Krieg in der Ukraine

Wie lange kann Selenskyj die Last des Krieges tragen?

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist vom Schauspieler zum Sinnbild einer widerstandsfähigen Nation geworden.

Wie lange kann Selenskyj die Last des Krieges tragen?

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bei der Münchner Sicherheitskonferenz: gezeichnet vom Krieg.

Von Franz Feyder

Kyjiw, Bankowa-Straße, Nacht. Die Kamera wackelt leicht. Kein Teleprompter, kein Studiolicht. „Wir sind hier“, sagt Wolodymyr Selenskyj mit ruhiger, fester Stimme. Neben ihm stehen Premier, die Fraktionschefs des Parlaments, seine Berater. Es ist der 25. Februar 2022 – seit ein paar Stunden greifen russische Truppen nicht nur im Süden, sondern die ganze Ukraine an. Das Video dauert nur Sekunden – und markiert doch einen Wendepunkt. In diesem Moment verdichtet sich die Biografie eines Mannes, der gelernt hat, mit einem Publikum zu sprechen – und nun zu einer Nation.

Selenskyj, geboren im Januar 1978 in Krywyj Rih, wuchs in dieser Industriestadt auf. Der Vater Professor für Kybernetik, die Mutter Ingenieurin. Kein politischer Stallgeruch, kein mythenumwobener Dissident. Stattdessen Mathematik, Stahlwerke, Plattenbau. Er studierte Jura, wurde aber kein Jurist. Ihn rief die Bühne, nicht das Gericht.

Im Comedy-Format KWN lernte er Timing, Pointe, auf Applaus zu reagieren – und auf Stille. Mit der Produktionsfirma Kvartal 95 baute er ein Imperium auf: Die TV-Serie „Diener des Volkes“ machte ihn landesweit bekannt: Ein Lehrer wird zufällig Präsident und bekämpft korrupte Eliten. Eine politische Fantasie, die bald zur Blaupause Selenskyjischer Politik wird.

Als er 2019 kandidiert, hielten ihn viele für eine Laune des Jetzt. Amtsinhaber Petro Poroschenko warnte vor Unerfahrenheit. Internationale Beobachter sprachen vom „Comedian ohne politische Praxis“. Doch die Stichwahl gewann Selenskyj mit 73 Prozent. Weniger ein Triumph seines Programms als ein Votum gegen das Establishment.

Psychologisch betrachtet ist dieser Moment aufschlussreich: Selenskyj ist kein Ideologe. Er ist Resonanzpolitiker. Er liest Stimmungen, antizipiert Erwartungen, reagiert schnell. Seine Karriere war immer dialogisch – Publikum und Performer, Aktion und Reaktion. Politik wird für ihn zur erweiterten Bühne. Sein Markenkern: Selenskyj versteht Dramaturgie.

Der Comedian transformiert

Ukrainische Medien wie „Ukrainska Pravda“ oder „Hromadske“ berichteten kritisch über Personalentscheidungen im Präsidialamt, über seine Nähe zu Vertrauten, über stockende Reformen. Der Reformer wirke bisweilen wie ein Machtpolitiker in Einarbeitung. Zustimmungswerte sanken, Zweifel wuchsen.

Bis zum 24. Februar 2022. Der Schauspieler verschwand nicht; er transformierte. Aus Ironie wurde Pathos. Aus Satire wurde Ernst. Seine tägliche Videobotschaft – oft in olivgrün – ist keine bloße Information. Sie ist Ritual. Sie bestätigt seine Präsenz. Wolodymyr Selenskyj nimmt Angst auf und gibt Struktur zurück.

Für den französischen Präsident Emmanuel Macron verkörpert Selenskyj „Würde unter Beschuss“. Für den ehemaligen US-Präsidenten Joe Biden ist er ein „Mann mit Mut“. Solche Sätze sind Diplomatie – und sie spiegeln die reale Wahrnehmung: Standhaftigkeit als politisches Kapital. Gleichzeitig bleibt er Projektionsfläche. Für viele Ukrainer ist er das Symbol des Widerstands. Für Kritiker im In- und Ausland ist er der Präsident, der Macht zentralisiere und unter Kriegsbedingungen demokratische Verfahren aussetze – dabei sieht die Verfassung Wahlen unter Kriegsrecht nicht vor.

Selenskyj bietet ein ambivalentes Bild: Kontrollmensch und Improvisator. In Interviews wirkt er wach, schnell, gelegentlich ungeduldig. Er füllt den Raum, in dem Reporter auf ihn warten. Um sich dann auf die Stufen zu setzen, die zur Bühne führen und Augenhöhe herzustellen. Er unterbricht, wenn er seine Gedanken für präziser hält. Er sucht Nähe, aber bestimmt den Rahmen. Wer mit ihm arbeitet, beschreibt seine hohe Intensität. Ein ehemaliger Mitarbeiter zitierte ihn: „Wir haben keine Zeit für Zweifel.“

Ukrainisch sein ist eine Haltung

Selenskyjs Identität bleibt vielschichtig. Ein russischsprachiger Jude aus dem Südosten führt ein Land im Abwehrkampf gegen Russland. Einer, der Chuzpe hat: Während der Münchener Sicherheitskonferenz bietet er Russland den Waffenstillstand an. Wenn „es unabhängige und freie Wahlen“ in Putins Diktatur gebe. Selenskyjs Biografie unterläuft einfache Narrative. Vielleicht liegt darin seine Stärke: Er verkörpert kein ethnisches Ideal, sondern eine politische Entscheidung. Ukrainisch sein als Haltung, nicht als Herkunft.

Was treibt ihn an? Weggefährten sprechen von Pflichtgefühl, von Ehrgeiz, von historischer Selbstvergewisserung. Selenskyj selbst formuliert es nüchterner: Macht sei für ihn „keine Dekoration, sondern Verantwortung“. Ein Satz, der nach Schauspiel klingt – und die reale Last beschreibt.

Wie lange kann er die Rolle tragen, die ihm die Geschichte zuschreibt

Am Ende bleibt ein Paradox. Der Mann, der den Präsidenten spielte, musste lernen, keiner mehr zu sein – sondern einer zu werden. Seine größte Fähigkeit, die Inszenierung, sie wurde im Krieg zur Überlebensstrategie. Doch jede Inszenierung verlangt Energie. Die Frage ist nicht nur, wie lange sein Land Widerstand leisten kann. Sondern auch, wie lange ein Mensch die Rolle tragen kann, die ihm die Geschichte zuschrieb.

Selenskyj wirkt entschlossen, zunehmend müde, selten sentimental. Er wird vom Comedian zum Staatsmann, der Hoffnung organisiert: „Wir sind hier.“