Ratgeber: Aromatherapie

Wie Düfte das Gehirn berühren und Emotionen wecken

Ein Tropfen Lavendel aufs Kopfkissen, ein Hauch Orange in der Luft – ätherische Öle können weit mehr als nur angenehm riechen. Sie wirken über das Gehirn direkt auf Emotionen, Erinnerungen und körperliche Prozesse.

Wie Düfte das Gehirn berühren und Emotionen wecken

Seit Jahrtausenden verwenden Menschen Räucherwerk aus getrockneten Pflanzenteilen und Harzen zur rituellen oder medizinischen Reinigung.

Von Markus Brauer/KNA

Ein Atemzug kann Erinnerungen wecken, Gefühle verstärken, beruhigen. Ätherische Öle wirken mitunter tief auf die menschliche Gefühlswelt. Das kann man bewusst nutzen.

Direkter Draht zur emotionalen Schaltzentrale des Gehirns

„Die Wirkung ätherischer Öle ist vielfältig. Sie können inhaliert, auf die Haut aufgetragen oder in bestimmten Fällen auch innerlich angewendet werden. Doch die Inhalation ist die kraftvollste Form“, sagt Elisabeth Gaudernak, Ärztin für Allgemeinmedizin und Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin sowie medizinische Aromatherapeutin.

„Der Duft gelangt in Sekundenschnelle ins Gehirn und wirkt über das limbische System auf unsere Emotionen und das vegetative Nervensystem“, erklärt die Expertin. „Gleichzeitig erreichen die Duftmoleküle beim Einatmen die Lunge, wo sie lokal unterstützen, etwa bei Erkältungen.“

Gerüche nehmen im Gehirn einen Sonderweg

Zudem hat der Geruchssinn als einziger Sinn einen direkten Draht zur emotionalen Schaltzentrale des Gehirns, sagt Roland Salesse, Forscher für Neurobiologie mit Schwerpunkt auf dem Geruchssinn. Dadurch können Gerüche unmittelbar Emotionen auslösen und Erinnerungen aktivieren. Kurzum: Gerüche nehmen im Gehirn einen Sonderweg, den andere Sinneseindrücke nicht gehen.

Die Wissenschaft bestätigt, dass der Geruchssinn über besondere anatomische Verbindungen verfügt: Duftreize werden im Gehirn direkt verarbeitet und stehen in enger Verbindung zu emotionalen Zentren des limbischen Systems sowie zum Hippocampus, der eine zentrale Rolle für Gedächtnis und Erinnerung spielt.

Aromatherapie – Zweig der Phytotherapie

Den wohltuenden, belebenden und stärkenden Einfluss von Düften wird niemand bestreiten können. Seit Jahrtausenden verwenden Menschen Räucherwerk aus getrockneten Pflanzenteilen und Harzen zur rituellen oder medizinischen Reinigung.

Die moderne Aromatherapie, die auf diesen uralten Traditionen aufbaut, ist ein Zweig der Phythotherapie. Man versteht darunter die therapeutische Verwendung von Duftstoffen im Rahmen einer ganzheitlich orientierten Medizin, um Krankheiten, Infektionen, Beschwerden oder allgemeines Unwohlsein zu lindern oder zu heilen.

Begründer der neuzeitlichen Aromatherapie ist der französische Chemiker René Maurice Gattefossé, der im Jahre 1936 als Erster ein wissenschaftlich fundiertes Buch zu diesem Thema publizierte.

„Proust-Effekt“ - Gerüche wecken Erinnerungen

Kaum ein Sinn ist daher so eng mit Erinnerungen verbunden wie der Geruchssinn. Besonders deutlich wird dies am sogenannten Proust-Effekt. Er ist benannt nach dem französischen Schriftsteller Marcel Proust (1871-1922) und dessen berühmter Beschreibung davon, wie ihn der Duft des Gebäckstücks Madeleine in Tee in seine Kindheit zurückversetzte – aus seinem großen Zyklus, der fiktionalen Autobigrafie „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (französischer Originaltitel: „À la recherche du temps perdu“).

Forscher der Universität Hildesheim bestätigen, dass durch Düfte ausgelöste Erinnerungen oft weiter zurückreichen, emotional intensiver und im Schnitt positiver sind als solche, die durch andere Sinneseindrücke entstehen. „Jede Emotion, die wir erleben - Freude, Angst oder Geborgenheit - beginnt mit einem Impuls“, erklärt Gaudernak. „Dieser Impuls kann ein Duft sein. Danach übernimmt die Biochemie.“

Düfte und ihre komplexe Wirkweise

Jedes ätherische Öl besitzt eine unverwechselbare Note und eine ihm zugeschriebene heilende Wirkung. Aromaöle werden in der Regel nicht oral eingenommen, sondern inhaliert oder mittels einer Duftlampe verdampft. Die Wirkung einiger Öle (wie beispielsweise Thymian bei Husten) sind wissenschaftlich belegt.

