Punch der Affe

Warum die Makakenmutter ihr Baby verstoßen hat

Er klammert sich an einen Plüsch-Orang-Utan, wird von seiner Gruppe weggestoßen und rührt Millionen Menschen im Netz. Aber warum verstoßen Makakenmütter ihre Babys? Was hinter der rührenden Geschichte steckt.

Warum die Makakenmutter ihr Baby verstoßen hat

Die Geschichte des kleinen Makaken Punch berührt weltweit: Ein Affenbaby, das von seiner Mutter verstoßen wurde und nun mit einem Plüsch-Orang-Utan Trost sucht. Doch warum verstoßen Makakemmütter ihre Kinder?

Von Matthias Kemter

Die Bilder des kleinen Makaken-Affen Punch aus dem Ichikawa City Zoo bei Tokio in Japan gingen um die Welt. Ein sieben Monate altes Affenbaby, das sich an einen braunen Plüsch-Orang-Utan klammert, nachdem es von Artgenossen verstoßen wurde. Millionen Menschen reagierten emotional. Doch hinter der rührenden Geschichte steckt vor allem eine Frage: Warum hat seine Mutter ihn überhaupt verstoßen?

Eine schwere Geburt und keine Bindung

Punch kam im Juli 2025 zur Welt. Nach Angaben aus dem Zoo verlief die Geburt schwierig. Seine Mutter zeigte anschließend kein Interesse an dem Jungtier. Statt es zu säugen und bei sich zu tragen, wie es bei Makaken üblich ist, ließ sie es unbeachtet. Für ein Affenbaby ist das lebensgefährlich. Makakenbabys klammern sich normalerweise direkt nach der Geburt an das Fell ihrer Mutter. So fühlen sie sich sicher, bauen Muskeln auf und lernen soziale Signale. Weil Punch nicht angenommen wurde, mussten Tierpfleger eingreifen und ihn per Hand aufziehen, damit er nicht verhungert.

Warum Affenmütter ihre Jungen ablehnen

Dass eine Affenmutter ihr Junges nicht annimmt, kommt vor, allerdings deutlich häufiger in Gefangenschaft als in freier Wildbahn. Die deutsche Primatologin Michi Schreiber erklärt, dass Stress dabei eine zentrale Rolle spielt. In Zoos leben Tiere auf engem Raum, können sich Konflikten schlechter entziehen und sind stärker äußeren Reizen ausgesetzt. Das Stressniveau ist oft höher als in freier Natur. Hinzu kommt: Eine schwierige Geburt kann die Mutter-Kind-Bindung beeinträchtigen. Bleibt die erste intensive Kontaktphase aus oder ist sie gestört, kann es passieren, dass die Mutter das Jungtier nicht als eigenes erkennt oder keine Bindung aufbaut.

Fehlende „Sozialschule“ rächt sich

Im Januar setzten die Pfleger Punch wieder in die Makakengruppe. Doch dort begann das nächste Problem. Er wurde geschlagen, verscheucht und teils grob behandelt. Videos zeigen, wie ältere Tiere ihn wegstoßen oder über den Boden ziehen. Ein wahrscheinlicher Grund liegt in seiner Aufzucht. Weil seine Mutter ihn nicht großgezogen hat, fehlte Punch die frühe „Sozialschule“. In hierarchisch organisierten Makakengruppen lernen Jungtiere von der Mutter, wie man sich anderen nähert, wann man Abstand hält und welche Signale Unterordnung ausdrücken. Ohne diese Lektionen kann ein Jungtier schnell anecken.

Der Plüsch-Orang-Utan als Ersatzmutter

Um Punch zu beruhigen, gaben ihm die Tierpfleger einen braunen Orang-Utan aus Stoff. Das Tier klammerte sich sofort daran. In vielen Videos ist zu sehen, wie Punch das Kuscheltier umarmt, dessen Arme um sich legt oder Schutz sucht, wenn andere Makaken ihn bedrängen. Aus verhaltensbiologischer Sicht ist das nicht überraschend. Jungtiere suchen Halt an weichen, greifbaren Objekten, wenn die Mutter fehlt. Der Plüsch-Orang-Utan erfüllte für Punch offenbar die Funktion eines Ersatzankers.

Erste Annäherungen, aber noch kein Happy End

Inzwischen gibt es vorsichtige positive Signale. Aufnahmen zeigen, dass einzelne ältere Tiere Punch dulden, neben ihm sitzen oder ihn lausen. Das gegenseitige Fellpflegen ist bei Primaten mehr als Hygiene, es festigt soziale Bindungen. Dennoch warnen Fachleute vor vorschnellem Optimismus. Einzelne Gesten bedeuten noch keine vollständige Integration in die Gruppe. Entscheidend wird sein, ob Punch langfristig akzeptiert wird, Zugang zu Futter ohne Aggression erhält und stabile soziale Kontakte aufbaut.

Ein Internet-Hype mit Nebenwirkungen

Während Punch im Gehege um Anschluss ringt, wurde er online zum Star. Unter Hashtags wie „Hang in there, Punch“ bekunden Nutzer weltweit Mitgefühl. Das von ihm genutzte Ikea-Kuscheltier wurde zum Verkaufsschlager, in manchen Regionen war es zeitweise ausverkauft. Der Zoo sah sich wegen des Besucherandrangs sogar gezwungen, Regeln zu erlassen und die Aufenthaltsdauer am Gehege zu begrenzen, um Stress für die Tiere zu vermeiden. Sogar fragwürdige Kaufangebote für das Affenbaby machten in sozialen Netzwerken die Runde. Ein weiteres Beispiel dafür, wie schnell emotionale Tiergeschichten kommerzialisiert werden.

Warum der Fall Punch berührt

Makaken teilen einen Großteil ihrer Gene mit dem Menschen. Sie zeigen Nähe, suchen Trost und reagieren sensibel auf Ausgrenzung. Viele Menschen erkennen in Punch Verhaltensweisen, die sie aus eigenen Erfahrungen kennen. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, Schutz bei Vertrautem zu suchen. Doch jenseits der Emotion bleibt die nüchterne Erklärung: Eine schwierige Geburt, Stress in Gefangenschaft und fehlende frühe Bindung haben dazu geführt, dass Punch ohne mütterliche Fürsorge aufwuchs, mit spürbaren Folgen für seine soziale Entwicklung. Ob er dauerhaft seinen Platz in der Gruppe findet, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Für den Moment sind es vorsichtige, kleine Schritte und ein Stoff-Orang-Utan, der ihm noch immer Sicherheit gibt.