Gemeinschaftsgrab von Pestopfern auf dem Friedhof Sogn Pieder in Domat/Ems in der Schweiz. Die Bestattung wird mit einer Pestepidemie während des Dreißigjährigen Krieges um 1629 bis 1631 in Verbindung gebracht. Aus den Überresten von Individuum 24 konnte das vollständige Genom von Yersinia pestis rekonstruiert werden
Von Markus Brauer
Die Pest ist Inbegriff ansteckender, todbringender Krankheiten. Der Pesterreger Yersinia pestis stammte ursprünglich aus Asien und wurde mehrfach über den Seehandel und die Seidenstraße aus dem Osten nach Europa eingeschleppt. Dort angekommen, wurden Ratten und ihre Flöhe zu den Hauptüberträgern der Seuche.
Seit den katastrophalen Pandemien des Mittelalters steht die Pest fast sprichwörtlich für Ansteckung und Tod. Pest-Epidemien rafften in der Geschichte Millionen Menschen dahin. So starb von 1347 bis 1353 rund ein Drittel der europäischen Bevölkerung an der Seuche. Schätzungen schwanken zwischen 20 und 50 Millionen Toten. Daneben gab es in der Spätantike, im Mittelalter und in der Neuzeit, vor allem in Kriegszeiten wie im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648, immer wieder regionale Pest-Ausbrüche.
Die Rückkehr des Schwarzen Todes
Der Schwarze Tod von 1347 bis 1353 prägte den Beginn der zweiten Pestpandemie in Europa (nach der Justinianischen Pest: Zwischen 541 und 750 n. Chr. starben in den wiederholten Seuchenwellen fast die Hälfte aller Menschen im Oströmischen Reich), aber er war nicht ihr Ende. Der Erreger Yersinia pestis tauchte danach über Jahrhunderte immer wieder in europäischen Städten und Regionen auf, doch wie diese späteren Wellen miteinander zusammenhingen, blieb oft unklar.
Ein Grund dafür ist die Datierung alter Pestopfer: Radiokarbondaten archäologischer Überreste können Zeitfenster von mehr als 100 Jahren umfassen. Dadurch lässt sich ein altes Bakteriengenom häufig nicht eindeutig einem historisch dokumentierten Ausbruch zuordnen.
Alte DNA bekommt einen präziseren Zeitstempel
Forscher der University of Tartu (UT) in Estland um Marcel Keller haben nun Pest-DNA aus 11 archäologischen Fundorten in Estland, Russland, England, den Niederlanden und der Schweiz untersucht. Sie gewannen 11 vollständige und 15 Genome mit geringerer Abdeckung von Yersinia pestis aus der Zeit von 1349 bis 1710. Die Studie ist im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ erschienen.
Um solche Genome genauer in die Geschichte einzuordnen, entwickelte das Team das „Phylogenetically Informed Radiocarbon Modeling“ (PhIRM). Dabei werden Radiokarbondaten mit der zeitlichen Reihenfolge aus dem Stammbaum des Erregers kombiniert, sodass sich breite Datierungsintervalle für einzelne Proben verkleinern können.
Mit dem Verfahren haben die Forscher 64 bereits veröffentlichte und 11 neu sequenzierte Pestgenome neu eingeordnet und 75 Genome der zweiten Pestpandemie vorläufig mit historisch dokumentierten Pestwellen und einzelnen Ausbrüchen verknüpft. Gerade dieses „vorläufig“ ist wichtig, denn die Modellierung verbessert die zeitliche Zuordnung, ersetzt aber keine unabhängigen historischen oder archäologischen Belege.
Pestlinien verzweigten sich immer wieder
Die genetischen Daten zeichnen kein Bild eines Erregers, der nach dem Schwarzen Tod einfach an einem einzigen Ort verblieb. Stattdessen tauchten Pestlinien in verschiedenen Teilen Europas wiederholt auf, und für Estland fanden die Forscher Hinweise auf mehrere Einschleppungen seit dem späten 14. Jahrhundert sowie auf zuvor unbekannte genetische Linien.
Besonders auffällig ist eine starke Aufspaltung der Pestlinien zwischen etwa 1450 und 1500, als drei große Zweige entstanden. Nach Einschätzung des Teams könnten einige davon neue Reservoirs in wildlebenden Nagetierpopulationen aufgebaut haben. Ob dabei auch die ausgeprägte Dürre der Renaissance eine Rolle spielte, bleibt eine Hypothese und ist durch die Studie nicht als Ursache belegt.
Kriege hinterließen Spuren im Erreger
Auch historische Konflikte lassen sich in Teilen des genetischen Musters wiedererkennen, denn neue Genome stützen Verbindungen zu Pestwellen während des Dreißigjährigen Kriegs und des Großen Nordischen Kriegs. In Domat/Ems in Graubünden waren zwei rekonstruierte Pestgenome eng mit anderen Erregergenomen aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs verwandt, der nächstverwandte bekannte Fund stammte aus Brandenburg an der Havel.
Ein weiteres Beispiel liefert Tallinn: Die jüngsten Proben der Untersuchung stammen aus Gräbern im Umfeld der Belagerung von 1710, als die Pest sowohl Soldaten als auch Zivilisten traf. Die Daten passen damit zu einem Bild, in dem wiederholte Einschleppungen, regionale Erregerreservoirs und die Mobilität von Menschen gemeinsam die lange Geschichte der Pest in Europa prägten.
Die neue Chronologie macht diese Verbindungen genauer sichtbar, bleibt aber ein Modell auf Basis genetischer, radiokarbonbasierter und historischer Informationen. Die Studie zeigt, dass der Schwarze Tod nicht als isolierte Katastrophe verstanden werden kann, sondern am Beginn einer langen europäischen Seuchengeschichte mit immer neuen lokalen Ausprägungen stand.
Als Schwarzer Tod wird das pandemische Auftreten der Pest im Europa des Spätmittelalters bezeichnet; dieser Seuche fielen zwischen 1346 und 1353 schätzungsweise 25 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer, was in etwa 33 bis 60 Prozent der damals auf dem Kontinent lebenden Bevölkerung entsprach.
Zur medizinischen Behandlung der Beulenpest entstanden spezielle, zum Teil weit verbreitete Ratschläge zu auch von Laien durchzuführenden medikamentösen und diätetischen Maßnahmen sowie zur Anwendung von Aderlässen und nassem Schröpfen.