Lange waren Bettwanzen nur ein Mitbringsel aus fernen Urlaubsorten. Doch inzwischen finden sich die Tiere in vielen Wohnungen und selbst in entlgenen Alpenhütten breiten sich von dort aus. Das Problem: Man kann sich kaum schützen, und die Bekämpfung ist aufwendig.
Bettwanzen-Spürhund Linus schnüffelt im Beisein seiner Hundeführerin Laura Pannasch in einem Schlafraum des 1670 Meter hoch gelegenen Schneibsteinhauses nach Bettwanzen.
Von Markus Brauer/Sabine Dobel (dpa)
Linus schnüffelt: in Ecken, an Holzleisten, am Bett. Haben sich in der Berghütte ungebetene Gäste versteckt? Nicht Wanderern, sondern Bettwanzen ist Linus auf der Spur.
Der Mischling ist ausgebildeter Wanzenspürhund. Im 1670 Meter hoch gelegenen Schneibsteinhaus des Deutschen Alpenvereins (DAV) im Nationalpark Berchtesgaden ist er zur jährlichen Wanzenprophylaxe unterwegs. Hunde können die Blutsauger in ihren Verstecken in Ritzen und hinter Holzverschlägen aufspüren, wo der Hüttenwirt selbst bei akribischer Suche mit Stirnlampe nicht hinsieht.
Wie riechen Wanzen?
Dieses Mal hat Linus nichts Verdächtiges gefunden. Damit er trotzdem ein Erfolgserlebnis hat und ein Leckerli bekommen kann, hat Wanzenspürhundeführerin Laura Pannasch Röhrchen mit echten Wanzen sowie Papierschnipsel mit „Wanzenparfüm“ versteckt, hergestellt aus toten Wanzen in Alkohol. Es riecht leicht süßlich nach Bittermandel.
Wanzen haben einen schlechten Ruf. Den verdanken sie vor allem einem Vertreter ihrer Spezies – den Bettwanzen. Fragen und Antworten zu einer Plage, die immer mehr Menschen betrifft.
Woran erkennt man Wanzenbisse?
Wenn Sie morgens aufwachen und feststellen, dass irgendetwas Sie nachts gebissen hat, könnte es sich um eine Bettwanze handeln. Da Bettwanzen nachtaktive Tiere sind, überraschen sie ihren Wirt am Morgen mit einer ganzen Armada juckender Punkte, die sie in Kniekehlen, Armbeugen, am Bauch und an der Brust hinterlassen haben. Diese reihenartig angeordneten, kleinen Bissstellen deuten auf die Blutsauger hin.
Bettwanzen ernähren sich ausschließlich vom Blut ihrer Opfer. Der Speichel der Tiere enthält blutgerinnungshemmende Substanzen und löst bei empfindlichen Menschen stark juckende Quaddeln aus. Bei Wanzen beißen sich wie bei Flöhen sowohl die weiblichen als auch die männlichen Tiere an ihrem Wirt fest.
Ausgewachsene Schädlinge erkennt man mit dem bloßem Auge. Sie erreichen eine Länge von vier bis neun Millimeter, je nachdem ob sie mit Blut vollgesogen sind oder nicht. Ihre liebsten Behausungen sind Betten und Matratzen. In der Nacht werden sie von Wärme, Geruch und Atem des menschlichen Körpers angelockt.
Warum gibt es eine Bettwanzen-Plage auf Alpenhütten?
Ein Problem mit den Parasiten hat der Deutsche Alpenverein (DAV) schon seit längerem. Die Hüttenwirte wollen ihre Unterkünfte deutlich besser gegen Bettwanzen schützen. Schon seit einigen Jahren machen sich die winzigen Tiere auf Hütten breit: Zuerst im Kaisergebirge, dann auch im Zugspitzgebiet, im Allgäu und auch in Österreich.
Grund ist nicht zuletzt die Zunahme des Bergwander-Tourismus. Die Gäste schleppen die Tiere unwissentlich in ihren Schlafsäcken und Rucksäcken von einem Haus zum anderen, wo sie immer wieder mühsam bekämpft werden müssen. Nun rüsten sich Hüttenwirte beispielsweise mit Mikrowellen-Geräten, hellblauen Decken und besonderen Säcken für das Gepäck gegen die Wanzen.
