Mangelnde Konzentration

Warum man beim Autofahren besser nicht sprechen sollte

Wer Auto fährt und sich dabei unterhält, ist nicht nur mental abgelenkt, sondern bewegt auch seine Augen langsamer, zeigt eine neue Studie.

Warum man beim Autofahren besser nicht sprechen sollte

Handy am Ohr während des Autofahrens: Es könnte das letzte Gespräch im Leben sein.

Von Markus Brauer

Eigentlich ist es eine Binsenwahrheit: Wer beim Autofahren telefoniert oder mit einem Beifahrer spricht, ist abgelenkt. Wahrscheinlich stellen sich nur wenige die Frage, warum das so ist.

Die Erklärung: Das Gehirn des Fahrers ist so sehr mit sprachbezogenen Prozessen im Gehirn beschäftigt, dass er bei plötzlichen Ereignissen im Straßenverkehr verzögert auf andere Anforderungen wie motorische Reaktionen reagiert. So bremsen abgelenkte Autofahrer langsamer, weichen weniger abrupt aus und nehmen die Fahrsituation insgesamt weniger bewusst wahr, wie Studien gezeigt haben.

Den Reaktionen geht voraus, dass der Fahrer seine Umgebung genau taxiert, kontinuierlich visuelle Informationen sammelt und verarbeitet – also konzentriert bei der Sache ist. Für ein sicheres Fahren sind schnelle und präzise visuelle Einschätzungen der Verkehrslage unerlässlich. Letztendlich entscheiden sie über Leben oder Tod. Unklar war bislang aber, ob diese visuelle Prozesse durch das Sprechen ebenfalls beeinträchtigt werden oder nur die nachfolgenden Reaktionen.

Augenbewegungen im Test

Dieser wichtige Frage sind nun Forscher um Takuya Suzuki von der Fujita Health University im japanischen Toyoake nachgegangen. Sie haben untersucht, wie Sprechen die zeitlichen Dynamiken des Blickverhaltens verändert.

Frühere Experimente haben ergeben, dass Sprechen eine starke kognitive Belastung darstellt, die Augenbewegungen verzögern kann. „Wir haben untersucht, ob diese Auswirkungen auf das Blickverhalten je nach Richtung der Augenbewegung variieren“, erklärt Seniorautor Shintaro Uehara von der Fujita Health University im Fachjournal „PLOS One“.

Langsamere und ungenauere Blicke

30 Testpersonen müssten für die Experimente sich Eye Tracking unterziehen. Dabei handelt es sich um eine Sensortechnologie, welche die Position und Bewegung der Augen misst und aufzeichnet. Ein Eye Tracker ist ein Gerät, mit dem man feststellen kann, wohin man schaut oder was man sieht – auch bekannt als Blickpunkt.

Die Auswertung ergab: Bei allen Teilnehmern waren die Augenbewegungen verlangsamt, wenn sie sich nebenbei unterhielten. Die Verzögerungen betrafen drei zeitliche Komponenten des Blickverhaltens:

Sprechen stört ergo sowohl die Blickgeschwindigkeit als auch die Blickgenauigkeit. Das galt beim Bildschirmtest für alle Richtungen, aus denen das Ziel auftauchte. Die benötigte Reaktionszeit war allerdings zusätzlich etwas größer für Positionen im unteren Blickfeld. Unter realen Fahrbedingungen wäre das der unmittelbar vorliegende Straßenabschnitt.

Antworten ist anstrengender als Zuhören

Beim reinen Zuhören sowie bei der Kontrolle ohne Sprechen oder Zuhören trat hingegen keiner dieser drei Verzögerungseffekte auf. Die kognitive – also gedankliche – Anstrengung besteht demnach nicht im Zuhören, sondern vor allem darin, beim Sprechen konzentriert nach Antworten zu suchen und zu geben, resümiert das Team.

Diese Anstrengung überlagert sich mit den neuronalen Prozessen zur Blickkontrolle. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die kognitiven Anforderungen, die mit dem Sprechen verbunden sind, mit den neuronalen Mechanismen interferieren, die für die Initiierung und Kontrolle von Augenbewegungen verantwortlich sind, welche die entscheidende erste Stufe der visuomotorischen Verarbeitung während des Fahrens darstellen“, erläutert Uehara.

Gefahr für den Straßenverkehr

Die Forscher heben hervor, dass die verlorene Zeit von addiert rund 20 Millisekunden beim Sprechen ausreicht, um Gefahren während des Fahrens schlechter zu erkennen und verlangsamt darauf zu reagieren.

Fahrer nehmen beispielsweise Ampeln, Verkehrszeichen und andere Autos, vor allem aber kleine Fußgänger wie Kinder oder Gegenstände auf der Straße langsamer wahr. Durch ihre Gespräche riskieren sie daher sich selbst und andere Personen im Straßenverkehr.

Appell an die Eigenverantwortung der Fahrer

Gespräche per Telefon oder mit Mitfahrern sind natürlich nur eine Ablenkung von vielen. Doch Sprechen reicht der Studie zufolge schon aus, um die körperlichen Reaktionen hinter dem Steuer bedeutend zu verlangsamen, wie das Experiment belegt.

Da die visuelle Verarbeitung im Gehirn am Anfang der gesamten Reaktionskette steht, untergraben Gespräche die Fahrleistung allerdings auf eine sehr subtile und grundlegende Weise, die für die Fahrer selbst nicht sofort offensichtlich ist.

Autofahrer sollten sich daher den Unfallrisiken bewusst sein, die durch Gespräche hinterm Steuer entstehen, um die öffentliche Sicherheit nicht zu gefährden. Fahrer sollten dafür zum einen selbst mehr darauf achten, während der Fahrt möglichst wenig zu sprechen.