Wer regelmäßig in die Pedale tritt, tut Körper und Kopf mehr Gutes, als vielen bewusst ist. Schon der Weg zur Arbeit kann reichen, um die Gesundheit spürbar zu stärken. Doch ein Punkt sollte dabei nicht unterschätzt werden.
Radfahren kann die Bewegung im Alltag deutlich erhöhen.
Von Katrin Jokic
Es gibt Fortbewegungsmittel, die bringen Menschen nur von A nach B. Und es gibt das Fahrrad. Wer morgens aufsteigt, bekommt nicht nur Bewegung, sondern oft auch etwas, das im Alltag selten geworden ist: ein paar Minuten Freiheit. Kein Gedränge in der Bahn, kein Stau vor der Ampel, kein Warten auf den nächsten Anschluss. Stattdessen: frische Luft, ein eigener Rhythmus, ein bisschen Natur, manchmal sogar gute Laune vor dem ersten Kaffee.
In der SWR-Sendung „Doc Fischer“ ging es am 17. Juni genau darum: Radfahren als unterschätzter Gesundheitsfaktor. Nicht als Extremsport, nicht als Tour-de-France-Fantasie, sondern als ganz normale Alltagsbewegung. Also der Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, zum Termin oder zum Bäcker. Gerade darin liegt der Reiz: Radfahren muss nicht zusätzlich in den Kalender gequetscht werden. Es kann den Alltag ersetzen, der sonst im Auto oder in Bus und Bahn verbracht wird.
Warum der Arbeitsweg plötzlich zum Training wird
Sportmediziner Prof. Dr. med. Uwe Tegtbur und sein Team an der Medizinischen Hochschule Hannover untersuchen, was Radfahren mit dem Körper macht. Besonders spannend ist dabei das Alltagsradeln. Denn viele Menschen scheitern nicht daran, dass sie Bewegung grundsätzlich ablehnen. Sie scheitern daran, dass Sport im Alltag oft wie ein weiterer Termin wirkt.
Radfahren löst dieses Problem zumindest teilweise. Wer ohnehin zur Arbeit muss, kann den Weg dorthin nutzen. Die Bewegung kommt nicht zusätzlich obendrauf, sondern ersetzt eine Strecke, die sowieso anfällt.
In der Sendung wurde ein Vergleich genannt, der den Unterschied deutlich macht: Wer mit dem Auto zur Arbeit fährt, bewegt sich auf dem Weg im Schnitt nur etwa zwei Minuten. Beim öffentlichen Nahverkehr sind es immerhin rund 18 Minuten. Wer das Fahrrad nimmt, kommt im Schnitt auf 31 Minuten Bewegung.
Damit ist die WHO-Empfehlung von rund 30 Minuten Bewegung pro Tag häufig schon erfüllt oder sogar übertroffen, bevor der eigentliche Arbeitstag richtig begonnen hat.
Das Fahrrad ist ein sanftes Sportgerät
Radfahren hat noch einen weiteren Vorteil: Es belastet den Bewegungsapparat vergleichsweise wenig. Das Körpergewicht liegt zu einem guten Teil auf dem Sattel, die Gelenke werden weniger stark beansprucht als etwa beim Joggen. Gleichzeitig können Herz, Kreislauf und Muskulatur über längere Zeit arbeiten.
Das macht das Fahrrad für viele Menschen zu einem idealen Trainingsgerät: Es fordert, ohne sofort zu überfordern. Der Puls steigt, die Beine arbeiten, der Kreislauf kommt in Schwung. Gleichzeitig bleibt die Belastung gut dosierbar. Gerade für Menschen, die wieder mehr Bewegung in ihr Leben bringen wollen, kann das entscheidend sein.
Was Radfahren mit dem Blutzucker macht
Besonders interessant ist ein Effekt, den die Wissenschaftler in Hannover beobachtet haben: Radfahren wirkt sich offenbar deutlich auf den Blutzuckerspiegel aus. In der Untersuchung wurden unter anderem Blutdruck, Blutzucker und Herzschlag über jeweils 24 Stunden erfasst. Verglichen wurden Tage, an denen die Teilnehmenden mit dem Rad zur Arbeit fuhren, mit Tagen, an denen sie Auto oder öffentliche Verkehrsmittel nutzten.
Das Ergebnis: An den Fahrradtagen lag der Blutzuckerspiegel über den Tag hinweg niedriger. Laut den in der Sendung genannten Angaben sanken die Werte um etwa fünf bis zehn Prozent.