Nimmt das Wanzen-Problem zu?
Die DAV-Hütten sind mit dem Problem nicht allein. Allerdings fehlen belastbare Zahlen. Wer betroffen ist, hält sich oft lieber bedeckt. Wer möchte schon, dass sein Haus mit Ungeziefer in Verbindung gebracht wird?
Weltweit kämpfen Hotels, Pensionen und Jugendherbergen mit der Plage. „Seit den 1990er Jahren beobachtet man weltweit eine Zunahme beim Auftreten dieser Wanzen“, erläutert die Biologin Carola Kuhn, Schädlingsexpertin beim Umweltbundesamt.
„Reisen weltweit – das ist der typische Ausbreitungsweg für die Wanzen.“ Die Tiere seien inzwischen resistent gegen Wirkstoffe, deshalb seien schwerer zu bekämpfen und würden sich stärker ausbreiten. Bettwanzen hätten nichts mit Hygienemängeln zu tun, so Kuhn. Die Tiere säßen hinter Leisten oder in Ritzen, da hilft auch Putzen nicht.
Sind Bettwanzen gefährlich?
Die Blutsauger sind sehr widerstandsfähig und haben eine Lebenserwartung von sechs Monaten. Sie sind aber für den Menschen, der ihr Hauptwirt ist, nicht gefährlich.
Das Risiko, dass die Insekten Krankheitserreger übertragen, ist äußerst gering. Der Befall hat auch nichts mit mangelnder Hygiene zu tun, wie das Umweltbundesamt betont.
Warum riechen Bettwanzen so übel?
Der penetrante Wanzengeruch stammt aus den Stinkdrüsen am Hinterleib Tiere. Bei Gefahr sondern sie ein übel riechendes und lange anhaftendes Sekret ab. Auch Bettwanzen erkennt man auch am Geruch. Wenn es süßlich-modrig im Zimmer riecht, ist das ein Hinweis, dass Bettwanzen ihr „Parfüm“ hinterlassen haben.
Was kann man gegen Bettwanzen tun?
Bettwanzen los zu werden, ist gar nicht so einfach. Da sie weder große Hitze noch Kälte mögen, kann man die befallenen Gegenstände auch für drei Tage bei minus 18 Grad einfrieren oder für eine Stunde bei mindestens 50 Grad in der Sauna erhitzen.
Verwanzte Bettwäsche steckt man einfach bei 60 Grad in die Waschmaschine. Bei Matratzen wird das aber schwierig. Wenn absaugen oder Bettwanzenspray nicht hilft, muss man die Matratze entsorgen.
Nur die Symptome von Bettwanzenbissen lassen sich behandeln. Gegen das Jucken helfen antiallergische Medikamente sehr schnell. Auch Juckreiz- und Schwellungsstillende Salben und Gels kann man verwenden.
Was kann man vorbeugend gegen Bettwanzen tun?
Schützen vor einem Befall kann man sich nicht. Man kann aber zum Beispiel in einem Hotel vor dem Einzug mit Gepäck das Zimmer genau absuchen und gegebenenfalls auf einen anderen Raum bestehen.
Grundsätzlich bietet es sich an, Gepäckstücke geschlossen zu halten und in größtmöglicher Entfernung zum Bett zu lagern. Auch Waren und Möbel, die Bettwanzen enthalten könnten, sollte man vor dem Kauf auf die Tiere überprüfen.
DAV steht zum Wanzenproblem
Der DAV steht mit seinem offenen Herangehen relativ alleine da. Jedes Jahr seien etwa 15 bis 20 der rund 325 DAV-Hütten betroffen, berichtet der Verband. Tendenz steigend. Ein Grund dürfte der Trend zu Bergsport sein, mit steigenden Übernachtungszahlen. 2024 waren es beim DAV mehr als 900.000.
Im Schneibsteinhaus hängen am Eingang, im Treppenhaus, in den Zimmern und sogar auf den Toiletten Hinweise auf das Wanzenproblem, verbunden mit der Bitte, den Rucksack – als Wanzentaxi – nicht ins Zimmer zu nehmen und den von der Hütte gestellten Schlafsack zu nutzen. Nur wenn die Gäste das Problem kennen und mithelfen, könne es bekämpft werden, sagt Hüttenwirt Stefan Lienbacher.
