Waschbär im Garten

Wenn der Waschbär zum nervigen Garten-Gast wird

Waschbären sind nicht mehr nur in der Natur unterwegs. Wie sich die Tiere in Deutschland entwickelt haben und warum Experten nicht auf die Jagd setzen.

Wenn der Waschbär zum nervigen Garten-Gast wird

Ein Waschbär treibt derzeit in einem Garten in Stuttgart-Feuerbach am Lemberg sein Unwesen.

Von Markus Brauer/dpa

Der 384 Meter hohe Lemberg ist ein Berg zwischen den Stuttgarter Stadtbezirken Weilimdorf und Feuerbach. Die Gegend besteht geologisch aus Schilfsandstein und Mergel, idealer Boden für Gärten. Und in solchen grünen Oasen inmitten pulsierender Städte wie Stuttgart fühlen sich putzigen, sehr anpassungsfähigen Wesen mit geringelten Schwanzpudelwohl: Waschbären.

Einem Gartenbesitzer und Leser unserer Zeitung sind jetzt gleich drei Schnappschüsse gelungen: Ein Waschbär klettert auf einen Obstbaum, hangelt sich geschickt von Ast zu Ast und streckt sich ganz lang, um an das schmackhafte Vogelfutter in einem Spender zu gelangen.

„Ein hausgemachtes Problem“

Was niedlich aussieht, stellt in Wirklichkeit ein ernstzunehmendes Problem dar. Sowohl in Stuttgart als auch landauf landab in Deutschland steigt die Zahl der Waschbären rapide, sagt Carolin Scholz, Biologin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) Berlin. „Das Problem ist, dass wir keine konkreten Zahlen haben“, erklärt sie.

Waschbären sind eine invasive Art – also in Deutschland nicht heimisch. 1934 wurden hierzulande erstmals vier Waschbären in Hessen gezielt freigelassen, erzählt die Biologin. „Das haben wir vielleicht damals noch nicht mitberechnet, aber eigentlich ist es ein hausgemachtes Problem“, so Scholz. Weitere Tiere entkamen in den 1940er Jahren aus einer Pelzfarm in Wolfshagen bei Strausberg nahe der Berliner Grenze. Seitdem ist ihr Bestand rasant gewachsen.

Mehr Meldungen über Waschbären

„Es gibt ganz grobe Schätzungen, dass wir wohl in Deutschland ein bis zwei Millionen Waschbären mittlerweile haben“, berichtet Scholz. „Aber dadurch, dass man kein gezieltes Monitoring und keine wissenschaftliche Begleitung macht, kann man das immer nur von Nebenfaktoren ableiten.“ Anhaltspunkte sind etwa Anrufe bei Tierorganisationen oder Behörden.

In Berlin beispielsweise gab es vor 25 Jahren im Schnitt zwei Anrufe pro Jahr wegen der kleinen Säugetiere, erzählt der Berliner Wildtierexperte Derk Ehlert. Inzwischen rufen schätzungsweise zehn Menschen am Tag an, die sich über die Tiere ärgern. Heutzutage gebe es die Waschbären in der ganzen Stadt.

Auch bei den Ordnungsämtern gehen immer mehr Beschwerden wegen durch Waschbären verursachter Schäden ein, wie der Senat vor einigen Wochen auf eine Anfrage der Grünen antwortete. Demnach wurden von 2020 bis 2025 in Berlin 83 Waschbären getötet. Gründe dafür seien etwa der Schutz sensibler Infrastruktur oder Hygieneanforderungen gewesen.

Welche Herausforderungen gibt es?

Die Tiere sind Scholz zufolge hervorragend an das Stadtleben angepasst und könnten etwa Mülleimer ausräumen oder Ernteschäden in Gärten anrichten. „Sie sind sehr mobil, sie können überall klettern. Mit ihren kleinen Händchen können sie überall reingreifen und Sachen öffnen.“ Aber auch an Gebäuden machen sie sich zu schaffen und richten etwa in Dachböden, an Ziegeln oder an der Dämmung Schäden an.

Außerdem sind die Tiere, die zur Familie der Kleinbären gehören, Allesfresser. „Im Naturschutz sehen wir vor allem das Problem, dass der Waschbär sich quasi an unseren heimischen Tieren verlustiert, die wir eigentlich schützen wollen“, erläutert Scholz. So essen sie etwa auch Amphibien, Eier und Küken.Richtiges Verhalten gegenüber Waschbären.

Wie verhält man sich am besten, wenn man einen Waschbären sieht?

„Auf keinen Fall füttern“, warnt die Expertin. Auch wenn die Tiere eher entspannt seien und Konflikte mieden, sollte man ihr zufolge nicht aktiv auf sie zugehen.

Außerdem empfiehlt sie, Futter für Katzen oder Vögel so zu präparieren, dass die Tiere nicht daran kommen können. Auch Mülltonnen müssten besser abgeschlossen und potenzielle Brutplätze vermieden werden. „Wenn man alles schön dicht hat unter dem Dach und waschbärsicher macht, dann ist das unproblematisch.“

Jagd als sinnvolles Mittel?

Was also tun, wenn sich die Waschbären immer weiter vermehren? Einfangen und in der Natur aussetzen ist in Deutschland gesetzlich verboten. Die einzige Option sei, sie in Wildtierauffangstationen zu geben, die deutschlandweit mehr als überfüllt sind, sagt die Biologin.

Ansonsten könnten sie nur von einer berechtigten Person, wie einem Jäger, getötet werden. „Eine nachhaltige Reduzierung durch eine Jagd allein wird voraussichtlich keinen Erfolg haben“, meint Wildtierexperte Ehlert.

Auch Scholz sieht die Jagd nicht als Lösung für das Management der Waschbären-Population. „Das ist immer sehr kurzfristig gedacht.“ Das zeigten Jahrzehnte von Daten.

Die Jagd könne lokal durchaus unterstützend und hilfreich sein, allerdings sei eine dauerhafte und nachhaltige Populationsreduktion dadurch nicht zu erreichen. „Gerade bei Waschbären und Füchsen ist es so, dass sie tatsächlich ein Sozialsystem haben, was darauf reagiert“, erklärt sie mit Blick auf die Bejagung.

Umdenken für ruhiges Miteinander nötig

Aus Sicht des Leibniz-IZW müsste mehr in die Entwicklung und Forschung von Sterilisationen und Kastrationsprogrammen investiert werden. „Die Tiere könnten einfach ihr Leben weiterleben und müssen nicht getötet werden oder in Auffangstationen groß werden, wo sie die ganze Zeit eingesperrt sind“, erläutert Scholz.

So werde gerade getestet, welche Möglichkeiten es gebe – etwa automatisierte Fallen, die mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz die jeweiligen Individuen erkennen und die Tiere mittels automatischer Injektion unfruchtbar machen könnten.

Auf jeden Fall muss man sich mit dem Anpassungskünstler arrangieren. „Wir werden den Waschbären in Deutschland perspektivisch nicht mehr loswerden. Ich glaube, die Illusion können wir jedem nehmen“, resümiert die Biologin. „Von daher sollten wir wirklich umdenken, wie wir ein ruhiges Miteinander mit dem Waschbären haben können.“