Zucker lässt Tumore wachsen

Was das Aus für die Zuckersteuer mit dem Krebsrisiko zu tun hat

Erst am Mittwoch hatte Bundesfinanzminister Lars Klingbeil seinen Entwurf an die Ministerien gegeben, nun tritt das Kanzleramt auf die Bremse. Die Zuckersteuer liegt erst einmal auf Eis. Warum und wie diese politische Nachricht die Gesundheit vieler Menschen und ihr Krebsrisiko betrifft.

Was das Aus für die Zuckersteuer mit dem Krebsrisiko zu tun hat

Zucker und Krebs stehen in enger Verbindung. Krebszellen lieben Zucker – ganz gleich welchen. Sie nehmen Glucose und fast noch lieber Fructose. Zucker ist als Entzündungsinitiator maßgeblich an der Entstehung von Krebs beteiligt ist.

Von Markus Brauer

Das Bundeskanzleramt hat vorerst den Entwurf von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) zur Einführung einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke gestoppt. Klingbeil hatte seine Pläne erst am Mittwoch (30. September) zur Abstimmung unter den Ministerien geschickt. In Regierungskreisen heißt es nun, sein Entwurf weiche vom Vorschlag der Finanzkommission Gesundheit ab „und ist in dieser Form in der Regierung nicht mehrheitsfähig“. Aus dem Finanzministerium gab es zunächst keinen Kommentar.

Geplante Einnahmen: Rund eine Milliarde Euro

Mit der Zuckersteuer will Klingbeil nicht nur Einnahmen für den Bundeshaushalt generieren, sondern auch Getränkeherstellern einen Anreiz geben, den Zuckergehalt zu senken und ihre Produkte gesünder zu machen. Laut Entwurf soll sie für alle Getränke ab einem Zuckergehalt von fünf Gramm pro 100 Milliliter gelten.

Anders als zwischendurch erwogen, soll auf Zero-Getränke, die mit Ersatzstoffen gesüßt sind, keine Zuckersteuer anfallen. Auch reine Frucht- und Gemüsesäfte, alkoholfreies Bier und alkoholfreier Wein sind ausgenommen. Die Höhe der Steuer soll vom Zuckergehalt abhängen und zwischen 26 und 38 Cent pro Liter betragen.

Laut Entwurf soll die Steuer ab dem 1. Juli 2027 gelten. Das Finanzministerium erwartet jährliche Einnahmen von rund einer Milliarde Euro. Konkret: 945 Millionen Euro im kommenden Jahr, im zweiten Jahr dann 1,155 Milliarden Euro. Bis zum Jahr 2031 sollen die Einnahmen auf 1,18 Milliarden steigen.

Vor allem in der Unionsfraktion gibt es allerdings Widerstand. Auch mehrere Bundesländer lehnen die Zuckersteuer ab. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) bezeichnete sie als „Belastung für mittelständische Getränkehersteller“. Auch aus der Wirtschaft gab es sofort kritische Stimmen.

Was hat diese an sich politische Entscheidung nun mit der Gesundheit vieler Menschen im Land und ihrem Risiko, an Krebs zu erkranken zu tun? Um das zu klären, muss man wissen, was Zucker ist, wie er im Körper wirkt und vor allem welche Krankheiten er potenziell bewirkt.

Zucker ist fast überall drin

Eine gesunde Ernährung kann zur Verringerung des Krebsrisikos beitragen. Entscheidend ist dabei ein ausgewogener und vollwertiger Speiseplan, ein normales Körpergewicht und wenig bis kein Alkohol. Und vor allem wenig Zucker.

Das Problem ist nur: Zucker ist sehr beliebt, schmeckt (fast) allen und steckt in vielen Lebensmitteln in rauen Mengen drin. Egal ob in Softdrinks, Fruchtsäften, Fast Food oder Süßigkeiten – fast keine echt oder vermeintlich gesunde Nahrung kommt ohne das süß schmeckende, kristalline Lebensmittel aus.