Ein niedrigerer Blutzuckerspiegel entlastet die Bauchspeicheldrüse. Sie muss weniger Insulin bereitstellen, der Stoffwechsel wird weniger stark belastet. Langfristig kann regelmäßige Bewegung dazu beitragen, das Risiko für Typ-2-Diabetes zu senken. Wer bereits Diabetes hat, kann Radfahren zudem als sinnvollen Teil der Therapie nutzen.
Das Überraschende daran: Der Effekt zeigte sich nicht nur bei untrainierten oder kranken Menschen, sondern auch bei gesunden und fitten Teilnehmenden. Radfahren wirkt also nicht erst dann, wenn bereits etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Es kann vorher ansetzen.
Auch der Kopf fährt mit
Radfahren ist aber nicht nur ein Thema für Blutdruck, Blutzucker und Herz-Kreislauf-System. Viele Menschen kennen den psychischen Effekt aus eigener Erfahrung: Nach einer Fahrt fühlt sich der Kopf freier an. Der Tag beginnt anders, wenn er nicht im Stau oder in einer vollen Bahn startet.
Studien weisen darauf hin, dass Radfahren Stress reduzieren, die Stimmung verbessern und zur allgemeinen Lebenszufriedenheit beitragen kann. Besonders Pendler, die regelmäßig mit dem Fahrrad fahren, berichten häufig von mehr Freude am Arbeitsweg und einem besseren Gesundheitsgefühl.
Das ist plausibel. Bewegung baut Stresshormone ab, frische Luft wirkt aktivierend, Tageslicht stabilisiert den Rhythmus. Hinzu kommt ein Gefühl von Kontrolle: Wer radelt, ist nicht vollständig abhängig von Fahrplänen, Parkplatzsuche oder stockendem Verkehr.
E-Bike oder normales Fahrrad: Der Unterschied ist kleiner als gedacht
Eine frühere MHH-Studie zeigte, dass der gesundheitliche Unterschied zwischen E-Bike und klassischem Fahrrad geringer ist, als viele vermuten. Der Pulsanstieg beim E-Bike-Fahren lag nur etwas unter dem beim normalen Radfahren. Viele Nutzer stellen die Motorunterstützung offenbar so ein, dass sie weiterhin deutlich mittreten müssen.
Entscheidend ist außerdem, dass E-Bikes Menschen überhaupt aufs Rad bringen können. Wer sich wegen Alter, Gewicht, Gelenkproblemen, längerer Strecken oder hügeliger Wege nicht auf ein normales Fahrrad traut, fährt mit elektrischer Unterstützung möglicherweise doch. Aus gesundheitlicher Sicht kann das wichtiger sein als die Frage, ob jeder Meter aus reiner Muskelkraft geschafft wird.
Der große Haken: Radfahren muss sicher bleiben
Bei aller Begeisterung gibt es einen Punkt, den niemand kleinreden sollte: Radfahren hat Risiken. Besonders im Straßenverkehr. Das Statistische Bundesamt meldete für das Jahr 2025 insgesamt 462 getötete Radfahrer in Deutschland, darunter 217 auf Pedelecs. Jeder sechste Verkehrstote war damit mit dem Fahrrad unterwegs. Besonders gefährdet sind ältere Menschen.
Unfallchirurg Dr. Dr. med. Michael Zyskowski von der Uniklinik München mahnt deshalb in „Doc Fischer“: Radfahren nur mit Helm. Das gilt für das E-Bike ebenso wie für das klassische Fahrrad. Laut den in der Sendung genannten Angaben verzichtet dennoch mehr als jeder dritte Radfahrer auf einen Helm; bei den unter 29-Jährigen sogar etwa jeder zweite.
Das ist riskant. Kopfverletzungen gehören zu den schwersten Folgen von Fahrradunfällen. Ein Helm verhindert nicht jeden Unfall, aber er kann die Folgen deutlich abmildern.
Die beste Medizin ist manchmal erstaunlich simpel
Radfahren ist eine der alltagstauglichsten Formen von Bewegung. Es verbindet Nutzen mit Gesundheit, Pflichtwege mit Training, Fortbewegung mit frischer Luft.
Wer regelmäßig fährt, stärkt Herz und Kreislauf, bewegt Muskeln und Gelenke, kann den Blutzucker günstig beeinflussen und tut oft auch der Stimmung etwas Gutes. Mit Helm, angepasstem Tempo und realistischem Blick auf die eigene Sicherheit ist das Fahrrad deshalb weit mehr als ein Verkehrsmittel.
Es ist ein ziemlich einfaches Rezept für mehr Gesundheit. Und eines, das direkt vor der Haustür beginnt.