Aromatherapeuten gehen davon aus, dass die Öle über eine Stimulation des limbischen Systems im Großhirn bestimmte biochemische Prozesse in Gang setzen. Die Öle werden aus den Wurzeln, Blüten, Stängeln und Blättern von Pflanzen destilliert. Die in ihnen enthaltenen Substanzen sollen auf den Hypothalamus im menschlichen Gehirn wirken, in dem das Gemütsempfinden lokalisiert ist.

Die Wirkweise der Aromatherapie ist schon auf Grund der chemischen Struktur der Öle äußerst komplex. Ätherische Öle können bis zu 100 chemische Verbindungen enthalten (von Phenolen und Oxiden über Alkohole und Ketone bis zu Terpenen und Aldehyden).

Ätherische Öle können beruhigend wirken (wie Bergamotte, Kamille und Salbei), aufhellend (wie Lavendel, Rose und Grapefruit), antiseptisch (wie Teebaum und Ringelblume) oder abschwellend (wie Pfefferminze, Kiefer und Eukalyptus).

Biochemie der Gefühle

Wie auf einen Duft reagiert wird, hängt davon ab, welche Botenstoffe das Gehirn ausschüttet. „Serotonin hebt die Stimmung, Dopamin motiviert und belohnt, Noradrenalin und Adrenalin aktivieren, Oxytocin schafft Nähe und Vertrauen, während Cortisol Stressreaktionen auslösen kann“, erläutert die Aromatherapeutin. So wirkt Lavendelöl eigentlich beruhigend, da es den Neurotransmitter GABA aktiviert, der das Nervensystem dämpft.

„Ist Lavendel jedoch mit einer belastenden Erinnerung verknüpft, kann derselbe Duft Stressreaktionen hervorrufen“, konstatiert die Expertin. Der Aromatherapie-Experte Robert Tisserand weist darauf hin, dass Düfte nie isoliert wirken: Neben der chemischen Zusammensetzung spielten der aktuelle Zusammenhang, Erwartung und persönliche Prägung eine zentrale Rolle.

Wenn Düfte belasten und wie man das ändern kann

Doch negative Gefühle durch Duft, das muss nicht so bleiben. „Es ist möglich, die Assoziation eines Duftes mit Stress zu verändern“, betont Gaudernak. Eine schrittweise Konfrontation könne helfen – ähnlich wie bei der Therapie von Ängsten.

„Man kann ein Öl zum Beispiel auf die Fußsohlen auftragen und mit Socken oder der Bettdecke abmildern. So wird es nicht primär gerochen, sondern über die Haut aufgenommen. Der Körper kann dann wie eigentlich vorgesehen auf den Duft reagieren – und die emotionale Negativbesetzung verblasst nach und nach.“

Ätherische Öle sind also mehr als nur eine angenehme Begleitung für die Sinne. Sie können zur Balance beitragen. „Manchmal öffnen sie Türen zu schönen Erinnerungen, manchmal auch zu schwierigen. Doch genau darin liegt ihr Potenzial: Wir können sie nutzen, um unser seelisches Gleichgewicht zu stärken, Stress zu regulieren und neue positive Verknüpfungen zu schaffen“, resümiert Gaudernak.

Info

Ätherische Öle

Gute Öle haben ihren Preis Beim Kauf sollte man auf Qualität achten, die allerdings ihren Preis hat. Die Herstellung von Aromaölen ist aufwendig und teuer. Man sollte nur naturreine Öle kaufen, die mit der Aufschrift „100 Prozent ätherische Öle“ versehen sind. Daneben werden im Handel auch synthetische Öle angeboten, die als naturidentische oder Parfümöle deklariert werden.

Wie verwendet man Aromaöle?

• Ein heißes Ölbad wirkt belebend, erfrischend, entspannend oder beruhigend.

• In eine Duftlampe geträufelt, entfaltet sich der intensive Duft bald im ganzen Raum.

• Bei Erkältungen, Bronchitis oder Sinusitis kann eine Inhalation Nase und Nebenhöhlen befreien.

• Bei Muskelkater und Prellungen können Kompressen und Wickel mit einigen Tropfen Öl helfen.

• Massageöle regen den Stoffwechsel und die Durchblutung an und lindern Hautprobleme.

• Bei Kopfschmerzen ist reines Pfefferminzöl indiziert, das auf die Stirn und Schläfen einmassiert wird.

Tipps für den Gebrauch

• Unverdünnte Öle nie direkt auf die Haut auftragen. Einige ätherische Öle können allergische Reaktionen hervorrufen.

• Innere Anwendungen sind für den Eigengebrauch ungeeignet und müssen mit dem Arzt oder Heilpratiker abgeklärt werden.

• Beim Inhalieren unbedingt Augen schließen.