cameron („Titanic“) mit seinem Boot „Deepsea Challenger“ alleine und erst als dritter Mensch in einer Tiefe von 10.898 Metern den Grund des Challengertiefs im Marianengraben im Pazifik, den mutmaßlich tiefsten Punkt der Weltmeere.
10.912 Meter Spezielle zivile Tiefsee-U-Boote können jeden Punkt des Meeresbodens erreichen. Lange Zeit hielten Jacques Piccard und Don Walsh mit dem Tauchboot „Trieste“ den Rekord. Am 23. Januar 1960 schafften sie es, 10.912 Meter tief zu tauchen. Die Bathyscaph-Boote Piccards bestanden aus einem großen Behälter für Ballast und Auftriebsbenzin oberhalb des Druckkörpers.
10.928 Meter Erst 2019 wurde Picards Rekord von dem amerikanischen Abenteurer Victor Vescovo gebrochen, der mit seinem Spezialtauchboot „DSV Limiting Factor“ 16 Meter tiefer auf 10.928 Meter tauchte.