Woche der Pressefreiheit

Wie das große Zeitungssterben die USA verändert

In den USA wachsen lokale Nachrichtenwüsten – mit bitteren Konsequenzen für die Demokratie und das Gemeinwesen. Aber es gibt auch neue Hoffnung.

Wie das große Zeitungssterben die USA verändert

Ihr Besitzer Jeff Bezos spart die Washington Post kaputt, einst ein Flaggschiff des exzellenten Journalismus.

Von Thomas Spang

Zuletzt arbeiteten die Journalisten der „Pittsburgh Post-Gazette“ aus einem Lagerraum, umgeben von Archiven aus 240 Jahren Zeitungsgeschichte. Die Redaktion konnte sich ihr Büro nicht mehr leisten. Obwohl bereits ein Termin für die letzte Ausgabe der renommierten Regionalzeitung feststand, machten die Reporter weiter. Zwei Wochen vor der geplanten Schließung am 3. Mai kam die unerwartete Rettung. Das Venetoulis Institute for Local Journalism kaufte das Blatt. Die gemeinnützige Organisation aus Baltimore übernahm Marke, geistiges Eigentum und Kundenstamm. Für die Belegschaft fühlte sich der Moment an wie „ein kollektives Aufatmen“, beschreibt Reporterin Hallie Lauer die Erleichterung. Dabei ist die Geschichte dieser Rettung nicht nur Anlass zur Freude, sondern ein Alarmsignal.

Die „Pittsburgh Post-Gazette“ gehört zu den ältesten Tageszeitungen der USA. Seit 1927 führte die Familie Block das Blatt. Dann trieben wirtschaftliche Verluste und ein erbitterter Arbeitskonflikt den Verlag in die Enge. Das Oberste Gericht entschied im Januar zugunsten der 26 Redakteure, die auf Einhaltung eines seit Jahren ignorierten Tarifabkommens geklagt hatten. Ein Pyrrhussieg für die Journalisten, die am Tag darauf die Schließung des Blatts mitgeteilt bekamen. Dass es weitergeht, verdanken sie nicht dem Markt, sondern der Philanthropie. Das Venetoulis Institute betreibt bereits den „Baltimore Banner“, ein 2022 gegründetes Online-Nachrichtenportal mit knapp 80 000 zahlenden Abonnenten und einem Pulitzer-Preis für Lokalberichterstattung.

Der Fall Pittsburgh ist das jüngste prominente Beispiel für den Strukturwandel auf dem amerikanischen Zeitungsmarkt. Ein Trend, der sich seit der Jahrtausendwende abzeichnet. Laut Zahlen des Lokal-Journalismus-Projekts der Northwestern University (https://localnewsinitiative.northwestern.edu/projects/state-of-local-news) sank seit 2005 die Zahl der US-Zeitungen von 7325 auf 4490. Ein Rückgang um 40 Prozent. Allein im vergangenen Jahr stellten 136 Zeitungen ihr Erscheinen ein. Zwei pro Woche.

Das digitale Geschäft konnte die Verluste nur teilweise kompensieren. Denn auch der Online-Traffic der 100 größten Zeitungen sank in vier Jahren um 45 Prozent. Zach Metzger von der „Local News Initiative“ weist darauf hin, dass der Gebrauch von generativer KI in Suchmaschinen das Problem zuletzt verstärkte, weil sie Leser an den Nachrichtenseiten vorbei schleust.

Der digitale Zuwachs reicht nicht

Die Krise trifft längst nicht mehr nur Lokal- und Regionalzeitungen. Auch nationale Flaggschiffe gerieten in schweres Fahrwasser. Zuletzt machte die 2013 von Amazon-Gründer Jeff Bezos gekaufte „Washington Post“ negative Schlagzeilen über massive Einschnitte bei dem einstigen Inbegriff für amerikanischen Qualitätsjournalismus. Weil die Profite nicht mehr passten, entließ das Blatt Anfang Februar 2026 ein Drittel seiner Belegschaft. Auch die „Los Angeles Times“ und die „Chicago Tribune“ bauten massiv Personal ab.

In den USA beschleunigt sich auch der Rückzug aus dem Printgeschäft. Von den 100 größten Tageszeitungen erscheinen nur noch 61 täglich in gedruckter Form. 18 drucken vier Tage die Woche oder seltener. Die Zeitung „Star-Ledger“ aus New Jersey etwa stellte komplett auf Digital um. Die „Atlanta Journal-Constitution“ kündigte das Ende als Papierprodukt an.

Ohne Zeitung mehr Korruption

Die Folgen des Zeitungssterbens führen zu immer größeren Nachrichtenwüsten. Rund 50 Millionen Amerikaner leben in Landkreisen ohne lokale Nachrichtenquelle oder mit nur einer einzigen. 213 von 3144 Landkreisen haben kein Lokalmedium mehr. Mit Konsequenzen für das Gemeinwesen. Studien dokumentieren die Kettenreaktion. Wo Lokalmedien verschwinden, sinkt die Wahlbeteiligung. Das gesellschaftliche Engagement schwindet. Die Gefahr von Korruption steigt. Immer weniger Menschen kandidieren für öffentliche Ämter.

Die Hoffnung auf die heilende Kraft des Marktes weicht zunehmend der Einsicht, dass die Zukunft der freien Presse immer mehr von der Großzügigkeit jener abhängt, die bereit sind, für Journalismus zu zahlen, ohne eine Rendite zu erwarten. Ob das reichen wird, den Trend der vergangenen zwei Jahrzehnte umzukehren, bleibt trotz der guten Nachrichten von der „Pittsburgh Post-Gazette“ ungewisser denn je.

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Der Internationale Tag der Pressefreiheit wird jährlich am 3. Mai gefeiert, um die Bedeutung von freiem Journalismus für die Demokratie zu würdigen. Weltweit stehen seriöse Medien unter Druck – politisch, wirtschaftlich, technologisch. Autokratische Regime unterdrücken die Meinungsfreiheit, in Sozialen Medien werden ungeprüft Falschnachrichten, Hass und Hetze verbreitet. Aber wenn Ideologie wichtiger wird als Fakten, stirbt die Demokratie. Umso wichtiger wird in Zukunft fundierter Journalismus, der von verantwortungsbewussten, gut ausgebildeten, der Wahrheit und der Demokratie verpflichteten Menschen produziert wird – und nicht von Maschinen.

Aus diesem Grund feiern wir vom 27. April bis zum 3. Mai die „Woche der Pressefreiheit“ und veröffentlichen jeden Tag Texte, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Unterstützen Sie uns, unterstützen Sie Meinungsfreiheit und Demokratie, unterstützen Sie gut gemachten Journalismus.

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