Nach antisemitischen Skandalen ist US-Skandalrapper Kanye West in Großbritannien unerwünscht. Ein Festival mit ihm wird abgesagt. Was steckt dahinter - und wie steht es um weitere Auftritte in Europa?
US-Skandalrapper Kanye West darf nicht nach London reisen. (Archivbild)
Von Von Jan Mies und Serhat Koçak, dpa
London - Kanye West bewarb T-Shirts mit Hakenkreuz, veröffentlichte einen Song mit dem Titel "Heil Hitler" und bezeichnete sich in den sozialen Netzwerken selbst als "Nazi". Zwar hatte er zu Beginn des Jahres im renommierten "Wall Street Journal" in einer ganzseitigen Anzeige um Entschuldigung gebeten - doch in Großbritannien einreisen, geschweige denn auftreten, darf der 48-Jährige vorerst nicht. Die wichtigsten Fragen in der Diskussion.
Was ist passiert?
Der Rapper, der mittlerweile unter dem Namen Ye firmiert, sollte in diesem Sommer (10. bis 12. Juli) beim Wireless Festival im Londoner Finsbury Park an allen drei Abenden als Headliner auftreten. Die Ankündigung sorgte im Vereinigten Königreich, das mit antisemitischen Straftaten zu kämpfen hat, für Kritik und Entrüstung. Am Dienstag entschied das Innenministerium, die Genehmigung für die am Montag beantragte elektronische Einreisegenehmigung (ETA) des US-Musikers zu verweigern. Wests Anwesenheit sei dem öffentlich Wohl nicht förderlich, hieß es.
Welche Folgen hat die Entscheidung?
Das Festival wurde nicht einmal eine Stunde nach der Entscheidung komplett abgesagt, die Tickets werden zurückerstattet. Die Organisatoren hatten die Buchung des Rappers zuvor verteidigt und mitgeteilt, alle weiteren Beteiligten hätten bei der Planung keine Einwände gehabt.
Allerdings hatten sich bereits im Verlauf des Osterwochenendes mehrere Sponsoren zurückgezogen. Inwieweit die Geldgeber zuvor ihre Zustimmung gegeben haben, ist bislang nicht aufgeklärt. Premierminister Keir Starmer sagte, West hätte nie eingeladen werden dürfen.
Wer ist Kanye West?
Kanye Omari West zählt zu den einflussreichsten und zugleich polarisierendsten Künstlern der Musikindustrie. Der 1977 in Atlanta geborene und größtenteils in Chicago aufgewachsene US-Rapper wurde zunächst als Produzent bekannt, bevor er mit seinem Debütalbum "The College Dropout" den internationalen Durchbruch als Solokünstler schaffte.
In den folgenden Jahren prägte West den Hip-Hop maßgeblich mit. Alben wie "Graduation", "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" oder "Yeezus" gelten laut Branchenmedien als stilbildend und wegweisend für eine ganze Generation von Künstlern. So wurde West im Laufe seiner Karriere mit 21 Grammys ausgezeichnet und zählt damit zu den erfolgreichsten Künstlern in der Geschichte des wichtigsten Musikpreises. Im Hip-Hop gehört er mit Rapper Jay-Z zu den meistprämierten Künstlern. Neben seiner Musikkarriere war West auch als Modeunternehmer erfolgreich.
Welche Kontroversen hat West bislang ausgelöst?
Kanye West hat in den vergangenen Jahren wiederholt für Kontroversen gesorgt – insbesondere durch öffentliche Äußerungen und Auftritte. Im Mittelpunkt der Kritik stehen antisemitische Aussagen, die international für Empörung sorgten. Dabei handelt es sich um mehrere Vorfälle, die in Politik, Öffentlichkeit und Musikbranche scharf verurteilt wurden.
2020 bewarb sich West für das Amt des US-Präsidenten. Wegen verpasster Anmeldefristen schaffte er es jedoch in den meisten Bundesstaaten nicht auf den Wahlzettel. Zudem war er einer von wenigen populären Künstlern, die den früheren und heutigen US-Präsidenten Donald Trump öffentlich unterstützen. In Erinnerung bleibt dabei sein Besuch im Oval Office mit roter "MAGA"-Cap.
Im Oktober 2022 trug er auf der Pariser Fashion Week ein T-Shirt mit der Aufschrift "White Lives Matter", den Anti-Rassismus Organisationen als rassistische Reaktion auf die "Black Lives Matter"-Bewegung einstufen. Mehrere Unternehmen beendeten Kooperationen mit dem Musiker, darunter auch Adidas. Der Sportartikelhersteller stellte die Produktion seiner Marke "Yeezy" ein.
Im "Wall Street Journal" bat West im Januar auf einer ganzen Seite um Entschuldigung. "Ich bin weder ein Nazi noch ein Antisemit", schrieb der Ex-Ehemann von Kim Kardashian und führte seine früheren Äußerungen auf eine bipolare Störung zurück.
Ist die Einreiseverweigerung ein Präzedenzfall?
Nein, die Regierung hatte bereits bei anderen Musikern ähnliche Maßnahmen ergriffen. Mit einem Einreiseverbot belegt wurde dem Sender Sky News zufolge unter anderem Lil Wayne (43) wegen dessen Gefängnisstrafe 2010 wegen Waffenbesitzes und Chris Brown (36) nach Angriffen auf seine Ex-Freundin Rihanna 2009. Brown ist in Großbritannien mittlerweile wegen anderer Vorwürfe angeklagt, er hatte im Vereinigten Königreich aber wieder Konzerte gegeben.
Wie steht es um Wests weitere Konzerte in Europa?
Geplant sind noch mehrere Auftritte in mehreren Ländern. Am 30. Mai tritt West in Istanbul auf, dann am 6 und 8. Juni in Arnheim an der niederländisch-deutschen Grenze. Nach der Entscheidung von Großbritannien spricht sich nun auch die christdemokratische Regierungspartei CDA für ein Einreiseverbot aus. "In den Niederlanden ist kein Platz für Antisemitismus, auf keiner Bühne", sagte der CDA-Abgeordnete Tijs van den Brink in Den Haag.
Der Arnheimer Bürgermeister Ahmed Marcouch sieht bisher keinen rechtlichen Grund, die Konzerte zu verbieten. "Als Bürgermeister habe ich die Aufgabe zu prüfen, ob eine Veranstaltung ein ernsthaftes Risiko für die Störung der öffentlichen Ordnung mit sich bringt. Nur dann kann ich eine Demonstration oder in diesem Fall einen Auftritt untersagen", sagte er. Sollte es zu antisemitischen Äußerungen beim ersten Konzert kommen, könnte der zweite Auftritt verboten werden.
Es folgen Konzerte in Marseille (11. Juni), Reggio Emilia (18. Juli), Madrid (30.) und in der Gemeinde Loulé im Süden Portugals (7. August). In Marseille opponierte der Bürgermeister, Benoît Payan, auf der Plattform X: "Ich weigere mich, dass Marseille eine Vitrine für diejenigen ist, die Hass und hemmungslosen Nazismus fördern." Konkrete Auswirkungen gab es aber bislang nicht. Auch in den anderen Städten war – wenn überhaupt – bislang nur vereinzelte Kritik zu hören.
Der Musiker fiel mehrfach mit rassistischen und antisemitischen Aussagen auf. (Archivbild)
Der Rapper wollte einst Präsident der Vereinigten Staaten werden. (Archivbild)