In vielen industriell hergestellten Produkten steckt zugesetzter Zucker. Getränke und verarbeitete Lebensmittel in unseren Supermärkten enthalten als Süßungsmittel zunehmend Fructose statt Glucose.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, nicht mehr als 50 Gramm Zucker pro Tag zu verzehren. Zwischen dieser Obergrenze und der Realität liegen Welten: Jeder Bundesbürger isst jeden Tag etwa 93 Gramm Zucker. Pro Jahr sind das fast 34 Kilogramm.

Zucker ist nicht gleich Zucker

Wie Glukose – also Traubenzucker – gehört Fructose zu den Monosacchariden. Die Monosaccharide Glucose, Fructose und Galactose sind die wichtigsten Zucker des Stoffwechsels. Sie sind Energieträger und dienen auch als Zellbausteine.Frucht- und Traubenzucker besteht aus nur einem Zuckermolekül, daher auch die Bezeichnung Einfachzucker. Fruchtzucker hat aber eine doppelt so hohe Süßkraft wie Traubenzucker.

Unter Haushaltszucker versteht man im Fachjargon Saccharose, die aus Zuckerrüben oder Zuckerrohr hergestellt wird. Sobald der Zucker raffiniert wird, spricht man von Industriezucker. Bei Saccharose handelt es sich um Zweifachzucker (Disaccharid). Wird dieser von uns gegessen, zerlegen ihn Enzyme im Verdauungssystem in Traubenzucker (Glukose/Dextrose) und Fruchtzucker (Fructose).Dextrose ist die Bezeichnung von Traubenzucker oder Glukose in Lebensmitteln.

Bekommt man von zu viel Zucker Krebs?

Zucker und Krebs stehen in enger Verbindung. Krebszellen lieben Zucker – ganz gleich welchen. Sie nehmen Glucose und fast noch lieber Fructose. Studien haben gezeigt, dass Zucker als Entzündungsinitiator maßgeblich an der Entstehung von Krebs beteiligt ist.

Steigt außerdem der Insulinspiegel, dann fühlen sich Krebszellen besonders wohl. Aus ruhenden Krebszellen können sich aktive Krebszellen entwickeln. Ist der Krebs erst einmal da, kann Zucker – selbst wenn er in geringen Mengen konsumiert wird – die Gefahr der Metastasenbildung steigern.

Bislang gibt es der Deutschen Krebshilfe zufolge zwar keine wissenschaftlichen Hinweise darauf, dass ein hoher Zuckerkonsum das Krebsrisiko steigert. Aber wer viel Zucker isst, wird eher übergewichtig – und Übergewicht erhöht das Risiko für 13 verschiedene Krebsarten.

Ist Fruchtzucker gesünder?

Lange Zeit galt Fruchtzucker als gesünder. Die Lebensmittelindustrie hat in den vergangenen Jahrzehnten deshalb immer öfter Fructose eingesetzt, meist in Form von Maissirup. Infolgedessen konsumieren wir heute etwa 15-Mal mehr von diesem Zucker als noch in den 1960er Jahren.

Zeitgleich stieg bei Menschen unter 50 Jahren die Zahl der Krebserkrankungen mit verschiedensten Krebsarten. Zwar gibt es zahlreiche genetische und Umwelt-Einflüsse, die Krebs entstehen lassen, die Ernährung gilt darunter aber als ein wesentlicher Faktor.

Ernähren sich Krebszellen von Fructose?

Krebszellen nutzen wie alle unsere Körperzellen Glucose als Energiequelle. Fructose können hingegen nur die Zellen im Dünndarm und in der Leber verwerten. Aber ernähren sich auch Krebszellen und Tumore von Fructose?

