Flugzeug-Absturz Florida

Warum raste der Privatjet fast senkrecht zu Boden?

Neun Menschen sterben, als ein Privatjet in Florida nahezu senkrecht vom Himmel stürzt. Kurz zuvor meldete die Pilotin Vereisung und Turbulenzen. Flugdaten zeigen einen extremen Sinkflug. Was könnte hinter dem plötzlichen Absturz stecken?

Warum raste der Privatjet fast senkrecht zu Boden?

Flugzeug-Absturz Florida: Ein Privatjet raste fast senkrecht zu Boden. Neun Menschen starben. Waren Vereisung und Turbulenzen die Ursache?

Von Matthias Kemter

West Palm Beach (USA) – Es sind erschreckende Bilder: Ein Privatjet rast nahezu senkrecht auf die Erde zu, schlägt neben einer viel befahrenen Straße ein und explodiert in einem gewaltigen Feuerball. Alle neun Menschen an Bord sterben bei dem Flugzeugabsturz am Sonntag (1. November) im US-Bundesstaat Florida. Besonders rätselhaft: Noch kurz zuvor befand sich die Maschine vom Typ Learjet 60 in rund elf Kilometern Höhe. Dann geriet der Jet plötzlich in einen extremen Sinkflug. Innerhalb kürzester Zeit verlor das Flugzeug Tausende Meter an Höhe. Was brachte die Maschine so abrupt außer Kontrolle?

Flugzeug-Absturz in Florida: Privatjet verlor in Sekunden Tausende Meter an Höhe

Die Flugdaten des Portals Flightradar24 geben erste Hinweise auf den dramatischen Verlauf des Unglücks. Demnach befand sich der Learjet 60 mit der Kennung N722BD auf dem Weg von Austin im US-Bundesstaat Texas zu den Bahamas. Gegen 12:48 Uhr Ortszeit stieg das Flugzeug zunächst leicht an. Kurz darauf ging es in eine steile Rechtskurve und verlor rapide an Höhe. Die aufgezeichnete Sinkgeschwindigkeit überschritt zeitweise 32.000 Fuß pro Minute. Das entspricht rund 9750 Metern pro Minute oder rechnerisch mehr als 160 Metern pro Sekunde.

Zum Vergleich: Bei einem normalen Sinkflug verliert ein Verkehrsflugzeug häufig etwa 300 bis 600 Meter pro Minute an Höhe. Die letzte von Flightradar24 empfangene Höhenangabe lag bei etwa 2670 Metern. Wenig später schlug die Maschine im Bezirk Palm Beach auf. Die Daten zeigen, wie außergewöhnlich heftig der Sinkflug war. Warum es dazu kam, lässt sich daraus allein jedoch nicht bestimmen.

Pilotin meldete Eis am Flugzeug und starke Turbulenzen

Besonders im Fokus stehen die letzten Funksprüche aus dem Cockpit. Nach Auswertung der von LiveATC aufgezeichneten Kommunikation meldete die Besatzung zunächst Vereisung und mäßige Turbulenzen. Die Pilotin erklärte dem Fluglotsen, dass die Eisbildung noch beherrschbar sei. Anschließend berichtete die Crew von Niederschlag und bat darum, auf eine größere Höhe steigen zu dürfen. Doch kurz nach der entsprechenden Freigabe entwickelte sich die Situation dramatisch. Die Pilotin setzte einen Notruf ab und meldete eine Sinkgeschwindigkeit von zunächst 10.000 Fuß pro Minute. Wenige Sekunden später waren es bereits 20.000 Fuß. Zudem berichtete sie von einer gefährlich hohen Geschwindigkeit. Einer ihrer letzten Funksprüche lautete sinngemäß: „Wir werden auf dem Boden aufschlagen.“ Dann brach der Kontakt ab.

Kann Vereisung einen Privatjet zum Absturz bringen?

Eine der zentralen Fragen ist nun, welche Rolle die gemeldete Vereisung gespielt haben könnte. Auch in großer Höhe kann sich unter bestimmten Wetterbedingungen Eis an Flugzeugen bilden. Besonders kritisch wird es, wenn sich Eis auf Tragflächen oder anderen aerodynamisch wichtigen Bauteilen ablagert. Schon Veränderungen an der Oberfläche der Tragflächen können die Luftströmung beeinträchtigen. Dadurch kann sich der Auftrieb verringern, während der Luftwiderstand zunimmt.

Im schlimmsten Fall kann es zu einem Strömungsabriss kommen. Dabei reicht der Auftrieb nicht mehr aus, um das Flugzeug in der gewünschten Fluglage zu halten. Die Maschine kann stark an Höhe verlieren. Moderne Privatjets wie der Learjet 60 verfügen allerdings über Systeme zum Schutz vor Vereisung. Ob diese beim Unglücksflug ordnungsgemäß funktionierten, ist bislang nicht bekannt. Auch steht keineswegs fest, dass ein Strömungsabriss den Absturz ausgelöst hat. Die Vereisung ist zunächst lediglich ein Umstand, den die Ermittler untersuchen müssen.

Welche Rolle spielten die Turbulenzen?

Neben Eisbildung meldete die Besatzung auch Turbulenzen. In Florida herrschte zum Zeitpunkt des Unglücks schlechtes Wetter mit Schauern und Gewittern in der Region. Turbulenzen entstehen durch unregelmäßige Luftbewegungen. Sie können ein Flugzeug durchschütteln und vorübergehend starke Veränderungen seiner Fluglage verursachen.

Gewitter können besonders problematisch sein, weil dort kräftige Auf- und Abwinde auftreten können. Allerdings führen gewöhnliche Turbulenzen bei einem intakten Flugzeug normalerweise nicht zu einem nahezu senkrechten Absturz. Entscheidend ist deshalb, ob mehrere Faktoren zusammenkamen: möglicherweise ungünstige Wetterbedingungen, eine Beeinträchtigung der Aerodynamik oder ein anderes technisches Problem. Auch ein Kontrollverlust aus bislang unbekannter Ursache muss untersucht werden.

Warum wurde der Learjet immer schneller?

Auffällig ist zudem die hohe Geschwindigkeit während des Absturzes. Die Pilotin meldete laut Funkaufzeichnungen eine sogenannte „Overspeed“-Situation. Damit ist gemeint, dass eine für den Flugzustand zulässige Geschwindigkeitsgrenze überschritten wird. Bei einem sehr steilen Sinkflug kann die Geschwindigkeit durch die Schwerkraft rasch zunehmen. Wird das Flugzeug dabei zu schnell, können erhebliche aerodynamische Belastungen entstehen. Das kann die Kontrolle über eine ohnehin instabile Maschine zusätzlich erschweren. Ob die hohe Geschwindigkeit beim Absturz die Folge eines bereits eingetretenen Kontrollverlusts war oder dessen Verlauf zusätzlich verschärfte, ist bislang ungeklärt.

Ermittler untersuchen Ursache des tödlichen Flugzeugabsturzes

Die US-Unfalluntersuchungsbehörde NTSB hat Ermittlungen aufgenommen. Unterstützt wird sie von der Luftfahrtbehörde FAA. Die Fachleute müssen nun unter anderem klären, in welchem Zustand sich das Flugzeug befand, welche Wetterbedingungen entlang der Flugroute herrschten und was sich in den letzten Minuten vor dem Absturz im Cockpit abspielte. Auch technische Defekte und mögliche Probleme mit der Flugsteuerung gehören zu den denkbaren Untersuchungsfeldern.