Die Sicherheitsbehörden stoßen bei den mutmaßlichen Linksterroristen vor allem auf ein Problem: Sie können ihnen keine konkreten Personen zuordnen.
Soldaten der Bundeswehr geben bei eisiger Kälte warmes Essen an Menschen aus, bei denen infolge des mutmaßlichen Terroranschlags in Berlin der Strom ausgefallen ist.
Von Franz Feyder
Am vergangenen Samstag verübte die mutmaßliche Linksterrorgruppe „Vulkangruppen ‚Den Herrschenden den Saft abdrehen’“ einen Anschlag auf eine Kabelbrücke des Gaskraftwerks Berlin-Lichterfelde. Die Gruppe bekannte sich mit zwei Bekennerschreiben zu der Tat, in deren Folge etwa 45 000 Haushalte in vier Berliner Stadtteilen bis zu fünf Tagen ohne Strom waren. Generalbundesanwalt Jens Rommel übernahm die Ermittlungen wegen des Verdachts eines terroristischen Anschlags. Doch die „Vulkangruppen“ geben den Ermittlern bislang vor allem Rätsel auf.
Was wissen die Sicherheitsbehörden über die Gruppe?
Ermittler gehen davon aus, dass es wahrscheinlich nicht nur eine Vulkangruppe gibt, sondern mehrere Gruppen existieren. Unklar ist auch, ob diese überhaupt miteinander in Verbindung stehen – und falls ja, in welcher Intensität. Erstmals am 23. Mai 2011 bekannte sich eine nach einem isländischen Vulkan benannte Gruppe „Grollen des Eyjafjyllajökull“ zum Anschlag auf eine Kabelbrücke der Deutschen Bahn beim S-Bahnhof Ostkreuz in Berlin. Seitdem haben sich unter dem Oberbegriff Vulkangruppen agierende Täter zu zehn Anschlägen auf Freileitungen, Abspannmasten, Transformatoren und Kabelschächten der Deutschen Bahn, des Staates, der Industrie sowie von Energieversorgern bekannt. „Seit 2011 können wir dieser Gruppe keine konkreten Personen zuordnen. Das gilt auch für die jetzt tätig gewordene. Als seien sie Geister“, sagt ein Ermittler. Man wisse derzeit nicht, ob die Gruppen ihre Aktionen gemeinsam planten, ob sie sich untereinander abstimmten oder, ob sie überhaupt miteinander kommunizierten.
Was lässt sich nach heutigem Stand aus den Bekennerschreiben ablesen?
Veröffentlicht werden die Bekennerschreiben über die Nachfolgerin der in Deutschland seit August 2017 in Folge der schweren Ausschreitungen bei Hamburger G-20-Gipfel verbotenen Medienplattform „Indymedia Linksunten“. Verfassungsschützer bewerteten „Indymedia“ 2022 als „derzeit wichtigstes Informations- und Propagandamedium für die linksextremistische Szene im deutschsprachigen Raum“ ein. Die einzelnen Bekennerschreiben weisen laut den Ermittlern einen vergleichbaren ideologischen Hintergrund auf. Externe Beobachter leiten daraus ab, es gebe eine feste Gruppenstruktur. Das können die Ermittlungen aber derzeit nicht belegen. Auch nicht, ob die Gruppe – möglicherweise auch finanziell – unterstützt wird.
Was ist weiter über die Gruppe bekannt?
Allen Anschlägen ist gemeinsam, dass sie an abgelegenen, für Passanten schwer einsehbaren Orten auf Kabelschächte nachts oder früh morgens verübt wurden. Alle Taten seit 2011 wurden in Berlin oder Brandenburg begangen. Die Polizei fand an den Tatorten Brandbeschleuniger. Sieben der zehn Attentate wurden in der Nacht von Montag auf Dienstag verübt. Menschen kamen bei keiner Tat zu Schaden. Der Tathergang des jetzigen Anschlags in Lichterfelde zeigt, dass die Täter zunächst die Isolierung der Kabel mit einem Feuer entfernten und anschließend mit Stahlstangen einen Kurzschluss verursachten. Deshalb gehen Ermittler – wie schon bei ähnlichen Tatabläufen früherer Anschläge – davon aus, dass sich die Täter über einen längeren Zeitraum am Tatort aufgehalten haben müssen.
Welche Schlüsse können auch aus den aktuellen Bekennerschreiben gezogen werden?
In dem Schreiben werden als mögliche weitere Ziele neben künstlicher Intelligenz, Rechen- und Serverzentren, Techkonzerne, fossilen Kraftwerke, Flughäfen und Polizeidienststellen auch Luxuseigentum reicher Persönlichkeiten sowie Bürogebäude von Parteien – explizit der Grünen und Die Linke benannt. Es solle „alles in Reichweite unserer Möglichkeiten“ versucht werden, „dieser imperialen Lebensweise ein Ende zu setzen“. Das könnte darauf hindeuten, dass die Täter alle Mittel und Folgen bei künftigen Anschlägen erwägen.