Gestrandeter Buckelwal vor Niendorf

Was macht der Wal in der Ostsee?

Ein Buckelwal ist vor Niendorf in der Ostsee gestrandet. Warum sich solche Meeressäuger dorthin verirren und weshalb ihre Rettung so schwierig ist.

Was macht der Wal in der Ostsee?

Der gestrandete Wal liegt im Wasser der Ostsee vor der Seebrücke am Hafen Niendorf. Die Polizei hat das Gelände abgesperrt, um das Tier nicht zu beunruhigen. Die Rettungsversuche dauern an.

Von Katrin Jokic

Ein gestrandeter Buckelwal vor Niendorf an der Ostsee bewegt derzeit viele Menschen. Seit Montagnacht liegt das geschwächte Tier auf einer Sandbank vor dem Timmendorfer Strand. Mehrere Rettungsversuche blieben bislang ohne Erfolg. Nun setzt sich die Hoffnung auf schwereres Gerät, das den Wal doch noch zurück ins tiefere Wasser bringen könnte. Nach aktuellem Stand soll ein größerer Saugbagger an die Einsatzstelle gebracht werden, nachdem ein erster Versuch mit kleinerem Gerät am festen Sand gescheitert war.

Die Lage ist heikel. Helfer und Experten sprechen von einem Wettlauf gegen die Zeit. Zwar habe sich der Wal zwischenzeitlich etwas beruhigt, doch zugleich mehren sich die Hinweise, dass das Tier bereits geschwächt oder krank sein könnte. Das erschwert die Rettung zusätzlich. Denn selbst wenn es gelingt, den Wal aus seiner Lage zu befreien, ist ungewiss, ob er aus eigener Kraft in tieferes Wasser zurückschwimmen kann.

Nach Einschätzung von Fachleuten handelt es sich sehr wahrscheinlich um einen jungen Buckelwalbullen. Solche Tiere sind eher allein unterwegs und erkunden auf ihren Wanderungen auch ungewöhnliche Gebiete. Genau das dürfte eine Erklärung dafür sein, warum sich das Tier überhaupt in die Ostsee verirrt hat. Experten halten es zudem für möglich, dass es sich um denselben Wal handelt, der Anfang März bereits im Hafen von Wismar gesehen wurde und dort womöglich in Kontakt mit einem Netz gekommen war.

Dass ein Großwal in der Ostsee auftaucht, ist ungewöhnlich, aber nicht völlig einmalig. Heimisch sind dort eigentlich nur Schweinswale. Größere Arten wie Buckelwale, Finnwale oder Zwergwale gelten in der Ostsee als seltene Gäste. Fachleute nennen mehrere mögliche Gründe für solche Sichtungen: Wale könnten Fischschwärmen folgen, auf Wanderschaft neue Gebiete erkunden oder durch Unterwasserlärm in ihrer Orientierung gestört werden. Hinzu kommt, dass sich einige Bestände in den vergangenen Jahren erholt haben könnten, sodass größere Wale häufiger gesichtet werden.

Im Fall von Niendorf kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Mehrere Experten halten es für möglich, dass der Wal nicht nur versehentlich ins Flachwasser geraten ist, sondern bereits in einem schlechten Gesundheitszustand war. Manche Meeressäuger suchen flachere Bereiche auf, wenn sie geschwächt sind. Ob das auch hier der Fall ist, lässt sich von außen jedoch nicht sicher sagen. Klar ist nur: Die Chancen des Tieres hängen nun davon ab, ob es gelingt, den Sand vor ihm schnell genug abzutragen, ohne zusätzlichen Stress oder Verletzungen zu verursachen.

Warum ist die Rettung so kompliziert?

Vor allem das enorme Gewicht eines Wals macht Einsätze dieser Art extrem schwierig. Buckelwale können ausgewachsen viele Tonnen wiegen. Liegt ein Tier auf einer Sandbank oder im sehr flachen Wasser fest, reicht seine eigene Kraft meist nicht aus, um sich wieder freizuschwimmen. Methoden mit Seilen oder Luftkissen kommen theoretisch infrage, bergen aber Risiken. Im aktuellen Fall setzen die Helfer deshalb vor allem darauf, den Untergrund vor dem Tier abzutragen und so einen Weg ins tiefere Wasser zu schaffen. Dass selbst das nicht einfach ist, zeigte der gescheiterte Versuch mit dem ersten Saugbagger: Der Sand erwies sich als zu fest.

Eine Tötung des Tieres, um mögliches Leiden zu verkürzen, ist nach Angaben von Experten derzeit keine Option. Als Gründe werden internationale Vorgaben, praktische Schwierigkeiten und Sicherheitsfragen genannt. Stattdessen konzentrieren sich die Beteiligten darauf, dem Tier entweder eine Rückkehr ins tiefere Wasser zu ermöglichen oder ihm, falls das nicht gelingt, möglichst weiteren Stress zu ersparen.

Der Fall zeigt auch, wie ambivalent solche Begegnungen sind. Für viele Menschen ist ein Wal in der Ostsee ein seltenes Naturschauspiel. Für die Einsatzkräfte und Fachleute vor Ort ist es vor allem ein dramatischer Rettungsfall mit ungewissem Ausgang. Noch gibt es Hoffnung. Aber ebenso klar ist: Selbst modernste Technik kann nicht garantieren, dass ein geschwächtes Großtier in einer solchen Lage gerettet werden kann.

Was macht der Wal also in der Ostsee?

Die wahrscheinlichste Antwort lautet: Er ist vom Kurs abgekommen – wohl auf Nahrungssuche oder auf Wanderschaft. Dass es sich um einen jungen Buckelwal handelt, passt zu dieser Erklärung. Gleichzeitig deuten die Beobachtungen darauf hin, dass das Tier gesundheitlich angeschlagen sein könnte. Der Wal ist also nicht „zu Hause“ in der Ostsee, sondern ein seltener Irrgast in einem für ihn schwierigen Lebensraum. Genau das macht die Situation vor Niendorf so dramatisch.