Das hat nun ein Forscherteam um Ronald Fowle-Grider von der Washington University in St. Louis in den USA genauer untersucht. Dafür fütterten die Mediziner krebskranke Zebrafische und Mäuse über mehrere Wochen hinweg entweder mit einer normalen oder mit einer fructosereichen Nahrung und verglichen, wie schnell ihre Tumore wuchsen.

Die Studie ist im Fachmagazin „Nature“ erschienen.

Fruchtzucker wirkt wie ein Turbo für Tumorwachstum

Die Experten fanden heraus, dass sich die Krebstumore deutlich schneller vergrößerten, wenn dem Futter der Tiere Fructose zugesetzt wurde. Alle drei untersuchten Tumorarten – Melanome, Brustkrebs und Gebärmutterhalskrebs – reagierten stark auf die zuckerhaltige Ernährung der Tiere.

„Wir haben uns zahlreiche verschiedene Krebsarten in verschiedenen Geweben im ganzen Körper angesehen und sie folgten alle dem gleichen Mechanismus. In einigen Fällen beschleunigte sich die Wachstumsrate der Tumoren um das Doppelte oder sogar um mehr“, berichtet Seniorautor Gary Patti von der Washington University.

Wie verwerten Krebszellen Fructose?

Das Körpergewicht der Tiere veränderte sich durch die Fructosegabe indes nicht. Auch die Konzentrationen von Glucose und Insulin im Blut veränderten sich nicht.Daraus folgerten die Wissenschaftler, dass das Tumorwachstum nicht auf einen veränderten Zuckerstoffwechsel, sondern direkt auf die Fructose zurückgehen muss.Bei weiteren Experimenten zeigte sich allerdings, dass die Krebszellen die Fructose im Gegensatz zur Glucose nicht direkt selbst verstoffwechseln und als Energiequelle nutzen können.

Tumore sind Nutznießer der Leber

Die Mediziner vermuten, dass die Krebszellen von Stoffwechselprodukten des Fruchtzuckers profitieren. Dies geschieht etwa bei der Verarbeitung von Fructose in der Leber. Das Organ verstoffwechselt mithilfe von zwei Enzymen – Ketohexokinase (KHK) und Aldolase B – Fructose zu Lipiden und gibt diese in das Blut ab.

Zur Info: Enzyme sind komplexe Moleküle, welche die Stoffwechselvorgänge im Körper katalysieren, das heißt beschleunigen, ohne selbst verändert zu werden. Lipide sind der Fachbegriff für Fette und fettähnlichen Substanzen.

Aus Fruchtzucker werden Bausteine für die Zellmembran

Die in der Leber erzeugten Fette nutzen die Krebstumore offenbar als Baumaterial. Zwar könnten sich Krebszellen die Bausteine für ihr Wachstum etwa aus dem Blut holen, doch ist die Verwertung von Lipiden der für sie einfachere Weg.

Besonders leicht geht das offenbar bei den ungesättigten Fettsäuren, weil diese im Gegensatz zu anderen Lipiden gut löslich und leicht zu transportieren sind.

Kann eine Diät Krebs aushungern?

Was bringt diese Erkenntnis nun? Dass die Leber Fructose in Nährstoffe für Krebszellen umwandelt, könnte für die Therapie vieler Krebsarten wichtig sein, resümieren die Forscher. Eine fructosearme Diät könnte die Tumore „aushungern“. „Wenn Sie das Pech haben, Krebs zu haben, sollten Sie wahrscheinlich darüber nachdenken, Fructose zu vermeiden“, betont Patti. Ob das tatsächlich funktioniert, soll nun in eine klinische Studie zeigen.

In weiteren Studien soll nun geklärt werden, ob spezielle Medikamente verhindern können, dass Tumore die Lipide erhalten. Dabei könnten die Präparate statt auf die Krebszellen auch auf Leberzellen abzielen,. So könnte möglicherweise der Stoffwechsel gesunder Zellen gezielt zur Behandlung von Krebs eingesetzt werden.

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