Soll man einen Kammerjäger rufen?
Bettwanzen verstecken sich aber hinter Bildern, Tapeten, Fußleisten, Lichtschaltern sowie in Ritzen und Spalten von Möbeln, Steckdosen, Elektrogeräte, Jalousien und Gardinen. Das Umweltbundesamt rät deshalb bei größerem Befall zur Bekämpfung durch Fachleute, wofür man durchaus mehrere Wochen einkalkulieren muss.
Maßnahmen in Eigenregie würden keine vollständige Beseitigung der Schädlinge zur Folge haben. Vielmehr besteht die Gefahr, dass man Insektizide falsch anwendet und somit seine Gesundheit aufs Spiel setzt.
Doch sind erst einmal Wanzen im Haus, wird es richtig teuer. An die 20.000 Euro koste der Kammerjäger, erklärt Gabi Schieder-Moderegger, Vorsitzende der DAV-Sektion Berchtesgaden, zu der das Schneibsteinhaus gehört. Es können aber auch 50.000 Euro werden. Der Hunde-Einsatz kostet „nur“ etwa 500 bis 2.000 Euro je nach Größe der Hütte.
Vor drei Jahren hatte das Schneibsteinhaus einen Befall. Ein Gast meldete Bisse. Zum Glück: Ehe die ganze Hütte befallen war, konnte Lienbacher den Kammerjäger holen, der befallene Matratzen unter einer Art Zelt auf 60 Grad erhitzte.
Hellblaue Decken und weiße Laken gegen Wanzenbefall
Zum Testschlaf danach kam die Sektionsvorsitzende Schieder-Moderegger: Aktion erfolgreich, kein Biss. Früher sei ein Wanzenbefall mit Schuldgefühlen behaftet gewesen, berichtet sie. „Bin ich schuld, hab’ ich etwas falsch gemacht?“ Mittlerweile sei klar: Es kann jeden treffen. Letztlich hat das Problem im Tal begonnen. Denn, so „Die Wanze ist kein Bergtier“, sagt DAV-Sprecherin Miriam Roth.
Um einen Befall schneller zu bemerken, hat das Schneibsteinhaus wie manche anderen Hütten farblich umgestellt: Hellblaue Decken statt braune. „Wir haben auch die Bettlaken ausgetauscht, früher waren sie dunkel, jetzt sind sie hell“, so Lienbacher. „Da kann man Spuren – Blutspuren, Kotspuren, Häutungshüllen – schneller erkennen.“
Claudia Essendorfer, Wirtin der Schönfeldhütte im Mangfallgebirge, setzt auf weiße Malerfarbe am Bettgestell, um Kotspuren zu sehen. „Schwarze Punkte, das sieht aus wie ein Fliegenkot. Deshalb haben wir uns damals gar nicht so viel dabei gedacht. Inzwischen sind wir sehr sensibilisiert“, sagt sie über den einzigen Befall. „Wir putzen die Zimmer mit Stirnlampen“, um die Tiere in dunklen Ecken zu finden.
Ab in die Mikrowelle und arrivedérci Wanzen
Jede Hütte ist anders und hat ihr eigenes Konzept. Am Rotwandhaus etwa heißt es: persönliche Sachen nur in Plastikkisten ins Zimmer, Hüttenschlafsack beim Check-in in die Mikrowelle. 30 Sekunden bei 600 Watt – das Küchengerät macht auch auf anderen Hütten den Krabbeltieren den Garaus.
Gerade an beliebten Fernwanderwegen, wo es von Hütte zu Hütte geht, steigt die Wanzengefahr. Solche Hütten lasse die Sektion zweimal jährlich prophylaktisch behandeln, erzählt Carolin Kalkbrenner, Ressortleiterin Hütten & Wege der Sektion München. Aber: „Das Wichtigste bei der Bekämpfung von Bettwanzen ist die Mithilfe unserer Gäste.“
Die Maßnahmen für zu Hause sind einfach: Rucksack über der Badewanne ausleeren, Kleidung mit 60 Grad waschen oder drei Tage bei minus 18 Grad einfrieren.