Ein Energieexperte der Energieagentur Rems-Murr erzählt, was bei Solarstrom wirklich zählt. Archivfoto: Alexander Becher
Rems-Murr. Fotovoltaikanlagen erfreuen sich wachsender Beliebtheit – sei es auf dem Dach, der Garage oder dem Balkon. Die Möglichkeit, den eigenen Strom zu produzieren und dabei Kosten zu sparen, spricht natürlich viele Menschen an. Doch im Alltag zeigt sich: Nicht alle Erwartungen an die Solartechnik erfüllen sich. Tilman Landwehr, PV-Experte der Energieagentur Rems-Murr, erklärt im Interview, welche verbreiteten Annahmen rund um Fotovoltaik zu Missverständnissen führen – und worauf es bei Planung und Nutzung wirklich ankommt.
„Mit Speicher bin ich autark“ – stimmt das? Nein, das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Selbst mit Batteriespeicher kann eine PV-Anlage nur einen Teil des Strombedarfs im Jahr decken. Der sogenannte Autarkiegrad liegt je nach Anlage und Verbrauch bei 20 bis 80 Prozent. Im Winter, wenn die Tage kürzer sind und die Sonne weniger scheint, reicht die Leistung meist nicht aus – auch nicht mit einem großen Speicher. Für eine echte Unabhängigkeit bräuchte man saisonale Speicher wie Wasserstofftanks. Aber die sind für private Haushalte technisch und wirtschaftlich kaum umsetzbar.
Lohnt sich eine Solaranlage nur mit Speicher? Nicht unbedingt. Auch ohne Speicher kann sich eine PV-Anlage rechnen – vor allem, wenn viel Strom tagsüber direkt verbraucht wird. Natürlich klingt es erst mal logisch: Einspeisung bringt unter acht Cent pro Kilowattstunde, Netzstrom kostet 35 Cent – also lieber speichern und selbst nutzen. Aber Speicher sind teuer. Wenn ein Haushalt ohnehin einen hohen Eigenverbrauch hat, bringt ein zusätzlicher Speicher oft wenig. Eine Energieberatung hilft hier, die richtige Entscheidung zu treffen.
Süddach oder Ost-West – was ist besser? Das hängt vom Ziel ab. Wenn es darum geht, möglichst viel Strom zu erzeugen, ist ein Süddach effizienter – es bringt über das Jahr rund 20 Prozent mehr Ertrag. Doch viele Haushalte wollen den Strom direkt selbst verbrauchen. Und da sind Ost-West-Dächer oft im Vorteil: Sie liefern morgens und abends Strom – genau dann, wenn er im Haushalt gebraucht wird. So lässt sich der Eigenverbrauchsanteil deutlich steigern.
Kann ich mit einem Steckersolargerät meine Kaffeemaschine betreiben? Nicht direkt. Steckersolargeräte – oft auf dem Balkon installiert – können bis zu 800 Watt einspeisen. Das reicht für Geräte im Dauerbetrieb wie Kühlschränke oder WLAN-Router. Aber eine Kaffeemaschine braucht beim Aufheizen kurzzeitig bis zu 2000 Watt. Der fehlende Strom wird automatisch aus dem Netz ergänzt. Ganz ohne Netzstrom geht es also nicht – aber die Grundlast im Haushalt lässt sich so gut abdecken. Komplett „kaffeeautark“ wird man also damit nicht.
Welches sind typische Denkfehler, die Menschen viel Geld kosten? Oft wird zu schnell in Speicher investiert, ohne dass klar ist, ob er sich lohnt. Oder es wird erwartet, dass man mit Solartechnik komplett unabhängig wird. Das führt zu falschen Erwartungen und manchmal zu teuren Fehlentscheidungen.
Ihr Tipp für alle, die über PV nachdenken? Unabhängige Beratung ist entscheidend – am besten, bevor Anschaffungen geplant oder Verträge unterschrieben werden. Die Energieagentur bietet dafür vom Rems-Murr-Kreis geförderte persönliche Vor-Ort-Termine mit qualifizierten Experten an. Die Beratung dauert in der Regel rund 90 Minuten, kostet pauschal 40 Euro und hilft dabei, individuelle Lösungen für das Haus zu finden. Interessierte können unter der Nummer 07151/9751730 einen Termin vereinbaren oder das Online-Formular unter www.ea-rm.de/termin nutzen. Daneben gibt es im September wieder kostenlose Beratungstermine zu allen Energiethemen rund ums Haus. Diese unabhängige Erstberatung, die in Kooperation mit der Verbraucherzentrale angeboten wird, findet in vielen Rathäusern im Rems-Murr-Kreis und wöchentlich im Waiblinger Büro (Mittwoch und Donnerstag von 16 bis 19 Uhr) statt. pm
Termine Folgende Termine werden im Altkreis Backnang im September angeboten: am 1. September in Allmersbach im Tal (13.30 bis 15.30 Uhr) und Weissach im Tal (16 bis 18 Uhr); am 4. September in Spiegelberg (13.30 bis 15.30 Uhr), Sulzbach an der Murr (16 bis 18 Uhr), Großerlach (13.30 bis 15.30 Uhr) und Oppenweiler (16 bis 18 Uhr); am 10. September in Aspach (13.30 bis 15.30 Uhr); am 11. September in Auenwald (16 bis 18 Uhr) und am 23. September in Murrhardt (13.30 bis 15.30 Uhr).
Link Weitere Termine im Rems-Murr-Kreis gibt es unter www.ea-rm.de/erstberatung.